Die Niederlage der Revolution von 1849

Im Mai und Juni 1849 kämpften in Sachsen, im Rheinland und in Baden die Arbeiter unter kleinbürgerlicher Führung für die Reichsverfassung. Das badisch-pfälzische Revolutionsheer wurde von der Übermacht der preußischen Truppen erdrückt. Marx und Engels studierten daraufhin eingehend die Ergebnisse und Lehren aus der Revolution. Sie kamen zu der Erkennntis, daß die Arbeiterklasse sich vom Kleinbürgertum lösen und selbständig handeln mußte. Die Entwicklung der Arbeiterbewegung zu einer selbständigen Klassenbewegung war die nächste Aufgabe auf dem Wege zu Einheit und Freiheit.

a) Die Kämpfe in Sachsen, im Rheinland und in Baden
Anfang Mai 1849 erhoben sich die Bewohner von Dresden, um die Einführung der Reichsverfassung zu erzwingen. Der sächsiche König floh. Eine provisorische demokratische Regierung für Sachsen wurde gebildet. Aus Städten und Dörfern zogen die Arbeiter und Bauern zur Unterstützung der Freiheitskämpfer herbei. Sie bauten Barrikaden und verteidigten sie gegen die anstürmenden Soldaten. Friedrich Wilhelm IV. sandte preußische Regimenter zur Unterstützung der sächsischen Truppen. Fünf Tage lang kämpften die Arbeiter, unter ihnen auch Frauen und Mädchen, gegen die Übermacht. Aber die Arbeiter erhielten keine Unterstützung. Ihr heldenmütiger Kampf wurde blutig niedergeschlagen.
Julius Scholtz: Barrikadenkampf 1849
Barrikadenkampf im Mai 1849. Gemälde von Julius Scholtz

Im Rheinland und in Westfalen brach als Antwort auf Transporte preußischer Truppen ein allgemeiner Aufstand aus. Zeughäuser wurden gestürmt, und das Volk bewaffnete sich zur Verteidigung der Rreichsverfassung. Bauern zogen in die Städte zur Unterstützung der Patrioten. Aus einigen Städten, so aus Elberfeld, wurde das verhaßte Militär vertrieben. Preußische Truppen unterdrückten die revolutionäre Bewegung auch im Westen Deutschlands. Die „Neue Rheinische Zeitung“ mußte am 19.Mai 1849 ihr Erscheinen einstellen. Ihre letzte Nummer erschien, rot gedruckt, mit dem berühmten Abschiedsgedicht von Ferdinand Freiligrath, in dem er hieß:

Nun ade – doch nicht für immer ade!
Denn sie töten den Geist nicht, ihr Brüder!
Bald richt‘ ich mich rasselnd in die Höh‘!
Bald kehr‘ ich reisiger wieder!

Neue Rheinsche Zeitung 1849
In Baden gelang es den kleinbürgerlichen Mitgliedern der radikalen demokratischen Volksvereine, das Heer für den Kampf um die Reichsverfassung zu gewinnen. Die von Offizieren mißhandelten Soldaten verjagten ihre Peiniger und stellten sich ohne Ausnahme an die Spitze der revolutionären Bewegung. Ein Teil der bayrischen Truppen in der Rheinpfalz schloß sich an. Der badische Großherzog floh ins Elsaß. Eine provisorische republikanische Regierung wurde gebildet. Ganz Baden und die Pfalz standen in hellem Aufruhr.

