Die Familie als kleinste Zelle der Gesellschaft

Familie1914Die Familie, so lesen wir im Leipziger Brockhaus-Lexikon von 1914, sei die
„natürliche Grundform alles gesellschaftlichen Lebens.“ [1] Stimmt das eigentlich noch?
Im Kapitalismus, in dem wir heute leben, sind gesellschaftliche Strukturen und damit auch die Formen des Zusammenlebens der Menschen ständigen Veränderungen unterworfen. Nicht nur, daß sich der Klassenwiderspruch zwischen Lohnarbeitern und den Kapitalisten weiter zuspitzt, nicht nur, daß Selbständige und Kleinunternehmer in die Abhängigkeit oder in die Arbeitslosigkeit getrieben werden, nicht nur, daß die Verelendung bestimmter Teile der Gesellschaft zunimmt, auch die familiären Verhältnisse verändern sich. Die Gewalt der Tatsachen, so schreibt Karl Marx, zwang dazu, „endlich anzuerkennen, daß die große Industrie mit der ökonomischen Grundlage des alten Familienwesens und der ihr entsprechenden Familienarbeit auch die alten Familienverhältnisse auflöst.“ [2] Oder, anders gesagt: „Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein reines Geldverhältnis zurückgeführt.“ [3] (In der DDR waren wir da schon mal weiter, aber darauf kommen wir noch zu sprechen.)

Die Familienverhältnisse sind also abhängig von den jeweiligen gesellschaftlichen, den sozialökonomischen Verhältnissen, und diese Verhältnisse haben sich über Generationen, im Laufe der Jahrhunderte erheblich gewandelt. Und es ist auch klar, daß die sozialistische Gesellschaftsordnung, wo das Privateigentum an den entscheidenden Produktionsmitteln, also die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen abgeschafft wurde – wie eben beispielsweise in der DDR – die besten Möglichkeiten für ein harmonisches und geordnetes Familienleben bietet. Sicherlich gab es auch damals familiäre Streitigkeiten, es gab Ehescheidungen und Konflikte, doch niemals war die Nicht-Aufrechterhaltung einer zerbrochenen Ehe für einen der beiden Partner (heute fast immer für die Frauen) mit existentiellen Nöten verbunden, niemals gab es Scheinehen oder Zweckehen, die lediglich einem der beiden Partner (teils erhebliche) finanzielle Vorteile verschaffen.

I. Die Ehe im Kapitalismus

Eine Umwandlung der patriarchalischen Form der Einzelehe vollzog sich erst im Zeitalter des Kapitalismus, in dem sich Bourgeoisie und Proletariat als Klassen gegenüberstehen. Mit dem Sieg des Kapitalismus und der modernen Technik wurden bei zunehmender Arbeitsteilung viele Dinge des täglichen Bedarfs in Fabriken hergestellt. Die moderne Industrie, die in der Lage war, die Produkte billiger herzustellen als die Hauswirtschaft, entzog der Frau einen Zweig ihrer alten Tätigkeit im Haushalt nach dem anderen. Zugleich aber zwang die Industrie die gesamte Familie des Arbeiters Tag und Nacht in ihren Dienst. Die Löhne waren so gering, die Not in den Arbeiterfamilien, stieg derart, daß Frauen und selbst Kinder gezwungen waren, in harter Fabrikarbeit ihre Gesundheit zu opfern.

Zerrüttete Familienverhältnisse

Da fast alle Mitglieder einer proletarischen Familie genötigt waren, vom frühen Morgen bis in die späte Nacht – voneinander getrennt – in den Fabriken zu arbeiten, lernten sie ein Familienleben, das jedem einzelnen Mitglied Stütze und Halt gibt, kaum kennen. Übrig blieb im wesentlichen nur die gemeinsame Schlafstätte. Immer geringer wurde in diesen Familien der Einfluß der Frau auf die Erziehung der Kinder. Diese Verhältnisse trugen notwendigerweise dazu bei, die Familienbande bei den Arbeitern immer mehr aufzulösen. Karl Marx sagte darüber im. „Kommunistischen Manifest“: „Die bürgerlichen Redensarten über Familie und Erziehung, über das traute Verhältnis von Eltern und Kindern werden um so ekelhafter, je mehr infolge der großen Industrie alle Familienbande für die Proletarier zerrissen und die Kinder in einfache Handelsartikel und Arbeitsinstrumente verwandelt werden.“

Das Familienverhältnis als Geldverhältnis

In den Kreisen der Bourgeoisie, die im Laufe des 19.Jahrhunderts das Handwerkertum aus seiner bisherigen Stellung verdrängte, wurde die Ehe zunehmend ein Geldgeschäft. Das gleiche traf für die Aristokratie zu, die ebenfalls dazu überging, nach kapitalistischen Grundsätzen zu wirtschaften. Marx schrieb daher im „Kommunistischen Manifest“: „Die Bourgeoisie hat dem Familienverhältnis seinen rührend-sentimentalen Schleier abgerissen und es auf ein Geld-Verhältnis zurückgeführt.“ Viele besitzlose Frauen des Bürgertums bekamen diese Wahrheit schmerzlich zu spüren und lehnten sich dagegen auf. Die bürgerliche Frauenbewegung kämpfte um Hebung des sittlichen Niveaus in. der Ehe, sie bekämpfte — jedoch erfolglos — die Prostitution und die verlogene Moral der Bourgeoisie bei außerehelichen Beziehungen. Sie setzte sich für die Kameradschaftsehe ein, die auf der freien Übereinkunft der beiden Partner ohne staatliche Registrierung basieren sollte.

Die Zivilehe

Die Eheschließung wurde seit dem Sieg des Kapitalismus nach und nach in den einzelnen Staaten auf dem Standesamt vollzogen, in Deutschland seit 1875. Ein bestimmtes Mindestalter der Partner blieb die Vorbedingung. Offiziere brauchten noch eine dienstliche Genehmigung; Lehrerinnen und andere weibliche Angestellte mußten bei der Verheiratung den Beruf aufgeben. Die Zivilehe, die nun an die Stelle der kirchlich eingesegneten Ehe trat, trug immer noch patriarchalischen Charakter. Im französischen Code civil (Bürgerliches Gesetzbuch), der 1804 unter Napoleons Herrschaft eingeführt wurde, sind die Vorrechte des Ehemanns der Frau gegenüber eingehend festgelegt. Sie sichern ihm das Recht zu, über Handlungen seiner Frau zu bestimmen. Auch das deutsche Bürgerliche Gesetzbuch ( BGB ) vom Jahre 1900 hält in seinen Grundzügen am patriarchalischen Charakter der Ehe fest. Das äußert sich im Erbrecht, in Prägen der Erziehung sowie in den Bestimmungen Über die Ehescheidung, die nun zwar möglich wurde, aber durchaus als Entehrung der Frau galt.
Am_Strand…vor 100 Jahren — Familie am Strand

Da aber im Kapitalismus infolge der fortschreitenden Technisierung, Arbeitsteilung und Vereinfachung des Arbeitsprozesses Frauen zu Millionen den Haushalt verließen und einen Beruf ergriffen, wurden zahlreiche Frauen wirtschaftlich selbständig. Auch die Erziehung der Kinder wurde vom 19. Jahrhundert an zum großen Teil von öffentlichen Schulen übernommen. Die bisherige wirtschaftliche Grundlage der Familie hatte sich damit entscheidend gewandelt. Es konnte nicht ausbleiben, daß dadurch auch die bisherige gesellschaftliche Stellung des Mannes als Oberhaupt der Familie erschüttert wurde. Wenn auch das ehemals übliche Familienleben durch die Tätigkeit der Frau in der Fabrik zerstört worden war, so war andererseits der erste Schritt zur wirtschaftlichen Unabhängigkeit der Frau und zur Umwandlung der Ehe und Familie getan. Marx schrieb darüber im „Kapital“: „So furchtbar und ekelhaft die Auflösung des alten Familienwesens innerhalb des kapitalistischen Systems erscheint, so schafft nichtsdestoweniger die große Industrie mit der entscheidenden Rolle, die sie den Weibern und jungen Personen und Kindern beiderlei Geschlechts in gesellschaftlich organisierten Produktionsprozessen jenseits der Sphäre des Hauswesens zuweist, die neue ökonomische Grundlage für eine höhere Form der Familie und des Verhältnisses der Geschlechter.“

Die sozialistischen Parteien wurden der Boden, auf dem die Proletarierinnen um ihre volle Gleichberechtigung kämpften. In Deutschland hatte ihnen August Bebel durch sein Werk „Die Frau und der Sozialismus“ den Weg in die Zukunft gewiesen. Unter der Führung von Clara Zetkin errangen die Frauen beachtliche Erfolge auf dem Gebiet des Mutterschutzes, der Kindererziehung und der Verkürzung der Arbeitszeit. Die Sozialisten waren sich darüber klar, daß im Kapitalismus eine neue Form der Ehe und Familie, die auf der Gleichberechtigung der Geschlechter, der gegenseitigen Hochachtung und Hilfsbereitschaft beruhen mußte, nicht möglich war. Eine Änderung konnte nur durch den Sturz des Kapitalismus und die Errichtung der sozialistischen Gesellschaftsordnung herbeigeführt werden, wie es durch die Große Sozialistische Oktoberrevolution von 1917 geschah.

II. Ehe und Familie in der sozialistischen Gesellschaftsordnung

Ehe und Familie sind von entscheidendem Einfluß auf des Leben der Menschen, auf ihr Verhalten als Mitglieder der Gesellschaft. Andererseits prägt die Gesellschaft wiederum Inhalt und Form von Ehe und Familie. Die gesellschaftlichen Veränderungen haben sich auch auf die persönlichen Beziehungen der Menschen ausgewirkt. Der Charakter der Ehe- und Familienverhältnisse hat sich im Laufe der historischen Entwicklung gewandelt und wandelt sich noch. Es gilt, die Ehe- und Familienformen so zu gestalten, daß sie den Bedingungen der sozialistischen Gesellschaftsordnung entsprechen. Die Bestrebungen aller sozialistischen Staaten gehen dahin, in Gesetz und Recht die Voraussetzungen dafür zu schaffen. Aber das allein genügt nicht; es ist auch die Aufgabe jedes einzelnen Mitgliedes der Gesellschaft, selbst an der Gestaltung der neuen Ehe mitzuwirken. In dieser Hinsicht muß aber bei vielen Menschen noch eine Umformung des Bewußtseins stattfinden, überholte Anschauungen und Reste kleinbürgerlicher Einstellung müssen beseitigt werden. Das Verhalten des einzelnen zur Ehe und zur Familie ist nicht nur seine persönliche Angelegenheit; jeder ist zugleich ein Glied der größeren Gemeinschaft, der Gesellschalt und des Staates, auf die sich sein Handeln auswirkt.

Der Unterschied zwischen Kapitalismus und Sozialismus

Kapitalismus: In der Ausbeutergesellschaft werden auch die familiären Verhältnisse von den Gesetzen des Privateigentums bestimmt. Einmal werden Frau und Familie als „Eigentum“ des Mannes betrachtet, da sie wirtschaftlich und rechtlich von ihm abhängig und seinen Entscheidungen unterworfen sind. Zum anderen tritt die Frau, ihre Persönlichkeit, ihr menschlicher Wert vor dem Ökonomischen Nutzen, den sie ihrem Mann einbringt, zurück. Oft „heiratet“ er ein Gut, eine Fabrik, ein Geschäft, ein Handwerksunternehmen. Die Folge davon sind Verfall und Demoralisierung von Ehe und Familie in der bürgerlich-kapitalistischen Welt, die in der katastrophalen Zunahme der Scheidungen, dem erschreckenden Anwachsen der Prostitution und dem auffälligen Rückgang der Geburtenziffern ihren Ausdruck finden.

Sozialismus: In der sozialistischen Gesellschaft sind Ehe und Familie befreit von der Vorherrschaft ökonomischer Prinzipien. Die Ehe hat aufgehört, ein Geschäft zu sein. Im Vordergrund stehen die persönlichen Beziehungen der Familienmitglieder. Mann und Frau treten sich als gleichberechtigte Partner gegenüber. Liebe und Achtung bilden die sittlichen Grundlagen der sozialistischen Ehe. Damit sind die Voraussetzungen dafür gegeben, daß die Ehe ihren eigentlichen Sinn erfüllen kann, eine wirkliche Liebes- und Lebensgemeinschaft zu sein. Gegenseitiges Vertrauen und Verstehen, gegenseitige Hilfe, Unterstützung und Förderung und aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben dienen der gemeinsamen Entwicklung der Ehegatten. Die Angelegenheiten, die in der Ehe früher nur vom Mann entschieden wurden, werden nun in gegenseitigem Einverständnis geregelt. Wahre eheliche Liebe ist auch nicht zu trennen vom gesellschaftlichen Inhalt der Ehe, eine Familie zu gründen und die Kinder zu gesunden, gemeuischaftsfähigen, fortschrittlichen Menschen, zu künftigen Gestaltern der Gesellschaft zu erziehen.

Die Familie in der DDR

Der sozialistische Staat hat das größte Interesse an gesunden Familienverhältnissen, die dem einzelnen festen inneren Halt geben und eine Quelle der Kraft und der Schaffensfreude sind. Vor allen steht die Aufgabe, das Ehe- und Familienleben so zu gestalten, daß es — getragen von den Grundsätzen der sozialistischen Moral — nicht nur die individuellen Bedürfnisse der Menschen befriedigt, sondern mit den gesellschaftlichen Interessen und Aufgaben in Einklang steht.

Die berufstätige Ehefrau

Die sozialistische Gesellschaftsordnung gibt jeder Frau die Möglichkeit zur Mitarbeit in Staat, Wirtschaft und auf allen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens. Das bedeutet die Befreiung der Frau aus der engen Welt des Haushaltes mit der ausschließlichen Sorge um Wirtschaft, Kinder und Ehe. Über die Enge des „Kochtopfhorizontes“ hinaus wird sie die gleichberechtigte, selbständige, wirtschaftlich unabhängige Partnerin des Mannes, die auch seiner Arbeit aufgeschlossener gegenübersteht. Sie kann sich aktiv am Aufbau des neuen Lebens beteiligen. Nur eine Frau, die sich ständig entwickelt, den Kreis ihrer Interessen erweitert, ihr Wissen vergrößert und somit ihr geistiges und kulturelles Niveau ständig erhöht, wird sich auf die Dauer Reiz und Anziehungskraft bewahren können und immer aufs neue das Gefühl der Liebe erwecken, das durch die monotone Einförmigkeit des Familienlebens leicht erlischt. Erst so wird sie dem Manne auf allen Gebieten des Lebens wirkliche, verständnisvolle Gefährtin sein können.

Gegen die Haussklaverei der Frau

Es genügt aber nicht, der Frau diese Rechte gesetzmäßig zu sichern; sie muß auch davon Gebrauch machen können. Das Hauptproblem für die berufstätige Frau besteht darin, ihr Recht auf Berufsausbildung und Berufsausübung mit ihren Pflichten als Hausfrau und Mutter in Übereinstimmung zu bringen. Für die meisten Frauen ist es heute schon selbstverständliches Bedürfnis geworden, einen Beruf auszuüben, auch wenn sie verheiratet sind. Jedoch ist es zur Zeit noch häufig der Fall, daß die Frau durch die Doppelbelastung mit Beruf und Haushalt ihre Kräfte übermäßig erschöpft. Treffend hat Lenin die Lage der Frau und die sich daraus ergebenden Forderungen geschildert: „Die Frau bleibt nach wie vor Haussklavin, trotz aller Befreiungsgesetze, denn sie wird unterdrückt, erstickt, abgestumpft, erniedrigt von der Kleinarbeit der Hauswirtschaft, die sie an die Küche und an das Kinderzimmer fesselt und ihre Spannkraft durch eine geradezu barbarisch unproduktive, kleinliche, entnervende, abstumpfende, niederdrückende Arbeit vergeuden läßt. Die wahre Befreiung der Frauen … wird erst dort und dann beginnen, wo und wann der Massenkampf gegen diese Kleinlichkeit der Hauswirtschaft oder richtiger ihre massenhafte Umgestaltung zur sozialistischen Großwirtschaft beginnt.“

Eine der vordringlichsten Aufgaben beim Aufbau des Sozialismus wird es deshalb sein, alle nur möglichen wirtschaftlichen Voraussetzungen zu schaffen, um die Frau von den häuslichen Arbeiten wirksam zu entlasten. [4]

In den Jahren 1964 bzw. 1976 konnte man in der DDR bereits feststellen:
„In der DDR sind auf diesem Gebiet schon viele staatliche und betriebliche Einrichtungen geschaffen worden, die eine wesentliche Erleichterung für die berufstätige Hausfrau und Mutter bedeuten. Kinderheime und Kindertagesstätten, Horte und Krippen nehmen ihr einen Teil der Sorge um die Kinder ab. Betriebsessen und Schulspeisung sichern die Mittagsmahlzeiten der Familienmitglieder, die Verkaufsstelle im Betrieb erleichtert das Einkaufen.“ [5] und: „Wirtschaftliche Gesichtspunkte, die in der bürgerlichen Gesellschaft für die meisten Familiengründungen ausschlaggebend sind, treten in der sozialistischen Gesellschaft völlig zurück, da der Staat Familie und Ehe durch großzügige Maßnahmen schützt und fördert, z.B. durch die Maßnahmen zur Unterstützung junger Ehen, wie sie im 5.Plenum des ZK der SED 1972 beschlossen wurden.“ [6]

Quellen:
[1] Karl Marx, Das Kapital, Dietz Verlag, Berlin 1983, Bd.I, S.513.
[2] Brockhaus, Kleines Konversationslexikon (2 Bd.), F.A. Brockhaus, Leipzig, 1914, Erster Band, S.557.
[3] Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der kommunsitischen Partei, in: Marx/Engels, Ausgewählte Werke in sechs Bänden, Dietz Verlag Berlin, 1988, Bd.I, S.419.
[4] Irene Uhlmann (Hrsg.): Kleine Enzyklopädie Die Frau, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1961, S.50ff.
[5] ebd. S.62.
[6] Meyers Jugendlexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1976, S.222.

