Ehret die Arbeit…

Ein Loblied auf die Arbeiterklasse! Viel zu selten werden heute diejenigen Menschen geehrt, die tagtäglich fleißig ihre Arbeit verrichten und denen oft nicht einmal der ihnen zustehende Lohn gezahlt wird, der notwendig ist, um den Lebensstandard zu erhalten, sondern lediglich ein existentielles Minimum, das gerade mal zum Überleben reicht, und denen – wie Karl Marx schreibt – der „für die physische Existenz des Geschlechts notwendige Rest vermittels der Armengesetze“ [1] aufgebracht werden muß. Heute sagt man dazu: das sind die „Aufstocker“, die zusätzlich zu ihrem kärglichen Lohn (von bspw. 7,50 € pro Stunde) noch Sozialhilfeleistungen beantragen müssen, um nicht unter die Armutsgrenze zu fallen, um die Miete bezahlen zu können, ja – die ansonsten wohl verhungern müßten. Und das in einem der reichsten kapitalistischen Länder der Welt! Hier gibt es eben „Tafeln“ wie anderswo Suppenküchen. Armutsberichte, deren Ergebnisse nur sporadisch an die Öffentlichkeit gelangen, bezeugen dies: „In Deutschland leben über 2,5 Millionen Kinder in Einkommensarmut. Dies entspricht etwa 19,4 Prozent aller Personen unter 18 Jahren.“ [2] Deshalb: Ehret die Arbeit! Und wer keine Arbeit hat, der hat in der kapitalistischen BRD nicht einmal das Recht auf einen Arbeitsplatz, geschweige denn auf angemessene Entlohnung!
Wie lange willst du noch darum betteln, daß man dich arbeiten läßt, Arbeitsloser?
Wie lange willst du dich noch ausbeuten lassen, Prolet?

Ferdinand Freiligrath

Ferdinand Freiligrath (1810-1876)

EHRET DIE ARBEIT

Wer den wucht’gen Hammer schwingt;
wer im Felde mäht die Ähren;
wer ins Mark der Erde dringt,
Weib und Kinder zu ernähren;
wer stroman den Nachen zieht;
wer bei Woll‘ und Werg und Flachse
hinterm Webestuhl sich müht,
daß sein blonder Junge wachse: –

Jedem Ehre, jedem Preis!
Ehre jeder Hand voll Schwielen!
Ehre jedem Tropfen Schweiß,
der in Hütten fällt und Mühlen!
Ehre jeder nassen Stirn
hinterm Pfluge! – Doch auch dessen,
der mit Schädel und mit Hirn
hungernd pflügt, sei nicht vergessen!

Ferdinand Freiligrath
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Der Dichter Ferdinand Freiligrath

Freiligrath, in Detmold geboren, entstammte einer armen Lehrerfamilie. Er mußte den Besuch des Gymnasiums vorzeitig abbrechen und trat in die Kaufmannslehre. Dieser Beruf bildete fast sein ganzes Leben lang die materielle Grundlage seiner Existenz, aber schon sehr bald empfand er drückend dessen kleinbürgerliche Enge. Mit zum Teil romantischen Gedichten über ferne Länder versuchte er darum, sich in eine Phantasiewelt zu flüchten. Gegenüber der politischen Entwicklung in Deutschland verhielt sich der Dichter anfangs zurückhaltend, aber 1844 veröffentlichte er einen neuen Gedichtband. „Ein Glaubens-bekenntnis“. Im Vorwort dazu sagt er: „Solange der Druck währt, unter dem ich mein Vaterland seufzen sehe, wird mein Herz bluten und sich empören, sollen mein Mund und mein Arm nicht müde werden, zur Erringung besserer Tage nach Kräften das ihrige mitzuwirken!“

Wer die Wahrheit sagt, der wird verfolgt

Diese mutigen Worte – im reaktionären Deutschland ausgesprochen – zwangen den Dichter zur Emigration. In Brüssel lernte Freiligrath Karl Marx kennen, mit dem ihn eine langjährige Freundschaft verbinden sollte. Bald darauf siedelte er in die Schweiz über. Hier veröffentlichte er 1846 die Gedichtsammlung „Ça ira!“ (= Es wird gehen). Sie enthält auch, das eindringliche Gedicht „Von unten auf“, in dem das revolutionäre proletarische Klassenbewußtsein deutlich zum Ausdruck kommt und das nach Franz Mehrings Worten der „Gipfel der sozialistischen Lyrik“ Freiligraths ist.