b) Die Niederlage der Revolution
Marx und Engels begaben sich dorthin. Sie forderten die Aufständischen auf, auch die deutschen Nachbarstaaten zur bewaffneten Erhebung aufzurufen. Doch die kleinbürgerlichen Führer des Aufstandes lehnten ab. Gegen das badisch-pfälzische Revolutionsheer schickte Preußen im Juni 1849 unter dem berüchtigten Prinzen Wilhelm, dem Kartätschenprinzen, ein Heer von 100.000 Soldaten. Er hatte auf die revolutionäre Berliner Bevölkerung im März 1848 mit Kartätschen schießen lassen. Es kam in Baden und in der Rheinpfalz zu einem regelrechten Feldzug. Auf der Seite der Demokraten kämpften auch polnische Patrioten, unter ihnen der General Mieroslawski. Nach hartnäckigen Kämpfen, an denen auch Friedrich Engels in der Pfalz teilnahm, wurde das Revolutionsheer von der Übermacht erdrückt.
Marx und Engels
Karl Marx und Friedrich Engels

Nach der Niederwerfung des Aufstandes verurteilten preußische Standgerichte in Mannheim, Freiburg und Rastatt zahlreiche gefangene Patrioten zum Tode durch Erschießen. Hunderte starben in den feuchten Kellern der Festung Rastatt an Hunger, Mißhandlungen und Typhus. Über die Kämpfer der deutschen Aufstände im Jahre 1849 schrieb Karl Marx, daß es die Arbeiter der Städte waren, die zuerst zu den Waffen griffen und sich mit den Truppen schlugen. Ein Teil der ärmeren Landbevölkerung, Land und Kleinbauern, schloß sich ihnen an. Die Mehrzahl der jungen Männer befand sich wenigstens eine Zeitlang in den Reihen der aufständischen Truppe. Aber dieser ziemlich bunt zusammengewürfelte Haufe junger Leute lichtete sich sehr bald, als die Dinge eine etwas ernstere Wendung nahmen.

c) Das unrühmliche Ende des Frankfurter Parlaments
Die Nationalversammlung in Frankfurt versagte den Kämpfern ihre Unterstützung, obwohl sie sich für die Einführung der Reichsverfassung erhoben hatten. Eine Anzahl preußischer Abgeordneter verließ schon im April 1849 das Parlament. Die preußische Regierung berief schließlich alle preußischen Abgeordneten zurück. Andere Abgeordnete schlossen sich an. Als einziger erhob Wilhelm Wolff, ein Mitarbeiter von Karl Marx, seine warnende und anklagende Stimme gegen die Unentschlossenheit und den Verrat der bürgerlichen Politiker und des „Reichsverwesers“. Aber in dem Restparlament herrschten die unentschlossenen kleinbürgerlichen Demokraten. Sie stellten sich nicht an die Spitze der Volksbewegung zum Kampf für die Reichsverfassung, sondern zogen sich nach Stuttgart zurück. Abordnungen aus dem ganzen Land forderten sie dort zu entschlossenem Handeln auf. Doch die Abgeordneten des Parlaments verfaßten nur Proteste. Widerstandslos ließen sie im Juni 1849 von Truppen des württembergischen Königs auseinanderjagen. Karl Marx stellte fest, daß die Nationalversammlung verschied, ohne daß ihr ehrloser Abgang auch nur die geringste Beachtung fand.

d) Die Ursachen des Scheiterns der Revolution
Die bürgerliche Revolution in Deutschland löste keine der Aufgaben, die vor ihr standen. Sie schuf weder ein einiges noch ein freies Deutschland. Die Hauptursachen der Niederlage waren der Verrat der Revolution durch das kapitalistische Großbürgertum und die schwankende, unentschlossene Haltung des Kleinbürgertums. Das Großbürgertum sah die größere Gefahr für sich in der Arbeiterklasse. Es 1ieß die Bauern im Stich. Ohne zu zögern ging es einen Pakt mit den alten Gewalten, den Fürsten, den Junkern und dem Militär, gegen das Volk ein. Sein Verrat und seine Feigheit stärkten die Reaktion. Die feudalen Kräfte, die in den ersten Tagen der Revolution zurück­gewichen waren, konnten sich so zur Wiederherstellung des alten Regimes sammeln und hielten grausam Abrechnung mit der revolutionären und demokratischen Bewegung des Volkes.
Revolution 1849
Der Sieg der Reaktion 1849 in Europa
(zeitgenöss. satirische Zeichnung von F.Schroeder)