Über die Juristin Dr. Hilde Benjamin

In der DDR war die Gleichberechtigung der Frauen nicht nur eine leere Phrase, sie war Realität in allen Bereichen der Gesellschaft. Und so war es eine Selbstverständlichkeit, daß auch Frauen als Staatsanwältin, Richterin oder Schöffin tätig wurden. Und dazu bedurfte es nicht erst einer Quotenregelung. In den Jahren 1953-1967 bekleidete Hilde Benjamin das höchste Amt als erster weiblicher Justizminister. Daß Frauen in solche hohen Positionen kamen, war in der DDR durchaus keine Seltenheit. Auch die Präsidentin der Notenbank war eine Frau: Greta Kuckoff. Und das in einer Zeit, als die Adenauer-Regierung und deren Geheimdienstchef, der frühere Nazi-General Gehlen, nichts unversucht ließen, um unserer Republik massiven Schaden zuzufügen. Ganz im Leninschen Sinne waren gerade diese ersten Schritte von großer Bedeutung für die Herausbildung der Normen für eine künftige sozialistische Gesellschaft. Seine berühmte Prognose über die weitere Entwicklung der Gesellschaft leitete Karl Marx mit den Worten ein: „Das Recht kann nie höher sein, als die ökonomische Gestaltung und dadurch bedingte Kulturentwicklung der Gesellschaft.“ [1] Daran hielt man sich auch in der DDR. Und man begann, im Rahmen der ökonomischen Möglichkeiten und im Einklang mit der kulturellen Entwicklung, in der DDR allmählich den „engen bürgerlichen Rechtshorizont“ eines formalen gleichen Rechts für ungleiche Individuen zu überwinden. Ein neues, den sozialistischen Moralvorstellungen entsprechendes Rechtssystem mußte geschaffen werden. Das alte Bürgerliche Gesetzbuch von 1900 hatte ausgedient und wurde nach und nach abgeschafft. Daran hatte auch die Juristin Dr. Hilde Benjamin einen bedeutenden Anteil. Über sie schrieb die Dresdner Schriftstellerin Ruth Seydewitz:

Die große Aufgabe, ein Ministerium selbständig zu leiten, übertrug die Regierung der Deutschen Demokratischen Republik ebenfalls einer Frau. Dr. Hilde Benjamin steht seit dem Jahr 1953 als Minister an der Spitze des Ministeriums für Justiz. Es ist von größter Bedeutung und bezeichnend für die völlig neue Einstellung zur Mitarbeit der Frauen, daß gerade dieses Fachministerium von einer Frau geleitet wird. Denn auch in der Weimarer Republik gehörte die Justiz zu den Berufen, in denen nach der Weimarer Verfassung nur formal die Gleichberechtigung der Frauen bestand. Wohl konnten die Frauen sich zum Jura-Studium melden, sie konnten auch Prüfungen ablegen. Waren sie dann aber mit dem Studium fertig, wollten sie so wie ihre männlichen Studienkameraden eine Funktion als Richter oder als Staatsanwalt ausüben, wozu sie durch ihr Studium und das abgelegte Examen durchaus berechtigt gewesen wären, dann mußten sie feststellen, daß die Gleichberechtigung nur auf dem Papier stand. Frauen wurden zu diesen Funktionen nur sehr zögernd zugelassen, und die meisten ließen sich deshalb als Rechtsanwältin nieder. Überdies wollten Menschen, die auf der Seite der Arbeiterklasse standen, nicht im Dienst der Weimarer Justiz arbeiten. Sie zogen es vor, als Verteidiger gegen die Klassenjustiz den Arbeitern zur Seite zu stehen. So handelte auch Hilde Benjamin. Bis zur Machtergreifung der Nazis verteidigte sie in Berlin als Anwältin mutig Arbeiter, die zwar von den Faschisten angegriffen worden waren, die dann aber nicht als Zeugen gegen die randalierenden Nazis, sondern als Angeklagte vor dem Gericht standen. Als die Nazis zur Macht kamen, wurde der mutigen Anwältin die Möglichkeit zur Ausübung ihres Berufs genommen.

In den ersten Jahren nach dem Krieg

Es ist kein Wunder, daß diese zielbewußte und aktive Frau sofort mit dabei war, als nach der Niederwerfung des Faschismus durch die siegreichen sowjetischen Armeen mit der Aufbauarbeit begonnen wurde. Der Tod ihres Mannes, des stets hilfsbereiten Arztes Dr. Benjamin, den die Nazis umgebracht hatten, konnte sie nicht hindern, unermüdlich ihre ganze Kraft einzusetzen, um die ersten großen Schwierigkeiten des Neuaufbaus auf dem Gebiete der Justiz zu überwinden. Das war durchaus nicht einfach, denn eine der Voraussetzungen für die Demokratisierung war, daß der gesamte Justizapparat erneuert wurde. Anfangs gab es viel zuwenig Kräfte, die in verantwortlichen Stellen dieses wichtigen Apparats eingesetzt werden konnten.
Hilde BenjaminDr.jur Hilde Benjamin (1902-1989)

Mit zu den ersten, die den Aufbau der neuen Justiz begannen, gehörte Dr. Hilde Benjamin. Sie war zuerst von Mai 1945 ab einige Monate Oberstaatsanwalt in Berlin und übernahm dann in der neu errichteten Zentralen Deutschen Justizverwaltung für die sowjetische Besatzungszone die Funktion des Kaderleiters. An dieser Stelle leistete sie einen großen Beitrag für die Ausbildung der neuen Richter und Staatsanwälte, der Volksrichter und Volksstaatsanwälte. Neben ihrer fachlichen Berufsarbeit beteiligte sie sich mit nie erlahmender Aktivität an den Beratungen, die der Demokratische Frauenbund Deutschlands über Fragen des Familienrechts durchführte, und sie gab dafür und für die neu zu behandelnden Fragen der rechtlichen Stellung der Kinder nicht nur sehr wertvolle Anregungen, sondern arbeitete auch eine Broschüre: „Vorschläge zum neuen Deutschen Familienrecht“ aus. Das war die Grundlage für die in weiten Kreisen der Bevölkerung und im DFD geführten Diskussionen und Beratungen über diese wichtige Frage.

Eine neue Herausforderung

Es war nach dieser Bewährungsprobe im Beruf und bei ihrer die Frauen aufrüttelnden Tätigkeit durchaus verständlich, daß Hilde Benjamin nach der Gründung der Deutschen Demokratischen Republik zur Vizepräsidentin des Obersten Gerichts der Deutschen Demokratischen Republik gewählt wurde. Wann hatte jemals in der Geschichte Deutschlands eine Frau eine solche Funktion übertragen bekommen? Sicher gab es viele, die zweifelten, daß sie die Anforderungen einer solchen Aufgabe erfüllen könnte. Vielleicht glaubte so mancher Mann, schon morgen würde die in eine so wichtige, große Kenntnisse, sehr viel Verantwortungsbewußtsein und Mut erfordernde Funktion eingesetzte Frau versagen und abtreten müssen. Aber Hilde Benjarnin versagte nicht.

Im Kampf gegen die Feinde unserer Republik

So sehr die Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik, insbesondere viele Frauen, Vertrauen zu der Frau haben, die auf die Entwicklung einer fortschrittlichen demokratischen Rechtswissenschaft und die Schaffung eines neuen deutschen Familienrechts so großen Einfluß genommen hat, so sehr hassen die Feinde unserer Republik die Frau, die wachsam, unbestechlich und unnachgiebig dafür sorgt, daß Feinde, Agenten und Saboteure ihrer gerechten Strafe zugeführt werden.

Quelle: Ruth Seydewitz: Wo das Leben ist, Kongress Verlag Berlin, 1956, S.91-94.

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Damit man sich mal eine Vorstellung davon machen kann, vor welchen gewaltigen Herausforderungen die DDR-Justiz in jener Zeit des Kalten Krieges stand und mit welcher Art von Gesindel sich die Richter, Staatsanwälte und die Sicherheitsorgane der DDR „herumzuschlagen“ hatten, seien hier zwei Beispiele genannt, die das verbrecherische Werk dieser Feinde unserer Republik charakterisieren:

1. Der DDR-feindliche „Untersuchungsausschuß freiheitlicher Juristen“ (UfJ).
In der kleinen Stadt Belzig in der Mark Brandenburg erschien im Sommer 1945, wenige Wochen nach der Zerschlagung des Hitlerfaschismus ein Mann, der sich „Doktor“ Erdmann nannte. Wer war dieser Mann? Es ist „ein typischer Vertreter des politischen Gangstertums, ein ausgemachter Bandit, der kaltrechnend mit allen Mitteln der Intrige, mit Bestechung, Urkundenfälschung, Verleumdung, Nötigung und Erpressung zu Werke geht. Daß er dann trotzdem von seinen Hintermännern abgeschoben wird, liegt weder an seinen Verbrechen, noch ist es das Verdienst seiner Auftraggeber. – Diese Marionette des kalten Krieges, der Hochstapler Horst Erdmann, der unter dem Namen »Dr. Theo Friedenau« bekannt ist, wurde von den demokratischen Kräften Deutschlands vor aller Welt entlarvt.“ [2] Die Verbrechen im Dienste der Unterwelt – einer politischen wie kriminellen Unterwelt – aber wurden auch weiterhin betrieben. Die von diesem Mann gegründete und jahrelang geleitete Verbrecherzentrale unter der scheinheiligen Bezeichnung „Untersuchungsausschuß freiheitlicher Juristen (UfJ)“ existierte auch später noch in einer streng bewachten Villa des „vornehmen“ Westberliner Stadtteils Zehlendorf. Dort brüteten die Spießgesellen und Nachfolger der Nazis neue Verbrechen aus und schürten den kalten Krieg gegen die DDR. Dazu gehörten: Wirtschafts- und Militärspionage, Erpressung, ideologische Diversion, Versenden von Drohbriefen und Hetzschriften (1954 wurden beispielweise 2.410.000 Hetzblätter versandt, wie sogenannte „juristische Fachblätter“ (z.B. „Recht in Ost und West“ „Deutsche Fragen“, „Informationen aus der sowjetischen Besatzungszone“). Dies alles wurde durch die DDR-Justiz entlarvt!

2. Die militante antikommunistische „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KgU).
„Ein gewisser Rainer Hildebrandt hatte Anfang 1948 einen »Suchdienst« in seiner damaligen Westberliner Wohnung in der Höhmannstraße aufgezogen, nachdem eine von ihm herausgegebene Jugendzeitschrift nicht den erhofften Effekt gezeitigt hatte. Angeblich forschte der »Dienst« nach ehemaligen Kriegsverbrechern, und diese Tätigkeit schien internationales Interesse auszulösen. Ende November 1948 wurde der sogenannte Suchdienst in »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« umbenannt – die Spitze des Eisbergs erschien über Wasser. Die riesige Villa in Nikolassee, Ernst-Ring-Straße 2-4, in der Hildebrandt seit dem 1. August 1949 amtierte, war von einem Amerikaner gemietet worden, der die Unkosten großzügig für ein halbes Jahr im voraus entrichtet hatte, und Hildebrandt wiederum machte kein Hehl daraus, daß es sich bei den Amerikanern um eine »Behörde« handelte. Gemeint war das Counter Intelligence Corps, das man gemeinhin unter der Abkürzung CIC kennt. Hildebrandt gilt den Amerikanern bis heute als verläßlich und wertvoll – seit Jahren als Leiter der sogenannten Arbeitsgemeinschaft 13. August.“ [3] Diese „KgU“ entwickelte sich zu einem umfangreichen Agentennetz, auf deren Konto mehrere Morde, Sabotageakte und andere skrupellose Verbrechen kamen, die sich gegen die DDR richteten. Wir hatten in der DDR „tausend gute Gründe, dem schändlichen Spiel mit der Vertrauensseligkeit der Menschen, mit ihrer Unerfahrenheit und ihren Schwächen ein Ende zu bereiten und die massenhafte Erpressung und verbrecherische Verführung unmöglich zu machen.“ [4]

Zitate:
[1] Karl Marx: Kritik des Gothaer Programm, in: MEW, Bd.19, S.21.
[2] …im Dienste der Unterwelt, Dokumentarbericht über den „Untersuchungsausschuß freiheitlicher Juristen“ – Verein kraft Verleihung – Berlin-Zehlendorf-West, Limastr.29, Kongreß-Verlag Berlin (DDR), 1960, S.5
[3] Eberhard Heinrich/Klaus Ullrich: Befehdet seit dem ersten Tag, Dietz Verlag Berlin (DDR), 1981, S.99.
[4] ebd. S.130.

Der Feind ist zynisch und schlau…

Wer aber ist der Feind? Und wo finden wir ihn? Woran kann man ihn erkennen?
Zugegeben, wir hätten uns gerne mit freundlicheren Themen befaßt, denn wir wissen:
„Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge“ (Brecht). Doch wir haben die Gegensätzlichkeiten nicht gemacht. Wir haben die Feindschaft nicht herausgefordert, wir haben sie nicht hervorgebracht. Sie ist einfach da, und das nicht erst seit gestern. Diese Feindschaft hat tiefere Wurzeln. Analysiert man die Struktur der bürgerlichen Gesellschaft, so wird man feststellen, daß diese Gesellschaft bis ins Mark gespalten ist. Das grundlegende Produktionsverhältnis dieser Gesellschaftsordnung besteht in der Ausbeutung des Proletariats durch eine Handvoll superreicher Imperialisten, in deren Händen sich die Produktionsmittel, die Maschinen und Betriebe, die Wälder und der Grundbesitz, die Aktien und die Immoblien befinden. Sie haben die Macht. Die Arbeiter hingegen besitzen nicht viel mehr als ihre Arbeitskraft, und die müssen sie verkaufen, um einigermaßen leben zu können. Obwohl sie die Majorität bilden, haben sie sich ihre Rechte auf ein menschenwürdiges Dasein stets hart erkämpfen müssen. Zwischen ihnen, also zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie, besteht ein tiefer, unversöhnlicher Gegensatz. Die Kommunisten sind „praktisch der entschiedenste, immer weitertreibende Teil der Arbeiterparteien aller Länder“ (Manifest der Kommunistischen Partei). Sie vertreten die Interessen des Proletariats. Der schlimmste Feind der Menschheit, sagte Walter Ulbricht im Jahre 1951, das ist der Imperialismus. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Der lebendige Kontakt zum Volke

Bereits im Jahre 1924 mahnte Stalin die Delegierten aus den Parteiorganisationen, nicht zu vergessen, daß die Kraft der Kommunisten, die Kraft unserer Partei darin besteht, den lebendigen Kontakt zwischen der Partei und den Millionenmassen der Parteilosen zu wahren. Denn je lebendiger dieser Kontakt ist, so sagte er, desto dauerhafter werden unsere Erfolge sein. Und noch einmal wiederholte er die unsterblichen Worte Lenins: „In der Volksmasse sind wir (die Kommunisten. J.St.) doch nur ein Tropfen im Meer, und wir können nur dann regieren, wenn wir das Bewußtsein des Volkes richtig zum Ausdruck bringen. Andernfalls wird die Kommunistische Partei nicht das Proletariat führen und das Proletariat nicht die Massen führen und die ganze Maschinerie wird zerfallen.“ [1]

Die Kommunisten im Visier der Bourgeoisie

So gesagt hatte es Lenin – und geschehen war es im Jahre 1989. Die DDR zerfiel und ihre Feinde triumphierten. Doch nicht nur wegen des fehlenden lebendigen Kontakts der Parteiführung zu den Volksmassen zerbrach die Deutsche Demokratische Republik, sondern auch und vor allem durch die ununterbrochene subversive oder öffentliche Einmischung der Feinde unserer Republik in unsere staatlichen Angelegenheiten. Es ist unmöglich, dies alles aufzuzählen. Auch die Massenmedien der BRD hatten auf die Konterrevolution in der DDR einen großen Einfluß. Mit allen Mitteln versuchen sie, die Menschen zu beeinflussen und die Geschichte zu verfälschen. Und immer befand sich die Kommunistische Partei im feindlichen Visier. Heute trifft wieder zu, was Karl Liebknecht einmal sagte: „Der Feind steht im eigenen Land!“
SoldatDer Soldat einer Armee, die niemals einen Krieg führte…

Wer ist der Feind, der uns bedroht?

