Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen

Schallplatte Ernst Busch

I
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!
Das arglose Wort ist töricht. Eine glatte Stirn
Deutet auf Unempfindlichkeit hin. Der Lachende
Hat die furchtbare Nachricht
Nur noch nicht empfangen.

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist.
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!
Der dort ruhig über die Straße geht
Ist wohl nicht mehr erreichbar für seine Freunde
Die in Not sind?

Es ist wahr: ich verdiene noch meinen Unterhalt
Aber glaubt mir: das ist nur ein Zufall. Nichts
Von dem, was ich tue, berechtigt mich dazu, mich sattzuessen.
Zufällig bin ich verschont. (Wenn mein Glück aussetzt, bin ich verloren.)

Man sagt mir: iß und trink du! Sei froh, daß du hast!
Aber wie kann ich essen und trinken, wenn
Ich dem Hungernden entreiße, was ich esse, und
Mein Glas Wasser einem Verdurstenden fehlt?
Und doch esse und trinke ich.

Ich wäre gerne auch weise.

In den alten Büchern steht, was weise ist:
Sich aus dem Streit der Welt halten und die kurze Zeit
Ohne Furcht verbringen.
Auch ohne Gewalt auskommen,
Böses mit Gutem vergelten
Seine Wünsche nicht erfüllen, sondern vergessen,
Gilt für weise.
Alles das kann ich nicht:
Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!

II
In die Städte kam ich zur Zeit der Unordnung
Als da Hunger herrschte.
Unter die Menschen kam ich zur Zeit des Aufruhrs
Und ich empörte mich mit ihnen.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Mein Essen aß ich zwischen den Schlachten.
Schlafen legte ich mich unter die Mörder.
Der Liebe pflegte ich achtlos
Und die Natur sah ich ohne Geduld.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Straßen führten in den Sumpf zu meiner Zeit.
Die Sprache verriet mich dem Schlächter.
Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

Die Kräfte waren gering. Das Ziel
Lag in großer Ferne
Es war deutlich sichtbar, wenn auch für mich
Kaum zu erreichen.
So verging meine Zeit,
Die auf Erden mir gegeben war.

III
Ihr, die ihr auftauchen werdet aus der Flut
In der wir untergegangen sind
Gedenkt
Wenn ihr von unseren Schwächen sprecht
Auch der finsteren Zeit
Der ihr entronnen seid.

Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd
Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt
Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung.
Dabei wissen wir doch:
Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein.

Ihr aber, wenn es so weit sein wird
Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
Gedenkt unserer
Mit Nachsicht.

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Quelle:
Ernst Busch: An die Nachgeborenen, VEB Deutsche Schallplatten, Berlin, herausgegeben von der Akademie der Künste, Berlin (DDR), 1978. (Das Gedicht spricht Bertolt Brecht)

Siehe auch:
Bertolt Brecht: VOLKSBEFRAGUNG

7 Gedanken zu “Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen

  1. Kunst ist eine Waffe! In der DDR waren wir eine Zeit lang nicht übel im gebrauch dieser klugen Waffe.

    Gerade Brecht wurde im Kapitalismus schon immer verhunst, um ihm seine Kraft zu nehmen.

    Ich möchte hier einen Brecht-Schüler der über Brecht hinausging zitieren, Peter Hacks (betreff Hacks´ Übersiedlung in die DDR): „Es war dies das erste Mal, daß ich mehr Verstand zeigte als Brecht.“ Dies war Hacks Kommentar auf den eher dämpfenden Rat Brechts bezüglich der Übersiedlungsfrage.

    Hacks war dann am richtigen Platz, solange es die DDR gab.

    Ich zitiere hier nun einen Brief von Hacks an J. Oehme aus 2003, der immer noch seine Gültigkeit hat, wie ich meine.

    Hacks an Johannes Oehme (25.03.2003)

    Ihre Abhandlung. – Richtig, jede Revolution endet mit einem Thermidor, einem Zurücksetzen aus der heroischen Illusion ins gesellschaftlich Durchführbare. Das ist keine Intrige der Reaktion, es ist eine Intrige des Weltgeists. Im Undurchführbaren kann und mag kein Hund leben. Die Ausmittlung des historisch Möglichen durch ein Kräftemessen von Revolution, Konterrevolution und allen ihren Kompromißzuständen ist ein immer beobachtenswertes, aber auch extrem verschwenderisches Verfahren. Wenn Sie die Meinung eines Menschen höhren wollen, der das Recht hat, Sie mit Erfahrungen zu langweilen: Man wird jede Revolution billigen und befördern, aber man hüte sich irgendeine von ihnen zu lieben.