Nicht die Bourgeoisie, sondern die Arbeiter waren die treibende Kraft der Revolution von 1848, obwohl sie ihrer Zielstellung nach eine bürgerliche Revolution war. Die Kleinbürger, die im Jahre 1849 die Aufstände führten, waren uneinig, unentschlossen und schwankend. Einerseits wollten sie durch Teilnahme an der Regierung ihre eigenen politischen Interessen fördern und ihre materielle Lage verbessern; andererseits fürchteten sie, das Mißfallen der herrschenden Klasse hervorzurufen, das ihnen dann die besten Kunden entziehen konnte. Daher rührte die Unentschlossenheit der Kleinbürger. Die Arbeiterklasse wiederum war noch zu schwach und unorganisiert, um in der Bewegung schon die Führung übernehmen zu können. Karl Marx schrieb während der Revolutionstage in der „Neuen Rheinischen Zeitung“:

Das meist waffenlose Volk hat zu kämpfen nicht nur gegen die von der Bourgeoisie übernommene Macht des organisierten Beamten- und Militärstaates, es hat auch zu kämpfen gegen die bewaffnete Bourgeoisie selbst. Dem nicht organisierten und schlecht bewaffneten Volk stehen sämtliche übrigen Klassen der Gesellschaft wohlorganisiert und wohlgerüstet gegenüber.

e) Die Arbeiter gründen eigene Organisationen
Im Krisenjahr 1857 fanden 41 Streikkämpfe statt, gegen die in den meisten Fällen die Polizei mit Waffengewalt einschritt. Es streikten die Textilarbeiter in Schlesien, die Berg- und Hüttenarbeiter im Kreis Dortmund, die Färbergesellen in Elberfeld-Barmen und andere Arbeiter. Die Zahl der gewerkschaftlichen Arbeitervereinigungen erhöhte sich seit 1850 ständig. Die Gewerkschaften entstanden in Deutschland vor der Partei der Arbeiterklasse. Im Jahre 1891 wurde in Leipzig ein neuer Arbeiterbildungsverein gegründet. Der junge Drechslergeselle August Bebel, dessen Wirken von großer Bedeutung für die deutsche Arbeiterbewegung werden sollte, begann in diesem Verein eine Tätigkeit.

Quelle:
Lehrbuch für den Geschichtsunterricht 7.Schuljahr, Ausgabe 1952, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1955, S.208-213.

Nachtrag:
Am 28.September 1864 entstand in London unter Federführung von Karl Marx und Friedrich Engels die I.Internationale. Im August 1869 wurde dann in Eisenach die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Deutschlands gegründet. Sie war die erste deutsche selbständige Arbeiterpartei. In diesen Jahren fand auch das Kommunistische Manifest (erste Auflage im Februar 1848) weite Verbreitung. Es beginnt mit den Worten: „Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen…“ und endet mit den Worten: „Die Kommunisten verschmähen es nicht, ihre Ansichten und Absichten zu verheimlichen. Sie erklären es offen, daß ihre Zwecke nur erreicht werden können durch den gewaltsamen Umsturz aller bisherigen Gesellschaftordnung. Mögen die herrschenden Klassen vor einer kommunistischen Revolution zittern. Die Proletarier haben nichts in ihr zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“

Siehe auch:
Was ist Marxismus?
Über das Kommunistische Manifest
Was versteht man unter einer Revolution?
Der Sozialismus war und ist lebensfähig!