Diese Frage stellten Offiziere der Nationalen Volksarmee (NVA) den jungen Wehrpflichtigen der DDR. Auch heute ist diese Frage aktuell. Der Feind ist nicht der „weltweite „Terrorismus“ oder „der Islam“, nicht die Piraterie an der ostafrikanischen Küste, nicht Ghaddafi, nicht Assad. Es sind nicht die „Schurkenstaaten“, die angeblich unsere „Freiheit“ bedrohen, wie lügnerische Freiheitsprediger verkündigen. Nein! „Es sind die gleichen Kräfte, die schon zweimal von deutschem Boden aus das Feuer eines Weltkrieges gelegt haben. Sie haben ihre Niederlagen nicht verwinden können, und sie versuchen seit Jahren, die Flammen eines neuen Krieges anzublasen. Es sind die aggressivsten und reaktionärsten Kreise des westdeutschen Monopolkapitals. Von ihnen geht die Hauptgefahr für den Frieden in Europa aus.“ Sie konnten und wollten sich um keinen Preis mit der Existenz des sozialistischen deutschen Staates abfinden. Sie wollten endlich die Deutsche Demokratische Republik unter ihr staatsmonopolistisches Herrschaftssystem zwingen, um sich an unseres Volkes Eigentum gesundzustoßen“ und „um von hier aus weiter gen Osten marschieren zu können. … Deshalb sind sie überall in der Welt mit von der Partie, wo die amerikanischen Globalstrategen Kriegsbrände legen.“ [2] Soweit das Zitat aus einem Büchlein für Soldaten der NVA! Und nun noch ein paar Tatsachen, die das noch unterstreichen:

Die ermordeten Grenzsoldaten der DDR

„Überall in der Welt werden Landesgrenzen bewacht und zweifellos dort um so gewissenhafter, wo Nachbarschaft nicht mit Freundschaft gleichgesetzt werden kann. Aber selbst zwischen zwei immerhin relativ befreundeten Staaten wie den USA und Mexiko gilt der Grenzsicherung beträchtliche Aufmerksamkeit, die mit viel Aufwand verbunden ist. So wußte die in der BRD erscheinende Illustrierte »Stern« am 11. April 1979 zu berichten: »Überall dort im Gelände hat die Border-Patrol hochempfindliche Sensoren in der Erde vergraben, die bei geringster Erschütterung Meldung an den Stützpunkt geben. Über Funk wurde ‚Foxtrott’, einer der beiden Hubschrauber, die hier nachts Patrouille fliegen, zum Planquadrat ‚East 11’ beordert. Und über Funk rief ‚Foxtrott’ dann die Kollegen in den Jeeps herbei, nachdem er die Gruppe unten im Spring Canyon gefunden hatte… Abend für Abend, kaum daß es dunkel ist, beginnt in Chula Vista der Menschenfang.«

Die Herausforderung an den Grenzen der DDR zu Westberlin und zur BRD wurde auf vielfache Weise betrieben und forciert. Im Juli 1964 suchten für solche Herausforderung angeworbene Westberliner Studenten zusätzliche Geldgeber für einen »Tunnelbau«, mit dem die Grenze zur DDR untergraben werden und nach ihrer Sicherung am 13.August 1961 wieder durchlässig gemacht werden sollte. Der Zeitpunkt des Vorhabens ist von Belang, weil er in die Periode der ersten Verhandlungen zwischen dem Senat von Westberlin und der Regierung der DDR über ein Passierscheinabkommen fällt. Die Studenten fanden nicht nur Finanziers, ihnen wurde auch versichert: Die Rückendeckung, die jede Gefahr ausschließt, wird von »höchsten Stellen« garantiert. Im Oktober wußte die »Frankfurter Rundschau« zu vermelden: »Das Polizeipräsidium teilte mit, daß es zwar alle Einzelheiten des Unternehmens kenne, sie aber aus politischen Gründen« nicht mitteilen dürfe.«
Tunnel
Skizze vom Tatort des Verbrechens

Das »Unternehmen« wurde zum Mord! Am 5. Oktober 1964 — 48 Stunden vor den Feiern zum 15. Jahrestag der Gründung der DDR — hatte der Unteroffizier Egon Schultz in der Strelitzer Straße der Hauptstadt der DDR den gegrabenen Tunnel entdeckt. Sekunden später wurde er erschossen. Am Tatort fand man eine Pistole und Gasmasken aus Westberliner Beständen. Und das Polizeipräsidium bestätigte, informiert gewesen zu sein. Egon Schultz hatte das Lehrerbildungsinstitut in Putbus besucht und dann als Unterstufenlehrer an der 2. Oberschule auf der Dierkower Höhe in Rostock gearbeitet. Während seiner Dienstzeit bei den Grenztruppen der DDR besuchte er im Urlaub oft seine in Rostock lebenden Eltern und erschien dann meist auch in der Schule. »Kann ich mal eine Stunde geben?« pflegte er dann die Studienrätin Martha Kröplin, die seine Klasse übernommen hatte, zu fragen. Am Morgen nach seiner Ermordung hielten seine Schüler Ehrenwache vor seinem mit vielen Blumen geschmückten Bild in der Halle der Schule.

Bereits zwei Jahre zuvor war der 20jährige Reinhold Huhn im Grenzabschnitt Jerusalemer Straße – zu Füßen des Hochhauses, das der Springer-Konzern hart an der Grenze hatte errichten lassen – ums Leben gekommen. Am 18. Juni 1962 hatte er gegen 18.50 Uhr einen Tunnelschacht entdeckt. Als er gemeinsam mit Genossen seines Kommandos den Stollen untersuchen wollte, wurden sie überfallen und aus kürzester Entfernung mit Kugeln überschüttet. Reinhold Huhn starb im Feuerhagel. Er hatte im vogtländischen Syrau Rinderzüchter gelernt, dann als Schweizer auf dem volkseigenen Gut gearbeitet und wollte nach seinem Ehrendienst das Meisterstudium der Rinderzucht beginnen. Ein Leben voller Pläne und Hoffnungen. In seinem Schrank fand man das Buch, in dem er gelesen hatte, bevor er zu seinem Wachdienst aufgebrochen war – »Olga Benario«, das Schicksal einer tapferen Frau, die dem Faschismus bis zur letzten Stunde getrotzt hatte. Viele Jahre ihrer schweren Haft hatte sie im braunen Berlin verbracht.
ermordet
»Neues Deutschland« vom 4.Dezember 1976

Am Morgen seines letzten Tages hatte man Reinhold Huhn und seine Genossen ausgezeichnet: »Beste Gruppe im Peter-Göring-Aufgebot.« (»Neues Deutschland«, 20. Juni 1962.) Peter Göring war 26 Tage vor dem Mord an Reinhold Huhn umgebracht worden. Am Morgen nach der Bluttat an Peter Göring hatte der Innenminister der DDR einen Brief an den Bürgermeister von Berlin-West gerichtet, in dem es hieß; »Ein außerordentlich ernstes Vorkommnis gibt mir erneut Veranlassung, mich an Sie – den Verantwortlichen für die Westberliner Polizei – zu wenden. Am 23. Mai 1962, gegen 17 Uhr, wurden im Raum Scharnhorststraße Grenzpolizisten der Deutschen Demokratischen Republik von Westberliner Seite aus beschossen. Dabei wurden in Ausübung ihres Dienstes… ein Angehöriger der Grenzsicherungsorgane ermordet und ein weiterer schwer verletzt. Es ist einwandfrei erwiesen, daß es sich bei den Mordschützen um Westberliner Polizisten handelt, die zur Deckung einer gewaltamen Verletzung der Staatsgrenze der Deutschen Demokratischen Republik einen Feuerüberfall auf die dortigen Grenzpolizisten verübten.« (»Neues Deutschland«, 26.Mai 1962)“ [3]
Grenzsoldaten
(Daran will sich in den Massenmedien der BRD heute keiner mehr erinnern. Stattdessen finanziert die BRD-Regierung mit 500.000 Euro ein „Forschungsvorhaben“ über die „Mauertoten“. Was soll dabei herauskommen? Es war bekannt, daß die Staatsgrenze der DDR bewacht wurde und ein illegales Überschreiten der Grenze verboten war. Die Motive der Grenzverletzer waren unterschiedlich. Neben den typischen Provokationen von westlicher Seite, waren es meist Straftäter, die sich ihrer Verfolgung durch die DDR-Justiz entziehen wollten. Aber es gab auch andere. Der Weserkurier schrieb beispielsweise am 25.5.1962 unter der Überschrift „Fliehender Zonen-Grenzpolizist erschoß seinen Kameraden“: „Der 18-jährige … benutzte die Gelegenheit, seinem ahnungslosen Begleiter von hinten eine Geschoßgarbe aus der Maschinenpistole in den Rücken zu feuern. Als Motiv für seine Tat gab er an, daß ihm der Dienst bei seiner Einheit zu langweilig und das Essen zu schlecht gewesen sei.“ Dieser Mörder aus dem Jahre 1962 ist damals ebensowenig an die DDR ausgeliefert worden, wie der Doppelmörder Weinhold aus dem Jahre 1975. Bei Weinholds erstem Freispruch vor einem westdeutschen Gericht wurde johlend applaudiert…)

Aus dem Arsenal der Fälscher

„Am Morgen des 28. Januar 1955 ging im schwedischen Außenhandelsministerium ein Brief ein, der als Absender den Minister für Außenhandel und innerdeutschen Handel der Deutschen Demokratischen Republik auswies. Der Brief wurde dem zuständigen Referat zugeleitet, dort geöffnet und mit einigem Erstaunen gelesen. Danach wurde der Minister der Regierung des Königreichs Schweden davon in Kenntnis gesetzt, daß die DDR ihr Außenhandelsabkommen mit Schweden, das erst am 11. Dezember 1954 nach längeren Verhandlungen unterzeichnet worden war, bereits wieder gekündigt hatte.“ [4]
Brief
Gefälschtes Schreiben an dänische Handelspartner, mit dem
ein Vertrag „aufgeschoben“ werden sollte

Eine oberfaule Fluchtgeschichte

In den fast vier Jahrzehnten DDR verging buchstäblich nicht ein einziger Tag ohne eine Fälschung oder Lügengeschichte, eine Provokation oder einen Betrug zum Nachteil des Volkseigentums, eine Spionageaffäre oder einen Mord an DDR-Grenzsoldaten, der nicht vom Westen organisiert worden war. Eberhard Heinrich und Klaus Ullrich beschreiben das folgende westliche Lügenmärchen: „Im Juli 1959 meldete das in Hamburg erscheinende Magazin »Der Spiegel« die Geschichte eines DDR-Offiziers, der nach dramatischer Flucht »schweißtriefend Westberlin erreicht habe. Nicht einmal die simpelste Fachtermini der Nationalen Volksarmee beherrschte der »Flüchtling« — so beschrieb er ein nicht existierendes »Generalhauptquartier der NVA«, zitierte einen »Oberkommandierenden der Volksarmee«, und schließlich hatte der geheimnisvolle Offizier auch das Bild eines Generals mitgebracht. Allerdings stimmte der Name nicht. Einziges Anliegen dieser Story: die NVA als eine »Angriffsarmee« zu deklarieren.“

Die „wahnsinnigen“ Bauern in der DDR (vulgo: Ostzone)

Bekanntlich haben Lügen kurze Beine, das Gedächtnis der Menschen aber auch. Hier nun eine weitere westliche Erfindung: „1960 widmete man sich wieder mit besonderer Aufmerksamkeit der Landwirtschaft. Im »Tag« war am 20. März zu lesen: »In dem Ort Domsdorf bei Forst verübte eine Bäuerin Selbstmord. Aus Noßdorf… mußte ein Bauer mit einem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus gebracht werden. Ein weiterer Bauer kam in eine Nervenheilanstalt. In Noßdorf wurden die Bauern mit Vorliebe in den späten Abendstunden in das Gemeindebüro bestellt.« Fakt war: Kein Selbstmord in Domsdorf, kein Nervenzusammenbruch in Noßdorf, keine am Abend ins Gemeindebüro bestellten Bauern, dieweil Noßdorf als Ortsteil der Stadt Forst über kein Gemeindebüro verfügte.“

Alles ist grau in grau…

Weiter: „Inzwischen hatte die DDR am 13. August ihre Grenzen gesichert, und am 26. September gab ein Matthias Waiden im Fernsehen die Losung aus: »Geistige Aggression!« Im »Tagesspiegel« konnte man folgenden Bericht aus Gotha lesen: »Der Verkehr tropft nur spärlich durch die dünnen Adern der Landstraßen. Aber auf dem Pflaster drinnen in den Städten machen altmodische Autos einen Höllenspektakel. Doch in den Wohnstraßen, wo der Regen den Asphalt längst ausgewaschen hat, in Gassen mit rostigen Gaslaternenstümpfen ist es ruhig. Dort fährt kein Auto und – gottlob – parkt auch keines. Keine Petunien biühen mehr von den Fensterstöcken, wie es früher war.« …“
MagdeburgStraßeKarl-Marx-Straße in Magdeburg – Alltag in der DDR

Faustdicke Lügen — schlimmer als bei Goebbels…

Auch bekannte DDR-Schriftsteller blieben von Verleumdungen nicht verschont: „Im September 1967 meldete das ebenfalls inzwischen auf dem Zeitungsfriedhof gelandete Westberliner Boulevardblatt »nacht-depesche«: »Dem Schriftsteller Arnold Zweig wurde von den DDR-Behörden die Pension gestrichen. Das wurde jetzt durch einen Brief Zweigs bekannt, den er an ein befreundetes Ehepaar in Israel gerichtet hat. Der Schriftsteller teilte darin mit, der Grund liege in seiner Weigerung, dem Ansuchen der Ostberliner Kommunisten nachzukommen, seinen Namen für eine ideologische Kampagne gegen Israel herzugeben.« Zwei Tage später hatte sich der Zeitungscäsar Axel Springer des »Falles« angenommen. Seine »Morgenpost« schrieb: »Arnold Zweig, der international renommierteste Schriftsteller der Zone, hat sich jetzt auf dramatische Weise vom SED-Regime losgesagt. In einem leidenschaftlichen Brief an den israelischen Schriftstellerverband schrieb Arnold Zweig: ‚Das Leben in der Deutschen Demokratischen Republik ist die Hölle…, sollen sie mich erschießen, wenn sie es wagen.‘ Der konsequente und mutige Ausbruch des 8Ojährigen Bruders von Stefan Zweig aus der Literaturfront Ulbrichts bedeutet nach Ansicht politischer Beobachter eine beispiellose Blamage des SED-Regimes vor der internationalen Kulturwelt.«
Arnold Zweig
Dazu Arnold Zweig – übrigens kein Bruder Stefan Zweigs, was in halbwegs gebildeten Kreisen bekannt ist – in einer Erklärung: »Noch niemals, selbst nicht im braunen Reich des Herrn Goebbels sind derart faustdicke Lügen über mich verbreitet worden. Jedes Wort, selbst die Interpunktionszeichen sind erfunden. Seit Jahren habe ich erklärt, daß ich mich nirgendwo so heimisch fühle wie in der Deutschen Demokratischen Republik.« 24 Stunden später focht die »Morgenpost« im Rückwärtsgang: »In unserer gestrigen Ausgabe ist uns ein bedauerlicher Fehler unterlaufen. Selbstverständlich sind Arnold Zweig und Stefan Zweig keine Brüder… Der israelische Botschafter in Deutschland äußerte sich zu der Vorgängen um Arnold Zweig zurückhaltend.« Es gab keinen Anlaß, sich anders zu äußern.“ [5]

Quellen:
[1] W.I. Lenin: Politischer Bericht des ZK der KPR( B ) 27.3.1922, Ausgew. Werke in sechs Bänden, Bd.VI, S.561 (zitiert nach J. Stalin, Werke, Bd.6, S.279).
[2] Autorenkollektiv: Vom Sinn des Soldatseins, Deutscher Militärverlag, DDR, S.43.
[3] E.Heinrich/K.Ullrich: Befehdet seit dem ersten Tag, Dietz Verlag Berlin, 1981, S.49-56
[4] ebd., S.150f.
[5] ebd., S.164-167.
Zeichnung: Kurt Zimmermann (NPT)

Siehe auch:
Der Feind ist zynisch und schlau
13. August 1961 – Sicherung der Staatsgrenze der DDR

W.Ulbricht: Über die Ursachen der Kriege

Walter UlbrichtWalter Ulbricht (1893-1973)

Auf einer Funktionärskonferenz im Jahre 1950, also vor 52 Jahren, gab Walter Ulbricht eine klare Analyse der internationalen Lage in Europa, die sich unter dem Einfluß der USA, mit der Vereinigung der drei Westzonen und der Gründung des westdeutschen Separatstaates immer weiter verschärfte. Wir stehen heute vor einer ähnlichen Verschärfung der weltpolitischen Lage, und genau wie damals war die aggressive Haltung des USA-Imperialismus dafür verantwortlich. Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien sind nur Beispiele dafür, wie die USA ihre Vormachtstellung in der Welt mit militärischen Mitteln ausbauen. Bei dem folgenden Text handelt es sich um ein fiktives Interview, basierend auf einer Rede des Genossen Ulbricht:

► Was können wir heute aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts lernen?

Walter Ulbricht: Für die Jugend von heute genügt es natürlich nicht, für den Frieden zu sein und gegen die Kriegspropaganda zu kämpfen, indem sie Unterschriften für die Ächtung der Atomwaffe sammeln. Es ist notwendig, daß die Quellen der Kriege, d.h. das Wesen des Imperialismus, gründlich studiert werden, um zu einer grundsätzlich richtigen Betrachtungsweise zu kommen. Eine ausgezeichnete Darstellung über die Entstehung und Ursachen des imperialistischen Krieges hat J.W. Stalin in der „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (Bolschewiki)“ gegeben, die ich allen zum Studium empfehle. In diesem Lehrbuch wird die Ursache des ersten Weltkriegs analysiert, in dessen Ergebnis durch den Sieg der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution auf einem Sechstel des Erdballs der Imperialismus vernichtet wurde. Es wird dort auch die Ursache des zweiten Weltkrieg analysiert.

► Was führte zum 2. Weltkrieg?

Walter Ulbricht: In diesem Krieg strebte das imperialistische Deutschland nach der Eroberung riesiger Gebiete bis zum Ural, bis Afrika und über die Türkei bis Indien. Der USA-Imperialismus wiederum wollte in diesem Krieg Deutschland und Japan als Konkurrenten ausschalten und seine eigenen Machtpositionen stärken. Die Herren der USA hofften, daß die Sowjetunion in dem harten Kampf gegen den Hitlerfaschismus so geschwächt würde, daß die USA auch der Sowjetunion weitgehend ihren Willen diktieren könnten. Das Ergebnis war aber ein ganz anderes.

► Wie veränderte sich die Lage nach 1945?