Die Revolution wird siegen, denn: „…sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!“

Als die bürgerlich-demokratische Revolution von 1848 ausbrach, kehrte der Dichter in seine Heimat zurück. Er schrieb das Revolutionsgedicht „Die Toten an die Lebenden“ (1848), das außerordentlichen Widerhall fand. Die Regierung verfolgte ihn wegen des Gedichtes und machte ihm einen Hochverratsprozeß; er mußte jedoch freigesprochen werden. Durch seine Teilnahme an den revolutionären Kämpfen erwarb er sich den Ehrentitel „Trompeter der Revolution“. Freiligrath trat dem Bund der Kommunisten bei und arbeitete in der Redaktion der „Neuen Rheinischen Zeitung“ eng mit Karl Marx zusammen. In Freiligraths Revolutions-gedichten (z.B. „Die Revolution“) ist der Geist von Marx bis in die einzelnen Gedanken und Wendungen zu spüren“ (Mehring). Sie wurden durch Flugblätter schnell in ganz Deutschland verbreitet. Die letzte Nummer der „Neuen Rheinischen Zeitung“ vom 19. Mai 1849 enthielt des Dichters trotziges „Abschiedswort der Neuen Rheinischen Zeitung“: „Nun ade – doch nicht für immer ade! Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!“ Zwei Jahre später mußte der Dichter Deutschland erneut verlassen. Aus dem englischen Exil kehrte er – „immer noch der alte Achtundvierziger“ – 1868 nach Deutschland zurück, wo er 1876 starb. [3]

Quelle:
[1] Karl Marx: Lohn Preis und Profit, in: Marx/Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Bd.III, Dietz Verlag Berlin, 1987, S.123.
[2] Deutscher Kinderschutzbund: Kinderarmut in Deutschland, siehe hier:
http://www.dksb.de/CONTENT/SHOWPAGE.ASPX?CONTENT=459&TPL=0
[3] Übersichten und Biographien zum Literaturunterricht Klasse 8-10, Volk und Wissen, Volkseigener Verlag Berlin, 1965, S.49f. (Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

P.S. In der DDR gab es keine Arbeitslosigkeit und keine Armut. Und es gab keine Ausbeutung mehr! Um diese EHRE, um dieses RECHT auf ARBEIT musen wir erst wieder KÄMPFEN.

Siehe:
DDR: Das Recht auf Arbeit
Leben in der DDR
Ein kinderfreundliches Land

5 Gedanken zu “Ehret die Arbeit…

  1. Was du schreibst, ist wohl richtig und „Ehret die Lyrik“ des Ferdinand Freiligradt. Er hat sich da sehr viel Gedanken um die Arbeit gemacht.

    Die Zeiten haben sich gewandelt und Arbeit ist ein Druckmittel der Arbeitgeber geworden. Wenn du nicht „spurst“ dann fliegst du. Ich persönlich habe diese Erfahrung gemacht. Bei jedem bisschen kommen solche Sprüche: „Sehr viele würden sich alle zehn Finger ablecken, um so einen tollen Job wie ich einen habe.“ Oder etwas subtiler: „Läuft nicht bald ihr Vertrag aus?“

    Ich fühle mich da einfach erpresst und es ist sozusagen ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Weil es anscheinend ein unantastbares Heiligtum ist, die Firmen mit ihren Zäunen und Schlagbäumen, die nicht nur Spione und Diebe abwehren, sondern auch unsere Grundrechte.

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  2. Da hast Du völlig recht, Luise. Die Firmen sind eben Privateigentum und die Angestellten so gut wie ihre Sklaven. Aber zu den vielgepriesenen „Grundrechten“ gehört heute das wohl zweitwichtigste Recht nicht: das Recht auf ARBEIT. Immer wieder komme ich auf die DDR zurück. Hier hatte jeder „Assi“ das verbriefte Recht auf einen Arbeitsplatz. Auch aus dem Knast Entlassene wurden wiedereingegliedert, und wir mußten uns als Kollektiv darum kümmern (heute ist die Rückfallquote übrigens bei 73 % – damals war kaum jeder zehnte rückfällig)…

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  3. Dass die von einem Kapitalisten für eine bestimmte Zeit für einen bestimmten Gebrauch vorgesehene gekaufte Ware Arbeitskraft nach der Pfeife dieses Kapitalisten oder seiner Bevollmächtigen zu tanzen hat, hat die „freie Marktwirtschaft“ nun mal so an sich.
    „Rächen“ kann man sich dafür ja dann in dieser Demokratie alle vier Jahre mit dem Stimmzettel, ganz nach dem Motto der Sozialdemokraten seit Kaiser’s Zeiten: „Wahltag ist Zahltag!“
    Und in der Zwischenzeit dürfen Herr und Frau Proletarier schimpfen und jammern…
    Bei Zuwiderhandlungen, zuviel Widerborstigkeit treten dann die Jobcenter in Aktion, Sanktionen, „Maßnahmen“ stellen die „marktwirtschaftliche“ Disziplin bald wieder her!

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