F.C.Weiskopf: Das Mittagsbier

Diese Geschichte, von der hier der Schriftsteller berichtet, hat sich zugetragen im Nazireich, und sie zeigt wie einfache Arbeiter in solidarischer Gemeinschaft dem Imperialismus Schaden zufügten, und zwar, indem sie den Krieg sabotierten, der nicht ihr Krieg war. Ein Krieg, in dem ihre Klassenbrüder fielen und ihre Herren sich bereicherten. Auf Sabotage stand die Todesstrafe. „Jeder einzelne der nahezu neuntausend Mann starken Belegschaft hatte von diesem Geheimnis Kenntnis gehabt und es, aller Gefahr zum Trotz, bei sich behalten.“

F.C.Weiskopf: Das Mittagsbier

Ein ganzes Jahr lang lieferte die unter schärfster Gestapoüberwachung stehende Brunner Waffenfabrik Haubitzenrohre, die entweder schon beim Probeschießen oder an der Front nach wenigen Schüssen außer Dienst gestellt werden mußten.

Die Nazis, denen es weder durch Drohungen noch durch Spitzelei gelingen wollte, in Erfahrung zu bringen, wie diese Sabotage – denn um nichts anderes konnte es sich handeln – bewerkstelligt wurde, gelangten schließlich durch eine Verkettung unglücklicher Zufälle auf die richtige Spur.

Der Trick, mittels dessen die Rohre unbrauchbar gemacht wurden, war ebenso einfach wie sinnreich. Die Arbeiter spritzten bei ihrem Mittagsimbiß, den sie wegen der von den Nazis verfügten Kürzung der Arbeitspause in den Werkstätten selbst einnahmen, jedesmal ein wenig Bierschaum auf die weißglühenden Kanonenläufe, woraufhin der Stahl, da er durch ungleichmäßiges Auskühlen seine Elastizität einbüßte, dem Druck der Abschußgase nicht mehr gewachsen war.
Der leitende Gestapokommissar ließ ein halbes Hundert Arbeiter erschießen und die doppelte Anzahl in die Konzentrationslager von Oslavan und Dachau schaffen, aber er wußte, und auch die Kameraden der Erschossenen wußten:

Gefährlicher als das auf die glühenden Haubitzenläufe gespritzte Mittagsbier war der Umstand, daß jeder einzelne der nahezu neuntausend Mann starken Belegschaft von diesem Geheimnis Kenntnis gehabt und es, aller Gefahr zum Trotz, bei sich behalten hatte.
Kanone

F.C. Weiskopf ist in seinen Anekdoten dem Vorbild Heinrich von Kleists („Aus deutscher Dichtung“, Bd. 2, S. 131ff.) verpflichtet und verbindet hohes sprachliches Können mit überzeugender politischer Pointierung der Aussage.

Quelle:
Aus deutscher Dichtung, Dritter Band, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1969, S.196f. Ein Lesebuch für die 12. Klasse.

Wer gehört eigentlich zur Arbeiterklasse?

RußlandUkraineFrankreichGroßbritannienChinaBulgarienStreiks in der kapitalistischen Welt

Manchmal muß man wirklich beim „Urschleim“ anfangen. Da liest man solche dummen Bezeichnungen, wie „emanzipatorische“ oder „interventionistische“ Linke. Und da fragt man sich, was diese Leute eigentlich wollen. Ein wahrer WortSCHATZ ist das! Und das DENKEN der Bourgeoisie. Wo stehen denn diese „Linken“ und diese falschen „Kommunisten“, wie Wagenknecht, Gysi, Stehr, Meyer, Steigerwald und Co. – stehen sie an der Theke oder auf der Seite der Arbeiter. Oder sitzen sie vielleicht genüßlich beim Hummeressen im Adlon und zahlen (selbstverständlich!) ihren Champagner selbst? (Man ist ja nicht käuflich!) Und warum gibt es eigentlich immer wieder diese Klassenauseinandersetzungen zwischen Arbeitern und den Kapitalisten? Wer gehört denn nun heute noch zum Proletariat? Diese „Linken“ etwa? Oder gehören ein Programmierer, ein selbständiger Handelsvertreter, ein Postbote oder eine Mitarbeiterin beim Finanzamt etwa nicht zur Arbeiterklasse? Wie verhält es sich eigentlich mit dem Klassenbewußtsein, mit der Klassensolidarität? Wer unterstützt denn z.B. einen Streik der Fluglotsen oder der Verwaltungsangestellten? Oder wird da nur gemeckert über die Verspätung, über die Behinderungen? Und woher kommt denn diese Feindschaft zwischen der Arbeiterklasse und den Kapitalisten? Keine Frage: Sie ist einfach da. Niemand hetzt die Arbeiter auf. Nur irgendwann haben sie einfach die Nase voll von dem Betrug. Diese Feindschaft resultiert aus den unüberbrückbaren Gegensätzen dieser kapitalistischen Gesellschaft. Überall auf der Welt. Und daran hat sich seit Marx‘ Zeiten nichts geändert. Absolut nichts…