Walter Ulbricht: Trotz der unermeßlichen Verluste und trotz des furchtbaren Leids, das der faschistische Überfall Hitlerdeutschlands über die Sowjetunion gebracht hatte, ging die Sowjetunion ungeheuer gestärkt aus diesem Kriege hervor. So war die industrielle Produktion der Sowjetunion gegen Ende 1950 etwa doppelt so hoch wie 10 Jahre zuvor, d.h. vor Beginn des Überfalles Hitlerdeutschlands. Mehr noch: Entgegen den Plänen des USA-Finanzkapitals brachte das Ende des zweiten Weltkrieges die Befreiung eines großen Teiles Europas vom Imperialismus, die Bildung der volksdemokratischen Länder und die Schaffung der Deutschen Demokratischen Republik. Im Osten führte das chinesische Volk seinen Befreiungskampf zum Siege, und auch in den Kolonien nahm der Befreiungskampf der unterdrückten Völker an Umfang und Intensität zu. Das Neue an der Lage gegenüber früher bestand darin, daß die große Weltfriedensbewegung sich nicht nur auf die mächtige Sowjetunion, sondern auch auf eine große Zahl volksdemokratischer Staaten stützen konnte, insgesamt auf 800 Millionen Menschen, die eine starke weltpolitische Kraft darstellten. Gleichzeitig war eine Verschärfung der allgemeinen Krise des Kapitalismus und der Widersprüche zwischen den kapitalistischen Staaten zu verzeichnen.

► Was waren die Ursachen der bisherigen imperialistischen Kriege?

Walter Ulbricht: Wenn wir uns mit dieser Frage beschäftigen, müssen wir von der Tatsache ausgehen, daß es Kriege um die Neuaufteilung der Welt erst gibt, seitdem sich das kapitalistische System der Weltwirtschaft zu einem weltumspannenden System der Unterdrückung der Mehrheit der Menschheit durch wenige imperialistische Staaten entwickelt hat und der Kampf zwischen den imperialistischen Staaten um Absatzmärkte und um die Weltherrschaft auf die Spitze getrieben wurde. Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts war die Welt unter den imperialistischen Großmächten aufgeteilt. Es gab keine „freien“ Territorien mehr, die sie erobern konnten, ohne mit anderen Großmächten in Konflikt zu kommen. Solche imperialistischen Mächte wie die USA, die ihre Machtpositionen im ersten und zweiten Weltkrieg verstärken konnten, nutzen ihre Macht aus, um auf Kosten anderer Großmächte, wie England und Frankreich, ihre Macht zu stärken und ihre Einflußsphäre zu erweitern.

► Welcher Methoden bedienten sich die US-amerikanischen Finanzkapitalisten, um Einfluß auf Europa zu gewinnen?

Walter Ulbricht: Ein Mittel dazu war der Marshallplan. Es ist verständlich, daß dem amerikanischen Finanzkapital die Existenz der Sowjetunion, des volksdemokratischen China usw. ein Dorn im Auge war. Nicht nur deshalb, weil sie nach der Ausbeutung dieser Länder strebten, sondern auch deshalb, weil die Existenz der Sowjetunion, des Lagers der Demokratie und des Sozialismus, die Imperialisten an der Eroberung anderer Länder hinderte und den nationalen Befreiungskampf der Kolonialvölker stärkte. J.W. Stalin sagte darüber: „Hieraus resultiert auch das ,natürliche’ Bestreben imperialistischer Kreise, die Widersprüche im eigenen Lager in den Hintergrund zu schieben, sie zeitweilig zu verwischen, eine Einheitsfront der Imperialisten zu schaffen und einen Feldzug gegen die UdSSR in die Wege zu leiten, um die sich vertiefende Krise des Kapitalismus wenigstens teilweise und wenigstens zeitweilig auf Kosten der UdSSR zu lösen.“ (J.W. Stalin, Bd.9 r.A.)

► Welche Länder sind für die Imperialisten am „interessantesten“, um sie zu okkupieren?

Walter Ulbricht: Es ist charakteristisch, daß die imperialistischen Mächte sich nicht, wie früher manche Sozialdemokraten glaubten, nur agrarische Gebiete unterwerfen wollen, sondern hochindustrielle Gebiete, Länder mit einer alten nationalen Kultur sogar bevorzugen. Lenin schreibt in seinem grundlegenden Werk „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“: „Für den Imperialismus ist gerade das Bestreben charakteristisch, nicht nur Agrarländer, sondern sogar höchstentwickelte Industriegebiete zu annektieren (Deutschlands Gelüste auf Belgien, Frankreichs auf Lothringen), denn erstens zwingt die abgeschlossene Verteilung der Erde, bei einer Neuverteilung die Hand nach jedem beliebigen Land auszustrecken. Und zweitens ist für den Imperialismus wesentlich der Wettkampf einiger Großmächte in ihrem Bestreben nach der Hegemonie, d.h. nach der Eroberung von Ländern, nicht so sehr direkt für sich als vielmehr zur Schwächung des Gegners und Untergrabung seiner Hegemonie (für Deutschland ist Belgien von besonderer Wichtigkeit als Stützpunkt gegen England; für England Bagdad als Stützpunkt gegen Deutschland usw.).“ (W.I. Lenin, Ausgew. Werke, Bd.I, S.842.)
Es ist also kein Zufall, daß der faschistische deutsche Imperialismus zunächst mit der Eroberung der hochindustriellen westeuropäischen Staaten begann, um sich die Rüstungszentren für die ungeheure Kriegsproduktion zu sichern, die für seine Welteroberungspläne notwendig waren. Der amerikanische Imperialismus ist in die Fußtapfen Hitlers getreten, mit dem Unterschied, daß er Westdeutschland zum Hauptstützpunkt seiner Kriegsaggression in Europa erwählt hat.

► Warum waren die Imperialisten damals so sehr an Westdeutschland interessiert?

Walter Ulbricht: Das geschah erstens, weil Deutschland nicht weit von der Sowjetunion und den volksdemokratischen Ländern entfernt war, zweitens, weil Westdeutschland eine bedeutende Schwerindustrie hatte, und drittens, weil es das einzige Gebiet ist, in dem die Amerikaner Jugendliche als Söldner anzuwerben hofften. Die amerikanischen Militärs hatten offen erklärt: Die Franzosen, Belgier, Holländer, die Italiener und Dänen denken nicht daran, für die amerikanische Rüstungsplutokratie in den Krieg zu ziehen. Deshalb setzte der amerikanische Imperialismus seine ganze Hoffnung auf die Remilitarisierung Westdeutschlands. (…) Eine starke Friedensbewegung in Westdeutschland, eine Volksbewegung gegen die Remilitarisierung und verantwortungsbewußte Politiker in Westdeutschland, die zusammen mit den Vertretern Ostdeutschlands einen Gesamtdeutschen Konstituierenden Rat bilden, wären die Voraussetzung für eine Rettung des Friedens in Europa.

Quelle:
Walter Ulbricht: An die Jugend, Verlag Neues Leben, Berlin, 1954, S.200-203

Nachbemerkung: Nach dem Tode Stalins und dem XX.Parteitag gewannen in der Sowjetunion revisionistische Kräfte die Oberhand und es begann die allmähliche Demontage der KPdSU, bis schließlich mit Hilfe solcher Vaterlandsverräter wie Gorbatschow und Jelzin die Zerstörung der Sowjetunion vollzogen und eine offene Konterrevolution eingeleitet wurde. Damit wurde die KPdSU als führende und erfahrenste Kommunistische Partei der Welt paralysiert und die Sowjetunion als stabiler Friedensfaktor in der Welt ausgeschaltet. Es folgten (friedliche) Konterrevolutionen im gesamten sozialistischen Lager. Die bisher sozialistischen Länder fielen dem Imperialismus anheim.

Quo vadis, Germania?

Der deutsche Kommunist Werner Eggerath (1900-1977) hatte die Nazizeit überlebt. Grausame Folterungen durch die SS und Gestapobüttel hatte er überstanden. Doch er schwieg, und seine Genossen verrieten ihn nicht. Dennoch war er vom „Volksgerichtshof“ wegen angeblichen „Hochverrats“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nur mit knapper Not entging er der Vernichtung im Konzentrationslager. Als endlich die Sowjetunion mit beinahe widerwilliger Unterstützung durch die Westmächte und unter großen Opfern Europa von der braunen Pest des Feschismus befreit hatte, kehrte auch Eggerath ins Leben zurück. Städte und Dörfer waren oft völlig zerstört, Millionen Menschen in halb Europa litten unter Obdachlosigkeit, Hunger und Elend. Das Hitlerregime hatte ein unübersehbares Leichenfeld und ein wirtschaftliches Chaos hinterlassen. Die Menschenverachtung der Nazis war ohnedies kaum zu überbieten gewesen. Noch in den letzten Tages des Krieges hatte Hitler verkündet: „Aber wenn wir selbst nicht siegen können, so werden wir selbst untergehend noch die halbe Welt mit uns in den Untergang reißen.“ In seinem 1965 erschienenen Buch „Quo vadis Germania?“ schreibt Werner Eggerath über die ersten Aufbaujahre in der DDR:

Eine jahrhundertealte Sehnsucht

Wenn ich an unsere Republik denke, an deren Bau ich ein ganzes Leben lang mitwirkte, steht das Bild eines kraftvollen, im mütterlichen Erdreich fest verwurzelten Baumes vor mir. Ja, sie wurde wohl erst 1949 offiziell gegründet, doch in klaren oder noch verschwommenen, in wissenschaftlich begründeten oder utopischen Vorstellungen lebte sie schon jahrhundertelang in den Herzen und Hirnen sowohl der Arbeiter und Bauern als auch unserer Dichter und Denker, bevor sie Gestalt annahm. Wenn die Bauernheere vor mehr als vierhundert Jahren sangen: »Wir wollen mit Tyrannen raufen!«, so schwang darin der Wille, neue Verhältnisse herbeizuführen, in denen die arbeitenden Menschen selbst das Leben der Gemeinschaft formten, wo das Sinnen und Trachten des einzelnen mit dem des ganzen Volkes zusammenfließen sollte, um allen Brot und Sicherheit vor den Unbilden des Lebens zu geben. »Altdeutschland, wir weben dein Leichentuch!« – Zorn und Empörung wallte in dem Weberlied; aber nach dem »Altdeutschland« der grenzenlosen Ausbeutung und Unterdrückung sollte ein neues kommen., ein Deutschland, das von denen gestaltet wird, die Tag für Tag Werte schallen, in dem das Leben hell, der Hunger unbekannt ist. »Wacht auf, Verdammte dieser Erde!« – wie ein Fanfarenstoß rief die neue Marseillaise, die Internationale, zum Sturm auf die Festen der Klassenherrschaft, rief auf, »alles zu werden« und damit die Träume und Hoffnungen vieler Generationen zu verwirklichen.

Mit Demagogie und Terror gegen die Arbeiterklasse

Aus all dem spricht das tiefe Sehnen nach Geborgenheit, nach einer menschlichen Gesellschaft, nach einem Vaterland, das Frieden und sozialen Wohlstand garantiert, das seine Produktivkraft auf die Entfaltung der Wissenschaft und der Künste verwendet, in dem jeder geachtet wird, der sein Teil zum Ganzen beiträgt. »Die Arbeiter haben kein Vaterland« – wie schroff und doch zutiefst wahr ist die knappe Feststellung im Kommunistischen Manifest!
Karl MarxKarl Marx

Nein, das konnte kein Vaterland sein, in dem die schöpferische Arbeit – das, was den Menschen erst zum Menschen, was ihn groß und schön macht – zur tierhaften Fron erniedrigt war. Das konnte kein Vaterland sein, in dem die Arbeitskraft zur Ware herabgewürdigt, gekauft und verkauft, wo der Mensch wie eine ausgepreßte Zitrone auf die Straße geworfen wurde, wenn er für den Käufer nicht mehr genügend hergab. Das konnte kein Vaterland sein, das die Blüte der Nation auf die Schlachtfelder und in die Massengräber trieb, in Raub- und Eroberungskriegen brutal zerstörte, was fleißige Hände in Jahrzehnten schufen. Die Ausbeuter wußten und wissen nur zu gut um die tiefe Sehnsucht der Volksmassen nach nationaler Würde, nach einem echten Vaterland. Mit Lüge, Betrug und Demagogie verstanden sie es stets, diese hehren Begriffe für ihre Klasseninteressen zu verfälschen und auszunutzen. »Schutz und Verteidigung des Vaterlandes!« – so deklarierten sie ihre Raubzüge und die Unterdrückung anderer Völker. »Rettet das Vaterland vor den vaterlandslosen Gesellen!« – so tarnten sie ihren Terror gegen die Arbeiterklasse und deren revolutionäre Vorhut. (…)

Menschen – seid wachsam!

Glühende Worte möchte ich finden, um jedem einzelnen der jetzt heranwachsenden Generation eine der wichtigsten Erfahrungen meines Lebens in das Bewußtsein einzuprägen: Wenn die Imperialisten – über den Rundfunk, in der ihr hörigen Presse oder wo es auch sei – von Vaterland und Nation sprechen, dann seid auf der Hut! Dann handelt es sich um Betrug, dann geht es um den Expansionsdrang einer winzig kleinen Minderheit, dann geht es gegen die Lebensinteressen unseres Volkes. Diese profitsüchtigen Beutejäger schrecken vor keinem Verbrechen zurück; davon zeugen die Gebeine von sechzig Millionen Menschen, die Opfer der grausamen, von den Imperialisten in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts organisierten Gemetzel wurden. Diese sechzig Millionen können nicht mehr sprechen, aber ihr Vermächtnis verpflichtet uns Überlebende, immer wieder zu warnen und zu mahnen: Seid wachsam! (…)

Das Wichtigste ist der Frieden!

Wer zwei Weltkatastrophen miterlebte, der fragt sich besorgt, ja entsetzt, wie es überhaupt möglich werden konnte, daß die militärisch geschlagene Monopolbourgeoisie erneut die Gefahr eines Weltbrandes über unser Volk und die Völker Europas heraufbeschwört. Diese Frage steht vor jedem patriotisch gesinnten Deutschen, sie steht ganz besonders vor der deutschen Arbeiterklasse, vor den sozialdemokratischen und kommunistischen, vor den christlichen und parteilosen Arbeitern in Westdeutschland. Eins dürfte heute jedem klar sein: Wäre durch das gemeinsame Handeln aller Volksschichten die Erfüllung des Potsdamer Abkommens in ganz Deutschland erzwungen worden, dann ginge heute von deutschem Boden keine Bedrohung des Friedens aus, dann wäre die nationale Frage für das ganze deutsche Volk gelöst! Wie viele folgten in zehn grauenvollen Kriegsjahren blindlings oder in dem Glauben, für »Volk und Vaterland« das Leben zu opfern, den Würgern unserer Nation! Bedarf es großer Phantasie, um sich vorzustellen, wie Deutschland heute aussähe, wenn die Massen unseres Volkes nicht den Händlern des Todes geglaubt hätten, sondern den Weg gegangen wären, den Karl Liebknecht und Ernst Thälmann wiesen?

Und Werner Eggerath schreibt weiter:

Vaterland – das ist der Inbegriff des Friedens und der Völkerfreundschaft, einer wahren Demokratie, einer echten Menschengemeinschaft, bedeutet Bildung und Kultur, Glück und Frieden für das ganze Volk. Klar und einleuchtend haben Karl Marx und Friedrich Engels den Weg zur Verwirklichung dieser großen Ideale gezeigt. Im Manifest der Kommunistischen Partei riefen sie die Arbeiter auf, sich zur führenden Klasse der Nation zu erheben, für den demokratischen Weg zur Einigung Deutschlands zu kämpfen. (…)
ArbeiterArbeiter im Stahlwerk

Seitdem beschritt die Arbeiterklasse unter Führung ihrer marxistischen Partei zielbewußt, ungeachtet vieler Rückschläge, zahlloser Opfer, aber auch mancher Fehler und Enttäuschungen, diesen Weg. In erbitterten Streikkämpfen, in Demonstrationen, in der aufopferungsvollen Arbeit Hunderttausender Mitglieder der Arbeiterparteien und der Gewerkschaften ist auch der Kampf für die Heimstatt einer friedliebenden, gebildeten und geachteten deutschen Nation eingeschlossen. Ihr Ringen um die soziale Befreiung der Ausgebeuteten entsprach den nationalen Interessen unseres Volkes; denn die Befreiung aus den Fesseln der Klassengesellschaft bedeutet letztlich die Befreiung von dem Alpdruck imperialistischer Kriege.

Wer sein Volk liebt, wer sich vor seinem Gewissen verpflichtet fühlt, neues Unheil von unserer Heimat abzuwenden, der muß seine ganze Kraft einsetzen, um allen Menschen die Erkenntnis zu vermitteln: Solange das Volk von der Großbourgeoisie beherrscht und unterdrückt wird, solange die von den arbeitenden Schichten geschaffenen Reichtümer für sinnlose Aufrüstung und Eroberungskriege verschleudert werden, solange kann dieses »Vaterland« der Monopolherren und Militaristen nicht das Vaterland der werktätigen Menschen sein! [1]

Anmerkung:
Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach Berechnungen amerikanischer Institute brachten die ersten drei Kriegsjahre der amerikanischen Rüstungsindustrie einen Gewinn von 110 Milliarden Dollar ein. Die Milliardäre in der Wallstreet konnten – umgerechnet für jeden gefallenen amerikanischen Soldaten – 120.000 Mark auf ihr Konto verbuchen. Sie verdienten damit in einem Kriegsjahr mehr als in fünf Friedensjahren! – Und weiter dokumentiert Werner Eggerath: „Anglo-amerikanische Bomber warfen während des Zweiten Weltkriegs fast 2,5 Millionen Tonnen Sprengmaterial über Europa ab, Brandbomben und Phosphorkanister nicht eingerechnet. Dadurch zerstörten oder beschädigten sie in 61 deutschen Großstädten rund 3.600.000 Häuser und machten 7,5 Millionen Menschen obdachlos. Noch im Februar 1945, als der Krieg längst entschieden war, vernichtete ein solcher Terrorangriff fast die ganze Innenstadt Berlins; in der Schreckensnacht vom 13. zum 14. Februar kamen in Dresden, das mit Hunderttausenden von Zwangsevakuierten aus den östlichen Gebieten überfüllt war, über 35.000 Menschen auf grausamte Weise ums Leben. Die herrliche, an Kulturdenkmälern reiche Stadt verlor von ihren 220.000 Wohnungen etwa 80.000, die völlig zerstört, und 75.000, die schwer beschädigt wurden; der Verlust kostbarer Kunstschätze ist unermeßlich. Wie entsetzlich ist die Schuld, die vor allem die herrschende Klasse in Deutschland durch ihre bestialische Politik, durch den Raubkrieg auf sich lud!“ [2] – Das Buch ist trotz seiner zeitgeschichtlich bedingten Unzulänglichkeiten hinsichtlich der Ereignisse des ausgehenden 20.Jahrhunderts auch heute noch als ein wertvolles Lehrbuch über die Zusammenhänge und Hintergründe der deutschen Geschichte anzusehen. Es ist leicht geschrieben, wissenschaftlich genau, und doch einfach und verständlich. Zahlreiche Beispiele aus eigenem Erleben und historische Fakten illustrieren die Geschichte. Und die Begeisterung des Autors für die neue Zeit, den Sozialismus, überträgt sich auf den Leser. In diesem Sinne ist es ein autobiographisches Buch. Bemerkenswert sind die einfühlsamen Zeichnungen von Prof. Kurt Zimmermann. Empfehlung: absolut lesenswert !