    (…)

    Die sozialistische Revolution. Ich teile sehr Ihre Meinung, daß der Sozialismus nicht an seinen Unvollkommenheiten zu Grunde gegangen sei. Freilich mit einem Begriff wie dem seiner „nahezu grundlosen Kapitulation“ können wir wissenschaftlich kaum leben, und die Ursache, aus welcher die Welt von Stalin bis zu Chruschtschow zusammenbrach, werden wir den Hörern schon zu liefern haben. Aber dem Schluß, den Sie ziehen, ziehen Sie zu Recht: Der Sozialismus muß einfach neu angegangen werden. André Müller und ich haben uns einmal mit der Frage unterhalten: Würdest Du nachträglich irgendeine Sache anders machen wollen, als unsere (oder die sowjetische) Partei es gemacht hat? Und trotz einiger angewandter Denkarbeit gelangten wir beide zu der Antwort: Nichts Prinzipielles.

    Deutschland. Versuchen Sie nicht, gegen Preußen zu maulen, es wird nichts draus. Aus Preußen ist zu Recht Deutschland geworden und aus Deutschland zu Recht die DDR. Wir waren hier immer wer, und wir sind wer.

    Der keynesianische Imperialismus. Er ist ebenso obsolet wie der übrigens gleichalte „neoliberale“ Freihandelsimperialismus. Das Kapital hat inzwischen Individuen wie Blair, Schröder, Riester, Mehdorn, Ron Sommer u.a. Narren angesetzt, um ein wirklich Neues, den „reinen Imperialismus“, zu installieren, das ist jenes merkwürdige Konzept, worin die Monopole die bisher höchste Profitrate und aber nicht einen einzigen zahlenden Kunden mehr haben. Ich weiß nicht, was es soll, aber es ist das, womit wir zur Zeit zu tun haben. Sie schlagen vor, den Imperialismus zu widerlegen; es ist dies eine Mühe, die er Ihnen im Grunde schon selbst abnimmt. Die vielen Leute, die gegen Bush demonstrieren, wirken auf mich nicht besonders intelligent. Der, der Bush unablässig widerlegt, sind nicht die Massen, sind nicht die Führer der Massen, es ist gottlob, George Bush.

    Ihr
    Peter Hecks

    Zitiert aus: Topos 23 (Leichte Kürzung von mir)

    Ersetzt die Namen durch Gegenwärtige und es stimmt weiterhin. (Bei der Beurteilung ob unsere Parteien anders hätten können, hätte es Hacks genauer wissen können – und wußte es wohl. Er aber sah immer genereller und parteilich auf unsere Sache).

    Und den Imperialismus doch mit Wort zu widerlegen ist tauglich für jene, die es eben bedenken wollen. Und dafür kann bei den Klassikern gelesen werden oder in solch fortschrittlichen und munteren Blogs wie hier bei „Sascha“.

    Hacks Brief stimmt mich gerade im Heute optimistisch.

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  2. Große Koalition. Wir wissen: der Imperialismus beschwindelt das Volk, wie es sich beschwindeln läßt. Der ganz normale Imperialismus eben. Unsere Enkel aber werden uns einst befragen.

    Jetzt jedoch ist eben noch nicht soweit. Die revolutionäre Situation entwickelt sich. Und unsere müssen noch ihre Arbeit machen. Die revolutionäre Partei ist noch nicht beisammen.

    Um daran nun nicht zu trüb zu werden, hier dies.

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  3. Es wird bekannt sein. Für die Gelegenheitsleser die Erinnerung, am 30.11. findet in Berlin der 28 PT der KPD statt. Ich bin gespannt. Bei dem ausweitenden Opportunismus und Revisionismus der Linkspartei hätte die KPD dem Proletariat zu ZEIGEN, dass die KPD ihre Partei ist …

    (Bei der Stellungnahme der KPD zu dem verbrecherischen Beschluss der Linkspartei betreff „Gedenktafel“ haben sie allerding den Namen Stalin ganz rausgelassen und auch nicht klar gemacht, dass das Motiv für diese Tafel eben Antistalinismus, Antikommunismus ist. Wer die Namen seiner Helden nicht mehr nennt um, ja was, beim Klassenfeind(!) nicht anzuecken?, der zeigt nicht gerade Courage im Klassenkampf)…

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