Wer oder was ist eigentlich die Arbeiterklasse?

Die Arbeiterklasse ist im Kapitalismus eine der sich feindlich gegenüberstehenden Grundklassen; im Sozialismus Grundklasse, führende Kraft und Schöpfer der sozialistischen Gesellschaft. Im Kapitalismus besteht die Arbeiterklasse, das Proletariat, aus rechtlich freien Lohnarbeitern, die keine Produktionsmittel besitzen. Um existieren zu können, sind sie gezwungen, ihre Arbeitskraft den Besitzern von Produktionsmitteln zu verkaufen. Die Arbeiter sind die unmittelbaren Produzenten der kapitalistischen Produktion und erzeugen den größten Tei! des gesellschaftlichen Reichtums. Dennoch erhalten sie nur so viel, wie zur ständigen Reproduktion ihrer Arbeitskraft notwendig ist. Die Arbeiterklasse wird durch die herrschende Bourgeoisie Ökonomisch ausgebeutet, politisch unterdrückt und ideologisch niedergehalten. Diese Lebensbedingungen zwingen sie zum unversöhnlichen Klassenkampf gegen die Bourgeoisie. Mit der Entwicklung der kapitalist. Produktionsweise formierte sich das Proletariat als Klasse. Im „Manifest der Kommunistischen Partei“ formulierten MARX und ENGELS die Entwicklung des Proletariats zu einer Grundklasse:
Manifest der Kommunistischen Partei
Infolge ihrer objektiven Stellung ist die Arbeiterklasse die einzig konsequent revolutionäre Klasse der kapitalistischen Gesellschaft. Das ist in folgendem begründet:
Arbeiterklasse
Auf Grund ihrer Stellung hat die Arbeiterklasse objektiv die welthistorische Mission, die Bourgeoisie zu entmachten, sich selbst und damit alle anderen werktätigen Schichten von der Ausbeutung zu befreien und Sozialismus und Kommunismus aufzubauen. Diese objektiven Aufgaben werden der Arbeiterklasse im Klassenkampf unter Führung ihrer revolutionären Partei bewußt. Die Arbeiterklasse wird damit zur Führerin aller Werktätigen beim Sturz der alten und beim Aufbau der neuen Gesellschaftsordnung. Für die führende Rolle der Arbeiterklasse und für ihre Kampfkraft sind folgende Faktoren weiterhin entscheidend:
Bedingungen
Die Geschichte beweist, daß die Arbeiterklasse nur dort siegen und die politische Macht erobern kann, wo sie über diese marxistisch-leninistische Partei verfügt und die sozialistische Ideologie die ganze Klasse erfaßt. Mit der Errichtung der Diktatur des Proletariats ändern sich die Stellung und der Charakter der Arbeiterklasse grundlegend. Aus einer ausgebeuteten und unterdrückten Klasse wird sie zur körperlich und geistig produktiv tätigen und machtausübenden Klasse, die gemeinsam mit den übrigen Werktätigen die entscheidenden Produktionsmittel besitzt. Sie übt die politische Macht aus, setzt ihre wissenschaftliche Ideologie durch und errichtet im Bündnis mit den Genossenschafts-bauern, der sozialistischen Intelligenz und allen anderen Werktätigen Sozialismus und Kommunismus.