Quelle:
[1] Werner Eggerath: Quo vadis, Germania?, Urania Verlag Leipzig/Jena/Berlin, 1965, S.435-444. (erhältlich bei booklooker –> hier)
[2] ebd., S.299f.
Zeichnungen: Kurt Zimmermann (Nationalpreisträger)

Kinderferien in der DDR

Die Freizeit- und Feriengestaltung war in der DDR stets ein wichtiges Anliegen von Partei, Gewerkschaft und Jugendverband. Sie war Bestandteil der staatlichen Jugendförderung und wurde vollständig aus dem Staatshaushalt finanziert. Das war natürlich nur deshalb möglich, weil die Betriebe der DDR Volkseigentum waren und die Gewinne nicht in die Taschen einiger weniger Ausbeuter und sonstiger Parasiten wanderten, wie es heute in der BRD der Fall ist. Die herrschende Klasse in der DDR war nämlich die Arbeiterklasse. Im Lexikon Arbeitsrecht (DDR) steht: „Der einheitliche Erziehungsprozeß der Schüler und Lehrlinge in der Schule und in den Ferien soll helfen, die Wißbegierde, den Forschungsdrang, die Liebe zur sozialistischen Heimat, zum Buch, zur Kunst und zur sportlichen Betätigung zu wecken.“ Die Betriebsferienlager wurden in der Regel für die Kinder (ab 10 Jahre) der Betriebangehörigen organisiert. Jeder Durchgnag dauerte 18 Tage. Die Teilnehmer zahlten dafür einen geringfügigen Teilnahmebeitrag. Hier eine kleine, und für die damalige Zeit auch wohl recht belanglose Mitteilung aus einer Tageszeitung der DDR vom 22.Dezember 1983:

Auszeichnung

Es ist für uns heute schon ein erstaunlicher Vorgang. Aber so war das eben in der DDR:
Da werden Ferienhelfer ausgezeichnet, die während der Sommerferien in einem der zahlreichen Betriebsferienlager, in einem zentralen Pionierlager oder in einem Lager für Erholung und Arbeit als Lagerleiter, Helfer oder Küchenkräfte eingesetzt waren. Sie machten das selbstverständlich freiwillig, mit einer betrieblichen Freistellung von der Arbeit (d.h. die Kollegen erhielten weiterhin ihren Lohn vom Betrieb und eine Aufwandsentschädigung für die Zeit ihres Ferieneinsatzes). Eine Krankenschwester und ein Arzt begleiteten die Kinder.
In jedem Jahr verbrachten auch Kinder aus anderen Ländern (u.a. aus der BRD, aus Polen, der Tschechoslowakei, der Sowjetunion oder aus befreundeten afrikanischen Ländern) ihre Ferien in der DDR.

Ferienlager Gallentin
Jungen und Mädchen proben auf der Freilichtbühne des Bungalowdorfs
in Gallentin für das Abschlußfest

Solche Ferien in einem Betriebsferienlager waren für die Kinder immer ein riesiges Vergnügen. Allein die Zugfahrt (für 2-3 Mark je Kind durch die ganze Republik bis an die Ostsee) war schon ein Gaudi. Und es gab viele schöne Kinderferienlager in der DDR. Kein Tag war langweilig und in der Küche des Ferienlagers wurde ein schmackhaftes Essen zubereitet. Nach 14 erlebnisreichen Tagen mit Spiel und Spaß, mit interessanten Exkursionen und Ausflügen kamen die Kinder dann fröhlich und ausgelassen zurück. Die Kosten zahlte der Betrieb. Wer das einmal erlebt hat, wird die schönen Ferien nie vergessen. Dann freuten sich die Kinder wieder auf den 1.September, den Schulbeginn…

Ferienlager Röbel
Frohe Ferientage verleben die FDJler in Röbel an der Mecklenburgischen Seenplatte

Noch eine kleine Statistik:
Die DDR hatte (1986) rd. 18,6 Millionen Einwohner. Davon waren etwa 2 Millionen Kinder im Alter von 7 bis 17 Jahren, die eine allgemeinbildende Schule besuchten. In unserem Land gab es 263 Jugenderholungseinrichtungen. Allein im Ostseebezirk Rostock verbrachten 1986 über 3,4 Millionen DDR-Bürger ihren Urlaub; jeder vierte Urlauber hatte seinen Ferienplatz über den FDGB-Feriendienst erhalten, und fast 8% aller Ostsee-Urlauber waren Kinder, die ihre Ferien in einem Kinderferienlager verleben durften.
(Quelle: Statist. Taschenbuch der DDR, Staatsverlag Berlin, 1987)

Fotos:
Vom Sinn unseres Lebens, Verlag Neues Leben, Berlin, 1983, S.238 u.239.

Siehe auch:
Die DDR – ein kinderfreundliches Land

Erich Honecker: Für ein kinderfreundliches Land…

Wenn den Massenmedien in der BRD wieder einmal der Stoff auszugehen droht, und man nicht mehr weiß, was man noch berichten darf, dann greift man in die Trickkiste und zieht ein paar Schauergeschichten über die DDR hervor. Doch allmählich wird es langweilig. Nicht einmal die Schulkinder wollen noch glauben, was man ihnen über dieses Land erzählt.
Und sehr oft wird gefragt: Was war denn nun anders in der DDR? Wie lebten die Familien? Wie ging es den Kindern? Welche Rolle spielten die Frauen? Einer der ganz gewiß nicht übertreibt, wenn er berichtet, war der erste Mann in diesem Staat: Erich Honecker. An seiner Aufrichtigkeit besteht nicht der geringste Zweifel! Auch wenn die „Altherrenriege“ des Politbüros den Veränderungen der 80er Jahre nicht mehr gewachsen war — Erich Honecker war eine bedeutende Persönlichkeit. Und er war Kommunist. Seine Biographie enthält weit mehr als nur seine persönlichen Ansichten. In ihr widerspiegeln sich die politischen Grundsätze seiner Partei, der SED. Ein ganzes Kapitel widmet Erich Honecker dem Thema: „Frauen im Sozialismus“. Darin kommt auch die Sorge der Partei für das Wohl und die Zukunft der Kinder zum Ausdruck. Wenn es der Familie gutgeht, die Lebensbedingungen auskömmlich sind, berufliche Arbeits- und Entwicklungmöglichkeiten vorhanden sind und die Frauen gleichberechtigt, so haben auch die Kinder eine gesicherte Zukunft. Alles das war in der DDR Realität. Es gab keine Krisen, und eine im Vergleich zur BRD nahezu verschwindend geringe Kriminalität.
Alterspyramide Alterspyramide 1910 / 2005
Betrachtet man jedoch die Alterspyramiden des letzten Jahrhunderts, so fällt auf, daß vor allem die beiden Weltkriege große Lücken in den Lebensbaum gerissen hatten. Doch auch gesellschaftliche Verwerfungen oder Umbrüche, wie z.B. die Konterrevolution 1989, führten zu einem deutlichen Geburtenrückgang. Über diese gesellschaftlichen Zusammenhänge schreibt Erich Honecker in seiner Biographie:

Die Geburtenrate steigt wieder

Besonders erfreuliche Wirkungen unserer Wirtschafts- und Sozialpolitik kommen auch in der Entwicklung der Geburten in der DDR zum Ausdruck. Hier hatten wir, wie viele andere Industrieländer, seit der zweiten Hälfte der sechziger Jahre unsere Probleme. Bis 1973 war die Ziffer der Lebendgeborenen je 1.000 der Bevölkerung auf 10,6 gesunken. Das waren 180.336 Kinder. Die Ursache dafür lag in der ungünstigen altersmäßigen Zusammensetzung der Bevölkerung, einer Folge des zweiten Weltkrieges. Weitere Gründe bestanden darin, daß viele junge Ehepaare zu lange auf eine eigene Wohnung warten mußten, daß die Zahl berufstätiger Frauen erheblich gewachsen war und ihr Qualifikationsniveau sprunghaft zunahm. Zugleich verlängerte sich die Ausbildungszeit für die jungen Frauen, die fast alle einen Beruf auszuüben begannen oder zum Studium gingen. Demzufolge brachten sie ihr erstes Kind gewöhnlich in einem Alter zur Welt, in dem die jungen Frauen früherer Jahrgänge schon ihr zweites Kind erwarteten. Seither werden in der DDR von Jahr zu Jahr wieder mehr Kinder geboren. Allein 1979 waren es 235.233. Das sind fast 55.000 oder rund 30 Prozent mehr als 1973. Die Zahl der Lebendgeborenen je 1.000 Einwohner erhöhte sich damit auf 14.

Das soziale Umfeld ist entscheidend

Alle Bürger unseres Landes und selbstverständlich auch mich erfüllt dieser Anstieg der Geburten mit Freude. Er widerspiegelt das kinderfreundliche Klima in unserem Land, das aus der sozialen Sicherheit der Familien, aus der Zukunftsgewißheit der Menschen hervorgeht. Bei uns sagt man nicht zu Unrecht: Wer die Zukunft bejaht, bejaht das Kind. In unserem sozialistischen Staat werden die Kinder in eine gute Umwelt hineingeboren. Ihnen gehört die ganze Liebe und Aufmerksamkeit der Familie und der Gesellschaft. Wir tun alles, damit sie weder Hunger noch Krieg kennenlernen. Von der ersten Stunde ihres Lebens an werden sie durch ein leistungsfähiges Gesundheitswesen betreut. Sie können ihre Fähigkeiten und Talente auf der Basis unseres Bildungswesens nach Kräften entwickeln. Kein junger Mensch braucht sich um eine Lehrstelle oder einen Arbeitsplatz zu sorgen. Jeder einzelne ist gefragt, und seine Leistungen werden anerkannt.

Die soziale Lage der Frau in der Gesellschaft

Die Zunahme der Geburten ist für uns auch noch aus einem anderen Grund bedeutsam. Seit 1972 kann in der DDR die Frau über die Schwangerschaft und deren Austragung selbst entscheiden. Damit wurde eine alte Forderung der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung erfüllt, für die sich auch viele Ärzte, Juristen und Geistesschaffende eingesetzt haben. Schwer war die Lage der Arbeiterfrauen und Arbeiterfamilien nach dem ersten Weltkrieg. Ich kenne ihre Not und ihr Elend aus eigener Anschauung und weiß, wie die Bergarbeiterfamilien in meiner saarländischen Heimat zu kämpfen hatten, um ihre Kinder und sich selbst satt zu bekommen, sich zu kleiden und ein Dach über dem Kopf zu haben.

Über die ungewollte Schwangerschaft

In jener Zeit war ein ungewolltes Kind oft eine Tragödie. Die Aufführung des Schauspiels „Cyankali“ Ende der zwanziger Jahre, also in der Zeit der Weltwirtschaftskrise, hat mich als jungen Kommunisten tief ergriffen. Dieses aufrüttelnde Werk des Arztes und Schriftstellers Friedrich Wolf verlieh der Stimme des Volkes im Kampf gegen den Abtreibungsparagraphen 218 Ausdruck. Schon im Oktober 1931 beantragte die Fraktion der Kommunistischen Partei Deutschlands im Reichstag, die Unterbrechung der Schwangerschaft* gesetzlich freizugeben. Im Volke fand dieser Antrag Zustimmung, aber nicht im bürgerlichen Parlament. So blieb alles beim alten. Was den Proletarierfrauen bei Strafe verboten war, was viele von ihnen mit Siechtum oder gar mit dem Leben bezahlten, wofür nicht wenige ins Zuchthaus geworfen wurden, das stellte für die Reichen kein Problem dar. Zu jeder Zeit konnten sich die Frauen der Oberschicht kostspielige Schwangerschaftsunterbrechungen leisten und leisteten sie sich auch.

Der unmoralische Paragraph 218

Für mich gab es nie einen Zweifel: Der Paragraph 218, die Doppelmoral muß weg! Daher habe ich mich sehr dafür eingesetzt, in unserer Republik die Lösung dieser Frage voranzubringen, die im engen Zusammenhang mit der Gleichberechtigung der Frau in Ausbildung und Beruf, Ehe und Familie steht. Auf Initiative unserer Partei und entsprechend einem gemeinsamen Beschluß des Politbüros und des Ministerrates der DDR wurde den 500 Abgeordneten der Volkskammer am 9. März 1972 der Entwurf eines Gesetzes über die Unterbrechung der Schwangerschaft vorgelegt. Mit absoluter Mehrheit, bei nur 14 Gegenstimmen und 8 Stimmenthaltungen, erhoben ihn die Abgeordneten zum gültigen Gesetz. Damit wurde nach den früher gewährten Rechten auf Arbeit und auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit, auf Bildung, Erholung und Erleichterungen im Leben nunmehr der Frau auch das Recht gegeben, in eigener Verantwortung, das heißt in eigener Beurteilung ihrer persönlichen, beruflichen und familiären Lebensbedingungen und Entwicklungsvorstellungen, frei über den Zeitpunkt der Geburt eines Kindes zu entscheiden. Das entspricht dem Recht und der Würde der Frau, dient dem Schutz der Gesundheit und dem Leben von Mutter und Kind.

Erneutes Anwachsen der Geburtenzahlen in der DDR

Es gab Meinungen, ob angesichts des durch Kriegsfolgen stark deformierten Lebensbaumes eine solche Maßnahme nicht verfrüht sei, ob die Geburtenrate nicht noch weiter sinken werde. Jedoch vertraten wir die Auffassung, daß es an der Zeit war, der Frau dieses wahrhaft menschliche Recht zu übertragen, eine Entscheidung, die ihrem Lebensglück und der Festigung der Familie dient.
Familie
Überhaupt möchte ich sagen, daß sich alle Einwände, die damals von verschiedenen Seiten gegen dieses Gesetz erhoben wurden, samt und sonders als gegenstandslos erwiesen haben. So erhöhten sich die Geburtenzahlen in der DDR von 179 127 im Jahr 1974 auf 181.798 im Jahr 1975, auf 195.483 im Jahr 1976, auf 223 152 im Jahr 1977, auf 232.151 im Jahr 1978 und schließlich auf 235 233 im Jahre 1979. Die Befürchtung, es könne Erscheinungen der Unmoral unter der Jugend begünstigen, wurde allein schon durch die steigende Zahl junger Ehen und Geburten widerlegt.

Das Entscheidungsrecht liegt bei den Frauen

Auch die Befürchtung, die Frauen könnten mit der Wahrnehmung ihres Entscheidungsrechts gesundheitliche Schäden erleiden, hat sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Während 1971, ein Jahr vor der Annahme des Gesetzes, die Müttersterblichkeit immerhin noch 4,1 je 10.000 Entbindungen betrug, sank sie infolge der von Ärzten in Kliniken und Krankenhäusern fachgerecht durchgeführten Unterbrechung auf 2,0 im Jahre 1978. Im gleichen Zeitraum ging auch die Säuglingssterblichkeit von 18 je 1.000 Lebendgeborenen auf 13 zurück. Desgleichen erwies sich die Festlegung, die Schwangerschaftsunterbrechung arbeits- und versicherungsrechtlich einem Krankheitsfall gleichzusetzen und ärztlich verordnete empfängnisverhütende Mittel unentgeltlich zu verabreichen, als absolut richtig. Der illegale Abort gehört infolgedessen bei uns völlig der Vergangenheit an. Ganz im Sinne des Gesetzes haben die Frauen der Schwangerschaftsverhütung gegenüber dem Abbruch den Vorzug gegeben. Seit 1973 ist die Zahl der Schwangerschaftsunterbrechungen erheblich zurückgegangen, und zwar bei gleichzeitigem Ansteigen der Geburten.

Frauen sind in der DDR gleichberechtigt

So wurde die Gleichberechtigung der Frau in der Deutschen Demokratischen Republik weiter verwirklicht. Bereits in der ersten Verfassung der DDR war die Gleichberechtigung von Mann und Frau als eines der wichtigsten Menschenrechte verankert. Daran hat sich auch in den folgenden Jahren nichts geändert. Der Artikel 20 unserer Verfassung von 1974 erfuhr eine wesentliche Präzisierung. Dort heißt es: „Mann und Frau sind gleichberechtigt und haben die gleiche Rechtsstellung in allen Bereichen des gesellschaftlichen, staatlichen und persönlichen Lebens. Die Förderung der Frau, besonders in der beruflichen Qualifizierung, ist eine gesellschaftliche und staatliche Aufgabe.“

Ehe und Familie in der DDR

Von Anfang an haben wir uns nicht auf die verfassungsmäßige Sicherung der Gleichberechtigung von Mann und Frau beschränkt. Eines der ersten Gesetze unseres Arbeiter-und-Bauern-Staates war das „Gesetz über den Mutter- und Kinderschutz und die Rechte der Frau“ vom 27. September 1950. Es bildete die Basis, um planmäßig Verfassungsrecht und gesellschaftliche Wirklichkeit in Übereinstimmung zu bringen, Millionen Frauen den Weg zu freiwilliger und gleichberechtigter Teilnahme am gesellschaftlichen Produktionsprozeß zu ebnen und ihren Willen zu fördern, sich die dafür notwendigen Kenntnisse anzueignen. Durch das Gesen wurde die staatliche Hilfe und Unterstützung für Mutter und Kind geregelt. Er bezeichnete Ehe und Familie als einen der Grundpfeiler unserer Gesellschaft und verfügte die Gleichstellung von Mann und Frau im Familienrecht.