Wie wird das im Sozialismus sein?

In einem sozialistischen Land ist die Arbeiterklasse und ihre Partei die ausschlaggebende gesellschaftliche Kraft und Träger der Macht. Sie leitet die Wirtschaft und den Staat, eignet sich die Errungenschaften der modernen Wissenschaften an und produziert als die am engsten mit dem sozialistischen Eigentum verbundene Klasse den größten Teil aller materiellen Werte. Dabei entwickelt die Arbeiterklasse immer stärker solche Eigenschaften wie Streben nach höheren Leistungen, Schöpfertum, Selbstlosigkeit, Verantwortungsbewußtsein, Diszipliniertheit, Kollektivgeist, Drang nach Bildung und den Stolz, Angehöriger der Arbeiterklasse zu sein. Als führende Kraft der sozialistischen Gesellschaft bereitet sie damit die Herausbildung eines hochqualifizierten, wissenschaftlich und kulturell gebildeten und bewußten Gestalters der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft vor.

Quelle:
Meyers Jugendlexikon, VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1976, S.49f.
(der letzte Absatz wurde aktualisiert, N.G.)

N.B. Ungefähr so war es auch im Sozialismus schon mal. Und darauf können wir stolz sein, die wir unseren Beitrag dazu geleistet haben! Ob und wann das Proletariat jedoch seine historische Mission erfüllt, wo und wann es wieder eine revolutionäre Rolle spielen wird, das hängt von vielen Faktoren ab, nicht zuletzt vom eigenen Klassenbewußtsein und der Beherzigung der Lehren aus der Geschichte.
Worin besteht nun die Aufgabe der Kommunisten?
1. Die Apathie im Proletariat überwinden.
2. Die Zerfahrenheit in Zeiten der Krise beseitigen.
3. Das Wesen der Krise erkennen und verdeutlichen.
4. Dem Proletariats seine führende Rolle bewußt machen und
5. sich fest zusammenzuschließen und einen Parteikern zu bilden.
sagte jedenfalls Lenin im Jahre 1910!

Siehe auch:
Die Arbeiter und die Schmarotzer
Gibt es heute noch eine Arbeiterklasse?
Kleines Politisches Wörterbuch: Was ist eine Klasse?

Lenin: Was sind die aktuellen Aufgaben der Kommunisten?

Dietrich Kittner (1935-2013)

Dietrich Kittner1977 erschien im Henschelverlag der DDR ein Büchlein mit Texten des kommunistischen Kabarettisten Dietrich Kittner. Oft war er in der DDR zu Gast. Für uns war das ein Besuch aus einer anderen Welt, aus der kapitalistischen Welt. Seine Texte waren scharf wie Paprika, intelligent wie die von Marx selber und aufrüttelnd wie Kanonendonner. Kittner hatte nicht nur in der DDR keine Furcht, zu sagen was er dachte, vor allem tat er es im Westen. Und das in aller Öffentlichkeit. Im Vorwort zur Textausgabe schreibt Günter Wallraff: »Kittners hintergründiger Humor ist nicht auf vorschnellen Beifall aus. Sein tiefschürfender intellektueller Witz entfesselt keine schenkelklatschenden Lachsalven vordergründiger Übereinkunft…Widerlegt wird damit die bürgerliche Auffassung, daß Kunst nichts bewirken solle und könne.« Aggressiv und pointiert greift er die verkommene kapitalistische Gesellschaft an, geißelt die verlogene bürgerliche Moral und entlarvt die falschen pseudolinken Schwätzer. Dietrich Kittner starb am 8.2.2013 – hier einer seiner Texte:

Es war einmal ein Mann.
Der hatte es allein
durch seiner Hände redliche Arbeit in unserer
Leistungsgesellschaft zu großem Reichtum gebracht.