Die gesetzlich garantierte Gleichberechtigung

Die staatliche Verantwortung für die Frau in der Produktion sowie der Schutz ihrer Arbeit wurden gesichert. Im Gesetz heißt es zum Beispiel: „Die Arbeit der Frauen in der Produktion soll sich nicht auf die traditionellen Frauenberufe beschränken, sondern auf alle Produktionszweige erstrecken… In allen Berufen sind Maßnahmen zur Qualifizierung der Frauen zu treffen.“ Schließlich verlangte dieses Gesetz, den Anteil der Frauen in verantwortlichen Funktionen des Staates und der Gesellschaft systematisch zu erhöhen. Es verpflichtete die örtlichen Organe der Staatsmacht sowie die volkseigenen Betriebe, soziale Einrichtungen zur Betreuung der Kinder werktätiger Mütter zu schaffen. Alles in allem wurde detailliert festgelegt, wie die Gleichberechtigung der Frau Schritt für Schritt im Leben zu verwirklichen ist.

Die berufstätige Frau

Wenn wir heute für uns in Anspruch nehmen können, ein Land der Gleichberechtigung und der Kinderfreundlichkeit zu sein, dann haben die Frauen durch ihre schöpferische und fleißige Mitarbeit am Aufbau der sozialistischen Gesellschin an der Steigerung unserer Wirtschaftskraft selber einen großen Beitrag dazu geleistet.
Textilarbeiterinnen
Übrigens stehen heute 87,6 Prozent aller arbeitsfähigen Frauen im Berufsleben, lernen oder studieren. Im Jahr 1979 waren das 4,1 Millionen berufstätige Frauen und 630.000 lernende Mädchen und junge Frauen im arbeitsfähigen Alter. Von Jahr zu Jahr erhöhte sich der Anteil der Frauen an den Berufstätigen der gesamten Volkswirtschaft und beträgt gegenwärtig 50,2 Prozent.

Das gewachsene Selbstbewußtsein der Frauen in der DDR

Natürlich haben sich mit der Zeit die Motive der Frauen für ihre Teilnahme am Berufsleben gewandelt. Nach der Zerschlagung des Faschismus war sie für viele zunächst eine bittere Notwendigkeit. Wir hatten damals rund 11,6 Millionen Bürger im arbeitsfähigen Alter. Der Frauenüberschuß betrug über zwei Millionen. Alle diese Frauen waren zu alleinigen Ernährerinnen ihrer Familien geworden. Die meisten von ihnen, die damals als Trümmerfrauen oder auf anderen Gebieten am demokratischen Neuaufbau beteiligt waren, ahnten noch nicht, daß damit ein Prozeß eingeleitet wurde, der für ihre Gleichberechtigung von grundlegender Bedeutung war. Später kam die Erkenntnis hinzu, durch die Berufsarbeit Wissen und Fähigkeiten anwenden zu können, über die eigenen vier Wände hinaus nützlich zu sein. Dabei prägten sich das Selbstbewußtsein der Frauen, ihre ökonomische Unabhängigkeit vom Manne weiter aus. So wurde die Berufstätigkeit für die überwältigende Mehrheit der Frauen zu einem echten Bedürfnis. Sie können sich — wie sie selber sagen — ohne sie ihr Leben nicht mehr vorstellen.

Ein beeindruckendes Ergebis der Sozialpolitik

Würden wir heute nur ein Resümee der Teilnahme der Frauen an der volkswirtschaftlichen Entwicklung ziehen, so wäre allein dies sehr beeindruckend. Die Ausübung eines Berufes, die Entlohnung entsprechend der Leistung, die feste Zugehörigkeit zu einem Arbeitskollektiv, die gesellschaftliche Mitarbeit bewirkten bei Frauen und Männern völlig neue Denk- und Verhaltensweisen.

Hohes Bildungsniveau der Frauen in der DDR

Von besonderem Gewicht dafür war das Recht der Frau auf gleiche Bildung. Seine Gewährleistung entspricht nach unserer Meinung dem Persönlichkeitsideal des allseitig gebildeten, harmonisch entwickelten sozialistischen Menschen. Es ist unteilbar und gilt für Männer wie für Frauen. Im Unterschied zu allen vorangegangenen Gesellschaftsordnungen haben wir die Tore aller Lehranstalten bis hin zu den Universitäten für die Arbeiterkinder und die Frauen weit geöffnet.
Frauensonderklasse
Und sie nutzen ihr Recht auf Bildung. Diese Tatsache war es auch, die es mir ermöglichte, im Bericht des Zentralkomitees an den IX. Parteitag der SED zu erklären, „daß die Frauen auf allen Gebieten des Lebens ihren festen Platz haben. Bei der jungen Generation zeigen sich kaum noch Unterschiede in den Entfaltungsmöglichkeiten ihrer Fähigkeiten und Talente. Mädchen und Jungen werden gleichermaßen gut auf das Leben vorbereitet.“ 99 Prozent der weiblichen Schulabgänger, die keine weiterbildenden Einrichtungen besuchen, erlernen einen Beruf.

Frauenanteil an der Hoch- und Fachschulkadern

Aus alledem resultiert, daß heute 71,8 Prozent der in der Volkswirtschaft tätigen Frauen über eine abgeschlossene Berufsausbildung als Facharbeiter oder eine noch höhere Qualifikation verfügen. Zu Beginn des sozialistischen Aufbaus waren das nur fünf Prozent. Jeder zweite Werktätige mit Fachschul- und fast jeder dritte mit Hochschulbildung ist jetzt eine Frau. Der Anteil der Studentinnen am Direktstudium der Universitäten und Hochschulen liegt bei 52,5 Prozent, in den Fachschulen sogar bei 82,6 Prozent. So ist die Lage im Bereich der Bildung, und niemand hätte heute auch nur das geringste Verständnis dafür, wenn es anders sein sollte. (…)

Sozialpolitische Maßnahmen im Interesse der Familie

Die Unterstützung der Gesellschaft für die werktätigen Frauen wird durch ein umfangreiches Netz sozialer und dienstleistender Einrichtungen gewährleistet, wie Kinderkrippen und -gärten, Wäschereien, Betriebs- und Schulküchen. Auf diese Weise erreichen wir, daß die materiellen Aufwendungen und Leistungen, die mit der Geburt, Betreuung und Erziehung der Kinder verbunden sind, in wachsendem Maße von der Gesellschaft getragen und anerkannt werden. Das findet seinen Ausdruck auch in einer Reihe sozialpolitischer Maßnahmen speziell für werktätige Mütter. Ich nenne hier die Verlängerung des Schwangerschafts- und Wochenurlaubs auf 26 Wochen bei vollem Lohnausgleich, die Erhöhung der einmaligen staatlichen Geburtenhilfe für jedes Kind auf 1.000 Mark, die Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit – gleichfalls ohne Lohnminderung – für voll beschäftigte berufstätige Mütter mit zwei und mehr Kindern bis 16 Jahre auf 40 Stunden sowie die Verlängerung des jährlichen Erholungsurlaubs, differenziert nach der Anzahl der Kinder, bis zu 29 Arbeitstagen und die Schaffung weiterer Plätze in Vorschuleinrichtungen.

Die DDR war ein kinderfreundliches Land

Meines Wissens haben wir, was die Kapazität der Kindereinrichtungen betrifft, inzwischen einen führenden Platz in der Welt erreicht. Von gut ausgebildeten Fachkräften werden jetzt 60 Prozent aller Kinder bis zum dritten Lebensjahr in Kinderkrippen und über 92 Prozent aller Kinder von drei bis sechs beziehungsweise sieben Jahren, also bis zum Eintritt in die Schule, in Kindergärten in einer lebensnahen und fröhlichen Atmosphäre betreut, gebildet und erzogen. 77 Prozent aller Schulkinder nehmen an der Schulspeisung teil, die aus einer warmen Mahlzeit und einem Viertelliter Trinkmilch täglich besteht. Nach dem Unterricht können die Kinder des ersten bis vierten Schuljahres in Schulhorten unter Anleitung von Erziehern und Lehrern bis zum späten Nachmittag lernen und spielen. Viel tun auch die Pionierorganisation und der Jugendverband für eine sinnvolle Freizeit aller Schüler.

Dem Neubau, der Erweiterung und der modernen Ausgestaltung all dieser Einrichtungen hat unser Staat stets große Bedeutung beigemessen und wird dies auch in Zukunft tun. Denn sie sind fester Bestandteil unseres einheitlichen sozialistischen Bildungssystems.

Besonders hervorzuheben ist die Unterstützung unseres Staates für alle kinderreichen Familien mit vier und mehr Kindern und für alleinstehende Bürger mit drei Kindern. Neben dem monatlichen staatlichen Kindergeld erhalten sie eine umfangreiche finanzielle und materielle Unterstützung. Sie werden bevorzugt mit Wohnungen versorgt und zahlen dafür eine Miete, die drei Prozent des Familieneinkommens nicht übersteigt. Verbilligte Dienstleistungen, Fahrpreise und anderes mehr werden ihnen gewährt.

Gründe für den Geburtenanstieg in der DDR

Das alles sind Voraussetzungen, die eine berufstätige Mutter braucht, um ihre Kinder mit der Liebe, Aufmerksamkeit und Wärme zu umgeben, die sie natürlicherweise von ihr erwarten. Im Verlauf einer längeren Zeitspanne, dank der Macht der Arbeiter und Bauern, haben sich auf gesetzlicher Grundlage Bedingungen herausgebildet, die uns erlauben, zu sagen, daß die in unserem Staat geborenen Kinder gewünscht und gewollt sind. Sicher beantwortet das hier Dargelegte auch die im Ausland vielfach gestellte Frage nach den Gründen unseres Geburtenanstiegs.
FDJlerinDie reale Gleichberechtigung von Mann und Frau ist eine der Springquellen des Sozialismus, ein Beweis für seine Überlegenheit gegenüber anderen Gesellschaftsordnungen. Berufstätigkeit, Bildung und die umfassende Anerkennung ihrer sozialen Funktion als Mütter machen die Frauen heute zu Staatsbürgerinnen im echten Sinne. Was ist bei uns geblieben von der früheren Diskriminierung, der gesellschaftlichen Unmündigkeit und Unselbständigkeit der Frau? Nichts! In der Deutschen Demokratischen Republik verfügt die Frau über einen eigenen Standpunkt, den sie auch zu vertreten weiß. Sie ist Partnerin am Arbeitsplatz und in der Volksvertretung. Wie der Mann nutzt sie ihre Fähigkeit, nationale und internationale Vorgänge zu verfolgen, zu beurteilen, und nimmt aktiv am politischen Geschehen teil. Das ist ein großer Erfolg des Sozialismus und von unschätzbarem Wert für unsere kommunistische Zukunft.

Quelle:
Erich Honecker: Aus meinem Leben, Dietz Verlag Berlin, 1981, S.319-328
(Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

*Schwangerschaftsunterbrechung, „Interruptio graviditatis“ [lat.] Unterbrechung (besser Abbruch) einer intakten Schwangerschaft. In der DDR durch Gesetz geregelt; Schwangerschaften bis zur 12. Woche können auf Wunsch der Schwangeren durch einen Facharzt in einer stationären Einrichtung unterbrochen werden. (Meyer’s Lexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1980, S.828)

Siehe auch:
Leben in der DDR – Lebensweise und Familie
Die DDR – ein kinderfreundliches Land
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Noch etwas: Wider die Verleumdungen des ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Prof.Böhmer: „Für manche ostdeutsche Frau ist die Kindstötung anscheinend ein Mittel der Familienplanung.“ (zitiert nach „junge Welt“ 21.01.2011, S.15)

Buchempfehlung:
Heike Walter: Abgebrochen – Frauen aus der DDR berichten. Verlag neues leben, Berlin 2010, 192 Seiten, 12,95 Euro * (Mit einem Vorwort des Sozialwissenschaftlers Prof. Kurt Starke)
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(Dr.Heike Walter, geb. 1960 in Naumburg/Saale, promovierte Zahnärztin, Studium in Moskau und Leningrad, Arbeit in einer Poliklinik in Magdeburg, heute eigene Praxis in Rheinland-Pfalz, verheiratet, zwei Kinder.)

DDR – Der Bezirk Karl-Marx-Stadt

Den Namen „Karl-Marx-Stadt“ gibt es nicht mehr. Zu Ehren des großen deutschen Philosophen und Führers der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung war in der DDR die bedeutende sächsiche Industriestadt Chemnitz umbenannt worden. Dies wurde nach der Konterrevolution 1989 wieder rückgängig gemacht.
Karl-Marx-Stadt
Das Karl-Marx-Monument von dem sowjetischen Bildhauer Lew Kerbel

Manchmal ist es ganz interessant nachzulesen, wie das Leben in der DDR war. Denn diejenigen, welche dieses Land noch kannten, werden weniger, und sie kommen heute kaum zu Wort. Zudem verblaßt im Laufe der Jahre die lebendige Erinnerung. Jüngere Generationen kennen die Heimat ihrer Eltern nur noch aus dem Schulunterricht – und der ist alles andere als objektiv. Allenfalls erhält man da nur ein politisch verzerrtes Bild, das sich reduziert auf Stasi, Mauerbau und Schießbefehl. Doch die DDR war ein funktionierendes, international anerkanntes Staatswesen, ein Arbeiter- und Bauern-Staat, der zu 133 Staaten in aller Welt diplomatische Beziehungen unterhielt.

Die DDR hatte viele Vorzüge, die uns heute abhanden gekommen sind, freilich auch einige Nachteile (doch dazu an anderer Stelle mehr). Bei etwas mehr Spielraum für eigene Initiativen, hätten vermutlich auch einige der heute enttäuschten ehemaligen DDR-Bürger, die damals 1989 nicht schnell genug die Aldi-Märkte stürmen konnten, die den Bananen und der westdeutschen D-Mark hinterherrannten und an den Wechselschaltern Schlange standen, ihr Heimatland jedem noch so schönen kapitalistischen Staat vorgezogen. Sie hätten sich vermutlich mehr für den Sozialismus engagiert, der ihnen eine krisenfreie und menschenwürdige Lebensperspektive zu bieten hatte. Denn in der DDR bekamen alle eine fundierte Schulbildung, durften – wenn sie fleißig genug waren – auf Staatskosten studieren, konnten ohne Not eine Familie ernähren und führten zumeist ein recht sorgenfreies Leben. Wie dem auch sei. Nehmen wir einmal den Bezirk Karl-Marx-Stadt:
Bezirk Karl Marx Stadt
Der Bezirk Karl-Marx-Stadt befand sich im Süden der DDR. Er grenzte an die CSSR (248 km Grenze) und im Südwesten an die BRD (41km Grenze). Nachbarbezirke waren Gera, Leipzig und Dresden. Das Territorium des Bezirkes wurde im wesentlichen von den Mittelgebirgslandschaften des Erzgebirges und des Vogtlandes bestimmt. Höchste Erhebung war mit 1214 Metern der Fichtelberg, zugleich die höchste Erhebung der DDR. Der Bezirk Karl-Marx-Stadt war der bevölkerungsreichste und nach Berlin der am dichtesten besiedelte Bezirk der DDR. Er war in 21 Landkreise, 3 Stadtkreise (Karl-Marx-Stadt, Zwickau, Plauen) und 601 Gemeinden untergliedert. Typisch war die fortgeschrittene Verstädterung (32 Städte mit über 10.000 Einwohnern), die besonders in dem großen industriellen Ballungsraum mit der Achse Freiberg – Karl-Marx-Stadt – Zwickau – Reichenbach und ihrer Fortsetzung bis Plauen deutlich wurde. In diesem Gebiet lag die Bevölkerungsdichte noch wesentlich über dem Bezirksdurchschnitt von 310 Einwohnern je km2. Die größten Städte und zugleich die industriellen Zentren des Bezirkes waren Karl-Marx-Stadt, Zwickau, Plauen und Freiberg.
Zentrum KMSt
Das damalige Stadtzentrum von Karl-Marx-Stadt

Von den Berufstätigen der Industrie der DDR waren fast 15 Prozent im Bezirk Karl-Marx-Stadt konzentriert. Der Bezirk war ein Zentrum der metallverarbeitenden Industrie und der Konsumgüterherstellung. Das wirtschaftliche Profil bestimmten der Maschinen- und Fahrzeugbau, die Textilindustrie sowie Elektrotechnik und Elektronik. Auf der Grundlage des industriellen Potentials wurden hier 12,2 Prozent der industriellen Bruttoproduktion der DDR erzeugt, in der Textilindustrie mehr als die Hälfte. Am Absatz von Fertigerzeugnissen für die Bevölkerung hatte der Bezirk Karl-Marx-Stadt mit 17 Prozent den höchsten Anteil. Der Anteil der Konsumgüter an der Industrieproduktion lag bei etwa 35 Prozent. Zu den zentralgeleiteten Industrie Kombinaten gehörten unter anderem das Werkzeugmaschinen-Kombinat »Fritz Heckert« Karl-Marx-Stadt, das Kombinat Textima (…der größte Textilmaschinenhersteller der DDR), das Bergbau- und Hüttenkombinat »Albert Funk« in Freiberg, das Kombinat Musikinstrumente Markneukirchen/Klingenthal, das Strumpfkombinat Esda Thalheim und weitere sechs der Textil- und Bekleidungsindustrie, wie das Kombinat Baumwolle. (Alle diese Betriebe gibt es heute nicht mehr, sie wurden nach 1990 von der sog. Treuhand auf beispiellose Weise ausgeplündert und verhökert!)
Esda
Hochproduktive Kleinrundstrickmaschinen im Strumpfkombinat Esda

Die Betriebe des Kombinates Esda Thalheim produzierten modisch-attraktive Damenstrümpfe, ein breites Sortiment Herrenstrümpfe und lustige, farbenfreudige Kinderstrümpfe und -strumpfhosen.