Und morgen, liebe Kinder,
erzähle ich Euch
ein anderes Märchen.*

Kittner
Siehe: http://www.jungewelt.de/2013/02-16/048.php

Quelle:
* Kittners (zoo)logischer Garten, Kabarett-Texte von Dietrich Kittner, Henschel Verlag Berlin, 1977, S.20.

Helmut Preißler: Ich liebe Rot.

Demonstration
Der Dichter Helmut Preißler (1925-2010) gehörte zu den bedeutendsten Lyrikern der DDR. Seine ersten Songs und Gedichte veröffentlichte er in den 1950er Jahren in der Presse (z.B. das Lied „Wenn man in den Jahren von Berlin sich erzählt…“, 1951). 1957 legte er seinen ersten Band „Stimmen der Toten“ vor. Formal angeregt von dem nordamerikanischen Schriftstller Edgar Lee Masters (1868-1950) und dessen Sammlung von fiktiven Grabinschriften „Spoon Rivers Anthology“ (1915), setzte sich Preißler mit der faschistischen Barbarei auseinander. [1] Ein sehr schönes Gedicht findet sich auch in seinem Gedichtband „Erträumte Ufer“:

Helmut Preißler
Ich liebe Rot

Ich liebe das strahlende Rot,
Rot von Kirsche und Mohn,
das Paprikarot, das Fahnenrot,
das Rot der Revolution.

Das Rot, das man Farbe der Liebe nennt,
Farbe der Arbeiterklasse,
das Rot, das in unseren Herzen brennt.
Glut, die wir nie löschen lassen –

das Rot, das die Freude in Wangen treibt,
wenn die Verliebten sich grüßen,
das Rot, das auf unseren Lippen bleibt,
lang noch nach unseren Küssen –

das Rot, das als Blut in uns Menschen fließt,
gleich, welche Haut wir haben,
das Rot, das uns flammend von Masten grüßt,
Fahnentuch, das wir tragen –

Ich liebe das strahlende Rot,
Rot von Kirsche und Mohn,
das Paprikarot, das Fahnenrot,
das Rot der Revolution.

Quelle:
[1] Horst Haase (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur, Literatur der Deutschen Demokratischen Republik, Verlag Volk und Wissen, Berlin, 1976, S.487.
[2] Helmut Preißler, Erträumte Ufer, Gedichte, Verlag Neues Leben Berlin, 1979, S.30.

Siehe auch:
Helmut Preißler: Die Menschlichkeit.

Auf zur Liebknecht-Luxemburg-Ehrung! (Januar 2013)

Die Toten…gerade weil Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg als konsequente Internationalisten und Marxisten in aller Öffentlichkeit gegen den imperialistischen Krieg auftraten, und gerade weil Ernst Thälmann sich mit Stalin sehr eng verbunden fühlte, und in weiser Voraussicht sagte: „Stalin bricht Hitler das Genick!“, und gerade weil J.W. Stalin eben dieses tat und die Sowjetunion unter seiner Führung den mächtigsten Feind, den deutschen Imperialismus, besiegte, und gerade weil auch Mao Tsetung dem Imperialismus in China eine vernichtende Niederlage bereitete, gerade deswegen gehören sie alle zur Geschichte der internationalen kommunistischen Bewegung.

weiterlesen

M.W.Frunse: Über Strategie und Taktik der Revolution

OktoberrevolutionDas bedeutendste Ereignis des 20.Jahrhunderts:
Die Große Sozialistische Oktoberrevolution (1917)