Wesentlich für die von der Partei der Arbeiterklasse (SED) geforderte Durchsetzung der Schlüsseltechnologien war der Beitrag des Bezirks zur Produktion von Industrierobotern, Bürocomputern sowie technologischen Spezialausrüstungen für die Herstellung mikroelektronischer Bauelemente. Wichtige Betriebe waren hierfür unter anderen der VEB Numerik »Karl Marx« Karl-Marx-Stadt, der VEB Robotron-Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt und der VEB Spurenmetalle Freiberg. Die Kombinate im Bereich des Wirtschaftsrates des Bezirkes erbrachten 12 Prozent der Produktion der bezirksgeleiteten Industrie der DDR. Darüber hinaus verfügte der Bezirk über ein leistungsfähiges Handwerk. 355 PGH und 13.543 private Handwerksbetriebe brachten fast ein Sechstel der Handwerksleistungen der DDR. Seit dem VIII. Parteitag der SED wurden von den rund 58.000 Berufstätigen der Bauwirtschaft im Bezirk Karl-Marx-Stadt über 300.000 Wohnungen neugebaut und modernisiert. Damit verbesserten sich für mehr als 900.000 Bürger die Wohnverhältnisse.
Werkzeugmaschinenkombinat
Das Werkzeugmaschinenkombinat »Fritz Heckert« exportierte in mehr als 35 Länder

Eine beachtliche Rolle spielte im Industriebezirk Karl-Marx-Stadt auch die landwirtschaftliche Produktion. Es bestanden 172 LPG Tierproduktion, 62 LPG Pflanzenproduktion und 15 spezialisierte VEG. Der durchschnittliche Viehbesatz betrug 132 Rinder je 100 Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche (39 Prozent mehr als im DDR-Durchschnitt). Neben diesem starken Wirtschaftspotential bestanden im Bezirk auch bedeutsame Wissenschafts- und Bildungseinrichtungen. 5 der insgesamt 54 Hochschule-Universitäten der DDR haben ihren Sitz im Bezirk Karl-Marx-Stadt – darunter die Technische Universität Karl-Marx-Stadt und die Bergakademie Freiberg sowie 22 der 240 Fachschulen der DDR. (…)

Geschichte und DDR-Gegenwart

Die herbe Schönheit der Mittelgebirgslandschaft mit ihren Tälern und Höhen kann nicht verdecken, daß über Jahrhunderte das Leben der werktätigen Bevölkerung im Territorium des heutigen Bezirks Karl-Marx-Stadt Not, Elend, harte Arbeit und Unterdrückung gekennzeichnet war. Erst nach dem Sturz des Hitlerfaschismus und der Errichtung der Arbeiter-und-Bauern-Macht änderten sich auch im ehemaligen »Armenhaus Sachsens« – wie das Erzgebirge bezeichnet wurde – die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen grundlegend. Heute, wo sozialistische Lebensweise das Antlitz der Städte und Dörfer prägt, nehmen die Menschen die reizvolle Landschaft bewußt wahr und tragen tatkräftig zu ihrer Erhaltung und Gestaltung bei. Die wirtschaftliche Entwicklung war eng verbunden mit dem Erzbergbau, besonders dem Silberbergbau. Eine bedeutende Stellung erlangte die Textilindustrie. Verbunden damit nahm der Maschinenbau eine starke Entwicklung. Zugleich entstand die weltbekannte Spielzeugindustrie im Raum Seiffen. Die zunehmende Industrialisierung, forderte den Ausbau eines dichten Eisenbahn- und Verkehrsnetzes.
Bezirkskrankenhaus
Das Bezirkskrankenhaus „Friedrich Wolf“ in Karl-Marx-Stadt

Die Stadt Karl-Marx-Stadt (bis 1953 Chemnitz) entstand 1165 als königlicher Fernhandelsmarkt. Im 16. Jahrhundert wirkte der Berg- und Hüttenwissenschaftler Georgius Agricola als Bürgermeister der Stadt. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Stadt zu einem Zentrum der Textilindustrie und des Maschinenbaus. Typisch für das damalige Chemnitz waren rauchende Fabrikschlote und finstere Mietskasernen. Von den Großstädten Deutschlands hielt Chemnitz um die Jahrhundertwende den traurigen Rekord in der Kindersterblichkeit. 30 von 100 Kindern starben bereits im ersten Lebensjahr. Während die Bourgeoisie Chemnitz gern als »Sächsisches Manchester« bezeichnete, nannten die Arbeiter es voll Bitterkeit »Ruß-Chemnitz«. Das Wachsen der Stadt war geprägt vom Fleiß ihrer Arbeiter, die sich mit der Entwicklung der modernen Produktivkräfte als selbständige politische Kraft im Kampf gegen die kapitalistische Ausbeutung formierten. Die Widersprüche des Kapitalismus traten hier deutlich hervor und widerspiegelten sich in zahlreichen Kampfaktionen des Industrieproletariats. Die Arbeitermetropole Chemnitz wurde in kurzer Zeit zu einer Hochburg der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung. Der machtvolle Kampf des Chemnitzer Proletariats für sozialen Fortschritt, gegen Ausbeutung und Not gab der Stadt den Beinamen »Rotes Chemnitz«.

Nach der schweren Zerstörung der Stadt am Ende des zweiten Weltkrieges wurde sie zu einer modernen sozialistischen Industriemetropole aufgebaut. Das Bild von Karl-Marx-Stadt zeichnete sich durch pulsierendes Leben aus. Großzügige Neubaugebiete sowie modernisierte und rekonstruierte Wohnviertel waren typisch für das Stadtbild, ebenso die zahlreichen Betriebe und gesellschaftlichen Einrichtungen. Gegenüber der Vorkriegszeit hatten sich die sozialen Bedingungen entscheidend verbessert. Zwei Drittel der Bevölkerung lebten in hellen und freundlichen Wohnungen, die nach dem zweiten Weltkrieg errichtet wurden. Fleiß und Wohlbefinden der Karl-Marx-Städter drückte sich in ihren stetig wachsenden Leistungen für die Stadt und den Bezirk aus. So erbrachte sie unter anderem beispielhafte Ergebnisse auf den Gebieten von Kultur und Sport. (Aus dem Trainingszentrum Karl-Marx-Stadt kommt übrigens auch die weltbekannte Eiskunstläuferin Katarina Witt.)
Zwickau
Das Robert-Schumann-Haus in Zwickau

Zur Wirtschaft im Bezirk Karl-Marx-Stadt

Eine hochentwickelte leistungsfähige Industrie prägte die wirtschaftliche Struktur des Bezirkes Karl-Marx-Stadt. Als Zentrum des Werkzeug- und Textilmaschinenbaus hatte der Bezirk besonders große Verantwortung für die materiell-technische Ausrüstung unserer Volkswirtschaft und für den Export. Zunehmend profilierte er sich mit seinem bedeutenden Potential zu einem Schwerpunkt der Elektrotechnik/Elektronik sowie der Entwicklung und Anwendung der Mikroelektronik und der Robotertechnik als wichtige Voraussetzungen für ein hohes Tempo der Leistungssteigerung der Volkswirtschaft. Die hohe Verantwortung, die der Bezirk bei der Produktion von Konsumgütern trug, wurde unter anderem daran deutlich, daß mehr als die Hälfte der in der DDR produzierten Textilerzeugnisse im Bezirk hergestellt wurden. Rund ein Drittel aller Erzeugnisse des Bezirkes waren Konsumgüter zur Versorgung der Bevölkerung und für den Export.
MZ  ETZ
MZ-Motorräder aus Zschopau fahren z.T. sogar heute noch auf Straßen aller Kontinente.

Die Produktionsverhältnisse hatten sich grundlegend weiterentwickelt. Während 1953 noch 4.550 Industriebetriebe, darunter 3.775 Privatunternehmen, produzierten, konzentrierte sich gegen Ende der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts die gesamte Industrie auf 750 volkseigene Betriebe. Zu dieser Zeit gab es im Bezirk Karl-Marx-Stadt 15 zentralgeleitete Betriebe und 10 bezirksgeleitete leistungsstarke Industriekombinate. Es wurden täglich Erzeugnisse im Wert von über 265 Millionen Mark geschaffen (gegenüber 30 Millionen Mark in den 50er Jahren). Die Arbeitsproduktivität in der Industrie wurde innerhalb von 30 Jahren auf das Neunfache gesteigert. 82 Prozent aller Werktätigen in der Industrie verfügten über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Der Anteil der Hoch- und Fachschulkader betrug 17.500, er hatte sich allein in den Jahren von 1979 bis 1980 mehr als verdoppelt. 85 Prozent davon waren in der Industrie tätig. (Die gut ausgebildeten Fachleute der DDR waren später in der gesamten BRD gefragt.)
Trabant 601
In Zwickau wurde bis 1990 auch der legendäre DDR-Kleinwagen „Trabant 601“ hergestellt

Außerdem befanden sich im Bezirk Karl-Marx-Stadt die Produktionskapazitäten der DDR bei Motorrädern über 50 cm3, Haushaltwaschmaschinen, Kälteschränken, numerischen Steuerungen, Tüllen und Gardinen sowie Strumpfwaren. Bei Untertrikotagen waren es fast 90 Prozent, bei PKW 67 Prozent, bei Textilmaschinen 61 Prozent und bei spanabhebenden Werkzeugmaschinen rund 50 Prozent der DDR-Produktion. Darüber hinaus war der Bezirk Alleinhersteller von Edelmetallen und PKW-Motoren. Aus dem Bezirk kamen auch die weltbekannten Erzeugnisse der erzgebirgischen Volkskunst (Pyramiden, Nußknacker, Räuchermänner), ebenso die qualitativ hochwertigen Musikinstrumente (Harmonikas, Streich-, Zupf- und Blasinstrumente) und Musikspielwaren aus dem »Musikwinkel« Klingenthal/Markneukirchen.
Musikinstrumentenbau
Heute völlig verschwunden: DDR-Musikinstrumentenbau von Weltruf!

Quelle:
Werner Ostwald (Hrsg.), Die DDR im Spiegel ihrer Bezirke, Dietz Verlag Berlin, 1989, S.180-199. (Text leicht bearbeitet.)

Begriffe:
Bezirk = die DDR war untergliedert in 15 Bezirke
SED = Sozialistische Einheitspartei Deutschlands
VEB = Volkseigener Betrieb
LPG = Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft
VEG = Volkseigenes Gut (landwirtschaftlicher Betrieb)
Kombinat = Zusammenschluß mehrerer VEB

Ist Lynchjustiz ein berechtigtes Mittel?

Zugegeben, die Frage ist mehr als überflüssig, denn Lynchjustiz hat nichts mit Justiz zu tun, sehr wohl aber mit Mord, oft auch mit Auftragsmord. Man versteht darunter die grausame Mißhandlung oder Tötung eines Menschen wegen einer angeblichen Straftat durch eine aufgehetzte Menge. Charles Lynch galt im 18. Jahrhundert als ein barbarisch exekutierender Oberst und Richter. Die Liste der meist unschuldigen Opfer, der später vermutlich nach diesem Mann benannten US-amerikanischen Lynchjustiz ist lang. Sie alle starben eines grausamen Todes durch eine mordgierige und rachsüchtige Meute, einen gewalttätigen Mob aufgehetzter Menschen, die sich weder für Schuld noch für Recht interessierten, und die nur eines wollten: den Tod ihres Opfers.
KrankenschwesterSowjetische Partisaninnenbeloruss Partisanen
Von den Nazis gelynchte sowjetische Krankenschwester und Partisanen

So wurden im Januar 1919 durch konterrevolutionäre Militärs Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg ermordet, ihre Leichen warf man in den Landwehrkanal. So ermordeten die Nazis hinterrücks den Genossen Ernst Thälmann. So verhielt sich die SS in den Konzentrationslagern und so handelten auch die Wehrmachtssoldaten in den besetzten Gebieten der Sowjetunion (das Wehrmachts-KZ in Osaritschi, die Ermordung von Soja Kosmodemjanskaja u.a.). Daß diese Art von „Hinrichtung“ auch heute noch zu den Traditionen des Militärs gehört, beweisen die immer wieder im Internet auftauchenden Fotos folternder und mordender US-amerikanischer Soldaten. Wer auch immer den Auftrag dazu gab, wer auch immer aufrief zum Mord – die Täter handelten nicht wie Menschen, nein, sie wüteten wie Bestien. Im Jahre 1965 gelang es den beiden DDR-Dokumentaristen Heynowski & Scheumann den berüchtigten „Kongo-Müller“ („Der lachende Mann“) vor die Kamera zu bringen, und zwei Jahre später berichteten sie über „Piloten im Pyjama“ – kaltblütige Killer, die nicht einen einzigen Gedanken daran verschwendeten, wen sie da töteten – Kinder, Frauen, Greise – es war für sie ohne Bedeutung (Massaker von My Lai).
So wurden die Genossen Gottwald, Bierut, Thorez und Togliatti ermordet. Und so wurde schließlich auch der Kommunist Prof. Iljuchin im Auftrag der Konterrevolution ermordet –
weil er zuviel wußte über die Fälschungen im Russischen Staatsarchiv, und weil er ein öffentliches Tribunal gegen heutigen russischen Machthaber Putin anstrebte.

Daß es 1990 in der DDR nicht auch zu solchen kriminellen Aktionen kam, mag ein Zufall gewesen sein, vielleicht aber auch die Besonnenheit der Verantwortlichen in der „Noch-DDR“. Und d i e spielten dabei keineswegs immer eine heldenhafte Rolle.
Im Fall von Erich Honecker konnte seine Ermordung wohl gerade noch verhindert werden. Trotz schwerster Krebserkrankung war Genosse Honecker aus seiner bisherigen Wohnung verwiesen worden. Nach diversen Zwischenstationen hatte das Ehepaar Honecker bei einer Pfarrersfamilie in Lobetal Asyl gefunden. Auch hier nahm der Druck zu, verstärkte sich die Verfolgung. Und es war vorgesehen, Margot und Erich Honecker bis zu einer Regelung im Gästehaus des Ministerrats in Lindow unterzubringen. Den Auftrag dazu hatte der damalige Vorsitzende des Ministerrats, Hans Modrow, erteilt. Hatte sich das ehemalige Politbüromitglied Modrow oder irgendein anderer leitender Funktionär persönlich um seine ehemaligen Genossen gekümmert? Nein – soweit ging die Liebe nicht. Man hätte es wohl auch achselzuckend zur Kenntnis genommen, wenn das geschaßte Staatsoberhaupt der DDR, der ehemalige Staatsratsvorsitzende und seine Ehefrau zu Schaden gekommen wären… Ein namentlich nicht genannter Genosse, der für die Sicherheit der Familie Honecker zuständig war, berichtete folgendes:

„Donnerstag, 29. März 1990. Mit den Frauen der Rechtsanwälte Prof.Vogel und Prof.Wolf fahre ich nach Lindow, um die Verlegung von Lobetal nach Lindow vorzubereiten. Anschließend informieren die beiden Frauen das Ehepaar Honecker. Sie sind mit der Verlegung und den räumlichen Gegebenheiten einverstanden. (…)

Freitag, 30.März 1990. Zwischen 18.00 Uhr und 19.00 Uhr trifft der Konvoi mit dem Ehepaar Honecker in Lindow ein. Im Gefolge 8 Personenschützer und Rechtsnwalt Wolf. Diese verabschieden sich nach ca. 1 Stunde und ich habe damit für alles weitere die alleinige Verantwortung. Schon gegen 20.00 Uhr versammeln sich Hunderte von Gegnern der Verlegung von Erich Honecker in das Gästeheim des Ministerrates in Lindow zu einer Demonstration. Sie fordern das sofortige »Verschwinden« Honeckers aus Lindow. Sie schreien lautstark, daß am nächsten Vormittag mehr als tausend Menschen demonstrieren werden. Dazu werde ein Lautsprecherwagen, der bis Neuruppin und Umgebung fährt, aufrufen. Die Demonstration an diesem Abend dauert bis ca. 22.00 Uhr.

Sonnabend, 31. März 1990. Morgens im Speisesaal des Gästeheims werde ich vom Ehepaar Honecker begrüßt. Es ist noch relativ ruhig. Gegen 9.00 Uhr versammeln sich vor dem Tor des Heims die ersten Demonstranten. Innerhalb einer weiteren Stunde sind es dann über 1000.

Sie sind mit Knüppeln und Brechstangen gekommen. Sie fordern immer lauter, daß der Verantwortliche zu ihnen in Menge kommen soll. Ich ging nach draußen und stand sofort mitten unter den Massen. Neben mir ein »Trabant«, auf dem Dach ein Lautsprecher und mir wird ein Mikrofon in die Hand gedrückt. Ich soll Rede und Antwort stehen. Die Menge bringt ihren Haß auf die Staatssicherheit zum Ausdruck und fordert im Kern die unverzügliche Ausweisung von Erich Honecker aus dem Gästeheim. Nach ca. 30 bis 40 Minuten ziehe ich mich unter dem Protest der Massen zurück, um mit Prof. Vogel zu sprechen. Ich schildere ihm die Situation im Detail und schlage vor, die Aktion abzubrechen. (…)

Da sich die Lage in dieser Zeit nicht entschärft, sondern im Gegenteil noch zuspitzt rufe ich wieder an. Er ist einverstanden, den Abtransport des Ehepaars einzuleiten. Er sagt zu, sofort mit dem Pfarrer in Lobetal zu sprechen, damit dieser das Ehepaar noch einmal für 1-2 Tage aufnimmt bis der neue Aufenthaltsort geklärt ist. Im Verlaufe des Vormittags muß ich am Telefon die verschiedensten Fragen von Medienvertretern beantworten, insbesondere von BBC.

Von dem Entschluß, das Gästeheim zu räumen, habe ich sofort das Ehepaar Honecker informiert. Margot darauf: »Na, wenn Du kommst, dann ist das nichts Gutes.« Erich Honecker ist sichtlich niedergeschlagen, er nimmt eine Tablette. Gleichzeitig informiere ich den derzeitigen Innenminister, Lothar Ahrendt, der den Offizier vom Dienst, einen General, beauftragt, den Konvoi zusammenzustellen. Das dauert mehrere Stunden, weil alle Betreffenden im Wochenendurlaub sind.

Gegen 16.00 Uhr kommt der Konvoi mit 4 PKW – einer für den Kommandanten, ein zweiter für Erich und Margot Honecker, der dritte und vierte für 8 Personenschützer. Den Kommandanten informiere ich über den Vorschlag zur Abfahrt des Konvois, den ich vorher mit den Beteiligten abgesprochen hatte. Danach wird der Konvoi von jeweils zwei Personen rechts und links der Fahrzeuge eskortiert. Die betreffenden vier Personen sind der Pfarrer, ein sogenannter Bürgerrechtler, der Bürgermeister und ein Gemeindevertreter von Lindow.

Der Pfarrer, der extra seinen Urlaub unterbrochen hatte, spielt insgesamt eine positive Rolle. Er läßt sich auf einen Disput mit den Massen ein, fragt lautstark: »Wollt ihr, daß ich Honeckers bei mir zu Hause aufnehme?« Klare Ablehnung! Er versucht den Protest einzudämmen, indem er sagt, daß das Ehepaar Honecker im Verlauf des Nachmittags das Gästeheim verlassen wird. In diesem Zusammenhang stellt er den Massen die Frage: »Wollt ihr, daß der Konvoi unter Polizeischutz die Menge durchquert oder bildet ihr eine Gasse?« Lautes Ja!

Als der Konvoi eintrifft, gehe ich zu Erich und Margot Honecker und sage ihnen, daß wir jetzt zum Auto gehen müssen. Ich gehe mit beiden zum Auto. Gegen 16.30 Uhr setzt sich der Konvoi in Bewegung. Er ist kaum am Anfang der Gasse, als Gewalttätige mit Stöcken und Brechstangen auf das Auto von Honecker einschlagen. Der Pfarrer und die anderen begleitenden Personen versuchen, in einem ausufernden Handgemenge die Angreifer zurückzudrängen. In Anbetracht des Ernstes dieser Situation beordern wir auf der Stelle Verkehrspolizisten zum Einsatz, die die Weiterfahrt absichern sollen. Ein Polizist, der zurückkommt sagt wörtlich: »Das sind keine Menschen, das sind Tiere!«

Ich verfolge alles von der Pförtnerloge aus und sehe, daß eine Gaswolke von den Fahrzeugen aufsteigt. Jetzt weiß ich, daß es geschafft ist und sie auf freier Straße sind.
Ich bin zu diesem Zeitpunkt in einer nicht zu beschreibenden körperlichen Verfassung…“

Quelle:
Freundeskreis Heinz Keßler (Hrsg.): Die Sache aufgeben, heißt sich selbst aufgeben, Festschrift für Heinz Keßler zum 90.Geburtstag, Verlag Wiljo Heinen Berlin, 2010, S.101-104.
(Die Bilder stammen aus sowjetischen Archiven)

Siehe auch:
Der politische Mord im Auftrag der Bourgeoisie
Ein sowjetischer General und der Massenmörder Müller

Leben in der DDR – Lebensweise und Familie

Oft wird die Frage gestellt: Was war eigentlich so anders im Leben der DDR-Bürger? Wie war der Alltag in der Familie? Und warum erinnern sich die meisten, die die DDR noch erlebt haben, trotz aller Probleme so gerne an dieses Land? Wie frei waren eigentlich die Bürger dieses Landes? Und – konnte man offen seine Meinung sagen?*

Es ist die Frage der neuen Lebensweise unter den Bedingungen des sozialistischen Aufbaus, der grundlegend anderen Beziehungen, die den Umgang der Menschen untereinander prägten. Natürlich gab es – wie überall, wo Menschen miteinander umgehen – auch Egoismus, Neid, Herzlosigkeit und andere menschliche Schwächen. Es gab Bevormundung und es gab Unterdrückung. Aber es gab eben auch unvergleichliche berufliche Entwicklungsmöglichkeiten für alle Kinder des Volkes. Es gab soziale Sicherheit und Geborgenheit, ein hervorragendes Bildungswesen und kostenlose medizinische Betreuung. Es gab den Schutz von Mutter und Kind, die Fürsorge im Alter. Und vor allem – es gab das Recht auf einen Arbeitsplatz. Arbeitslosigkeit war in der DDR ein Fremdwort.
Hier also nun etwas über die sozialistische Lebensweise:

Sozialistische Lebensweise und Familie

In der sozialistischen Gesellschaft entstehen neue Bedingungen für die Entwicklung der Persönlichkeit des Menschen, für die Gestaltung seines persönlichen Lebens und der Familie. „Die Ausprägung der sozialistischen Lebensweise bestimmt auch die Gestaltung von Ehe- und Familienbeziehungen, die sich auf Liebe und gegenseitige Achtung, Verständnis und gegenseitige Hilfe im Alltag und die gemeinsame Verantwortung für die Kinder gründen.“ [1]

Diese Orientierung bringt zum Ausdruck, daß die Familie in ihrem Inhalt und ihrer Funktion von den jeweiligen gesellschaftlichen Verhältnissen geprägt wird. Erst in der sozialistischen Gesellschaft befinden sich die Grundinteressen der Familie mit denen der Gesellschaft in Übereinstimmung. Sicherung des Friedens, umfassende soziale Sicherheit, das Glück der Menschen und die ständige Entfaltung ihrer Fähigkeiten und Talente sind grundlegende Ziele und Aufgaben der sozialistischen Gesellschaft, die zugleich der Entwicklung und Festigung der Familie voll entsprechen. „Die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Deutschen Demokratischen Republik sind die feste Grundlage für die sozial gesicherte Existenz der Familie. Mit dem Aufbau des Sozialismus entstanden gesellschaftliche Bedingungen, die dazu führen, die Familienbeziehungen von den Entstellungen und Verzerrungen zu befreien, die durch die Ausbeutung des Menschen, die gesellschaftliche und rechtliche Herabsetzung der Frau, durch materielle Unsicherheit und andere Erscheinungen der bürgerlichen Gesellschaft bedingt waren.“ [2]
Soziale Fürsorge
Im Prozeß der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft sind die Familien maßgeblich an der Festigung des Bildungs- und Kulturniveaus der Familienangehörigen beteiligt; sie tragen große Verantwortung für eine gesunde Lebensführung, für eine sinnvolle Gestaltung der Freizeit. Von dem Milieu in der Familie gehen starke Impulse für die Persönlichkeitsentwicklung aus. Stabile Familien sind für die Verwirklichung sozialer Sicherheit und Geborgenheit unersetzbar, wie die soziale Sicherheit und Geborgenheit im Sozialismus eine wesentliche Grundlage dafür ist, daß sich die Familien dauerhaft und harmonisch entwickeln können. Welche prinzipielle Bedeutung soziale Sicherheit und Geborgenheit für die Entwicklung stabiler Familienbeziehungen besitzt, wird allein an solchen Tatsachen sichtbar, daß die Familie in der sozialistischen Gesellschaft weder den Druck der Arbeitslosigkeit, noch die Angst arbeitslos zu werden, noch Mietwucher, Inflation und die Sorge, für die Kinder eine gesicherte Berufsausbildung zu finden, kennt. Der Sozialismus hat im Verlaufe seiner geschichtlichen Entwicklung die Familienbeziehungen von diesen traditionellen Gebrechen der kapitalistischen Gesellschaft für immer befreit. Das bedeutet allerdings nicht, daß die Herausbildung und Festigung eines neuen Typs der Familie unkompliziert, konfliktlos oder reibungslos verläuft.

In der sozialistischen Gesellschaft ist die Familie eine auf der Gleichberechtigung von Mann und Frau beruhende Gemeinschaft. Diese Gleichberechtigung der Geschlechter beruht auf der Verwirklichung neuer sozialer Verhältnisse. Natürlich werden auch im Kapitalismus Hunderttausende Familien gegründet mit dem Ziel, die Beziehungen zwischen Mann und Frau nach hohen moralischen Werten zu gestalten, die Kinder zu anständigen Menschen zu erziehen. Dennoch trifft dieses subjektiv ehrliche Bemühen der Ehepartner immer wieder auf gesellschaftliche Schranken: auf das Privateigentum an den Produktionsmitteln und die darauf beruhenden Klassengegensätze, die die Familienbeziehungen mit sozialer Unsicherheit, Existenzangst vor dem morgigen Tag belasten; Standesvorurteile bewirken vielfach eine Erniedrigung der Ehefrau, und die Ehe wird zu einer „finanziellen Versorgungseinrichtung“. In der sozialistischen Gesellschaft verlieren Eigentums- und Standesinteressen, lebensfremde Tabus und überkommene Vorurteile nach und nach ihre Gültigkeit für die Gründung einer Ehe und Familie. Für die Ehe bleibt dann, wie Engels schrieb, „… kein andres Motiv mehr als die gegenseitige Zuneigung“ [3]. Die Liebe zwischen Mann und Frau kann so zum entscheidenden Motiv für die Gründung einer Ehe und Familie werden.
Hochzeit
Neue Familienbeziehungen entwickeln sich nicht unabhängig von den praktischen gesellschaftlichen Aufgaben. Berufstätigkeit und die berufliche Entwicklung, gesellschaftliche Arbeit und Qualifizierung, die Erziehung der Kinder zu hoher Allgemeinbildung und zu solchen täglichen Verhaltensweisen im Leben wie Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft, Ehrlichkeit und Achtung vor dem Alter stellen große Anforderungen an beide Ehepartner, an ihre gegenseitigen Beziehungen. Verantwortungsbewußte Erfüllung der Erziehungspflicht, das eigene Vorbild, die übereinstimmende Haltung der Eltern gegenüber den Kindern haben für ein harmonisches Familienleben, für die Erziehung der Kinder unersetzbare Bedeutung, Die Familie erfüllt mit der Erziehung der Kinder zu bewußten sozialistischen Staatsbürgern, mit der Herausbildung und Festigung solcher Familienbeziehungen, die die Verbundenheit zwischen sozialistischer Gesellschaft und Familie festigen, mit der Schaffung eines inhaltsreichen und kulturvollen Lebens in der Familie, das sich nachhaltig günstig auf die Haltung der Familienmitglieder in der Arbeit, im Lernprozeß, in der Gesellschaft überhaupt auswirkt, eine bedeutsame staatsbürgerliche Aufgabe und Verantwortung.

Allerdings vollziehen sich die Herausbildung und Festigung solcher Familien und Familienbeziehungen nicht losgelöst von den Problemen des Alltags. Gleichgültigkeit und Routine bei der Gestaltung des Familienlebens, überholte Anschauungen und Lebensgewohnheiten und auch oberflächliche Maßstäbe bei der Wahl des Ehepartners erschweren die Entwicklung harmonischer Familienbeziehungen oder führen dazu, daß Ehen geschieden werden müssen. Im Familiengesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik wird deshalb die Forderung erhoben, daß sich die künftigen Ehepartner ernsthaft prüfen, ob sie von ihrem Charakter, Interessen, ihrer Gesinnung sowie den gesamten Lebensumständen her die Voraussetzung haben, eine Ehe und Familie zu gründen. Die Verwirklichung dieser Forderung ist wesentlich davon abhängig, inwieweit vor allem junge Menschen ernsthaft prüfen, ob sie diesen Maßstäben in ihrem täglichen Leben auch entsprechen wollen. In der DDR stehen der Zahl der Eheschließungen eine Zahl von Scheidungen in Höhe von etwa 25 Prozent gegenüber (ca. 40.000). Das ist eine beachtliche Zahl, die widersprüchliche Entwicklungsprobleme widerspiegelt und eine verantwortungsvolle, differenzierte Wertung erfordert. Hier zeigen sich Probleme, die unmittelbar mit dem Zusammenleben der Ehepartner verbunden sind und die von ihnen nicht gemeinsam gelöst werden konnten. Das kann zu große Charakterunterschiede, illusionäre Erwartungen betreffen oder die Pflege und Erziehung der Kinder, das Berufsleben der Ehepartner und die sexuellen Beziehungen. Diese Zahl bringt aber auch zum Ausdruck, daß in der sozialistischen Gesellschaft weder die Frau noch der Mann aus Gründen überholter Vorurteile eine Ehe aufrechterhalten müssen, wenn Liebe, gegenseitige Achtung und Verständnis nicht mehr gegeben sind. Die soziale Sicherheit in der sozialistischen Gesellschaft verhindert weitgehend, daß Mann oder Frau eine sinnlos gewordene Ehe gewissermaßen für ihr ganzes Leben „erdulden“ müssen.

Diese und ähnliche Probleme verdeutlichen, daß der Bestand einer Ehe von vielen Bedingungen abhängig ist. Die bewußte Verwirklichung der Gleichberechtigung der Ehepartner, die gleichberechtigte Wahrnehmung der Pflichten für die Pflege und Erziehung der Kinder, für den Haushalt usw. sind entscheidende Voraussetzungen für stabile und harmonische Familienbeziehungen, für die Lösung von auftretenden Konflikten im Ehe- und Familienleben.

Die Entwicklung und Festigung neuer Familienbeziehungen ist ein historischer Prozeß, der an alle Familienmitglieder hohe Anforderungen stellt. Vielfältige Probleme sind zu losen, besonders dann, wenn Mann und Frau berufstätig sind. Viele Ehepartner erlernen neue Berufe, übernehmen höhere gesellschaftliche Verantwortung, verändern ihre soziale Stellung und sind mitunter aus beruflichen Gründen für längere Zeit nicht zu Hause. Gegenseitiges Verständnis, Taktgefühl sowie die Bereitschaft, solche Probleme auch im Interesse der Familie zu lösen, sind Eigenschaften, die zur Behebung von Konflikten beitragen bzw. sie verhindern. Die im Berufsleben, im Arbeitskollektiv gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen bei der Lösung von Widersprüchen sind dabei eine wertvolle Unterstützung, um die Beziehungen in der Familie zu festigen. Gleichzeitig gehen große Einflüsse vom Familienleben auf die Gesellschaft, auf das Verhalten der Familienmitglieder im Arbeitsprozeß, im Kinder- und Lernkollektiv oder in anderen Gemeinschaften aus.
Nationaleinkommen
Nationaleinkommen und Investitionen

Die sozialistische Gesellschaft hat durch die umfassende soziale Sicherheit und Geborgenheit solche Voraussetzungen geschaffen, daß ein inhaltsreiches und harmonisches Familienleben ermöglicht wird. Die soziale Sicherheit und Geborgenheit gibt auch der Ehe und Familie eine sichere Perspektive. Sie zu nutzen, liegt in der Verantwortung jedes einzelnen.

Zitate:
[1] Programm der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, S.55.
[2] Familiengesetzbuch der Deutschen Demokratischen Republik mit wichtigen Nebengesetzen, Berlin 1970, S.19.
[3] F.Engels: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats. In: Marx/Engels: Werke, Bd.21, S.82.

Quelle:
Autorenkollektiv, Wissenschaftlicher Kommunismus, VEB Verlag Deutscher Wissenschaften, Berlin 1985, S.410-413.

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Und wer Lust hat zum Weiterlesen: http://www.spurensicherung.org

*Ein kleiner Nachtrag zu den Fragen:
Ja, wir waren frei und wir konnten offen unsere Meinung sagen, auch im Staatsbürgerkunde-Unterricht, im Betrieb oder in der Kneipe. Niemand wurde dafür inhaftiert, weil er eine andere Meinung hatte. Auch wer andere Ansichten hatte, durfte bspw. studieren (wie die heutige Kandesbunzlerin). Wer allerdings offen oder versteckt gegen die DDR konspirierte, wer im Betrieb sabotierte, wer klaute oder betrog, der wurde auch in der DDR strafrechtlich verfolgt. Denn es war das Recht des Volkes, das Volkseigentum zu schützen und den Staat zu verteidigen. Auch in den Haftanstalten galten die Gesetze. Es gab keine Folter und keine Rechtsbeugung. Die Richter und Anwälte, Lehrer und Offiziere kamen meist aus der Arbeiterklasse. Allein durch die fleißige Arbeit der Werktätigen in der DDR und durch das wachsende Nationaleinkommen waren diese umfangreichen sozialpolitischen Maßnahmen möglich. (–> Kommentar „puschkin“)

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Und was waren denn nun die Fehler in der DDR?
Wenn Friedrich Wolff mit seinem Beitrag in ossietzky 11/2012 die „wahren Fehler“ der DDR zu erkennen vermeint, so ist ihm doch in einigen Punkten zu widersprechen. Nicht nur, daß er Erscheinungen für das Wesen nimmt („DDR-Politiker hielten nichts von Psychologie“), er fügt seinen Behauptungen auch noch weitere Unsinnigkeiten hinzu („Glaubwürdig war nur der Westen. Dort gab es Meinungsstreit.“) – Diese Art von „Argumentation“ ist wirklich ein bißchen billig. Ganz so einfach kann man es sich doch nicht machen…
Dazu schreibt E.Rasmus:
„Eine Antwort auf Friedrich Wolff“