Und heute? Wir sind weit davon entfernt. Wenn man die derzeitige politische Lage in der Bundesrepublik Deutschland analysiert, so fällt auf, daß im Bewußtsein der Bevölkerung durchaus eine gewisse Zufriedenheit vorhanden ist, nämlich die, daß es in unserem Lande doch eine Demokratie gäbe und wir ja doch eine gewisse Freiheit hätten. Zum Beweis schaue man sich nur den Veranstaltungskalender an. Zwar sei vieles im Argen. Es sei nicht gut, daß die Reichen immer reicher würden, es gäbe ja einige Arme und ein paar Arbeitslose. Aber die bekämen schließlich Arbeitslosenunterstützung. Und auch von Hartz4 könne man ja ganz gut leben. (Tatsächlich? Ist das wirklich so?) Nunja. Der Eindruck täuscht. Die Massenmedien befinden sich größtenteils in den Händen der herrschenden Klasse, und die bestimmt, was die Leute so lesen, im Fernsehen erfahren oder im Radio hören dürfen. Und die Bourgeoisie hat zwei Methoden zur Sicherung ihrer Macht: „Wenn es den Kapitalisten so erscheint, daß ihre politische Macht ins Wanken gerät, gehen sie zur Methode der Unterdrückung über. Wenn ihre politische Macht stabil genug ist, greifen sie zur Methode der Verdummung.“ (siehe: Rafik Kulija – Arbeiterklasse)

Tatsache ist, wir leben in einem imperialistischen Land, wo der Lebensstandard zwar noch relativ hoch ist im Vergleich zu einem Großteil der Nachbarländer, die Ausbeutung der Arbeiterklasse aber merklich zugenommen hat. Die steigenden Lebenshaltungskosten und die rasant wachsende Armut sind nur ein Index dafür. Davon betroffen ist millionenfach zu allererst die Arbeiterklasse (Lohnarbeiter, Leiharbeiter, kleine Angestellte, verarmte Kleinunternehmer, Intellektuelle usw.) Es gibt sie also die Arbeiterklasse! Nur daß sie sich noch nicht einigen kann. Logischerweise sind natürlich auch die Profite des Monopolkapitals enorm in die Höhe geschnellt. Doch die Probleme in der Politik nehmen zu, was dazu führt, daß die Bourgeoisie zunehmend nach gewaltsamen Mitteln strebt. Die Lösung aller dieser Probleme kann also perspektivisch nur darin bestehen, daß die derzeit herrschenden Verhältnisse auch gewaltsam geändert werden, und zwar durch diejenigen, die am meisten darunter zu leiden haben, nämlich die Millionenmassen des werktätigen Volkes, denn ein friedliches Hinüberwachsen in sozialistische Produktionsverhältnisse in unmöglich. Die nachfolgende Rede von M.W. Frunse handelt von der proletarischen Revolution. Bei einem Vortrag, gewidmet W.I. Lenin, im Jahre 1925 sagte Genosse Frunse:

In der heutigen Versammlung, glaube ich, besteht keine Veranlassung, auf den Beweis der Richtigkeit der These einzugehen, daß der Krieg die Fortsetzung der Politik ist. Die Erfahrungen des imperialistischen Krieges und noch mehr die Erfahrungen unseres Bürgerkrieges, die Erfahrungen der Epoche der proletarischen Revolution haben auf die anschaulichste Weise ihre Richtigkeit bewiesen.

Was ist Leninismus?

Die Strategie und Taktik des proletarischen Kampfes, Genossen, ist eben das, was wir mit vollem Recht den Leninismus nennen können. Der Leninismus ist die Verwirklichung und Weiterentwicklung jener Lehre, die von Marx und Engels begründet wurde. Aber der Leninismus ist eine besondere Anwendung der marxistischen Theorie; das ist keine einfache Wiederholung jener Thesen, die Marx und Engels aufgestellt haben – das ist die Weiterentwicklung dieser Thesen, ihre Erweiterung und Bereicherung als Theorie des Klassenkampfes. Der Leninismus ist die Strategie und Taktik der Arbeiterklasse, er ist die Lehre von der Führung des Kampfes der Arbeiterklasse, die Lehre davon, wie die Arbeiterklasse handeln muß, um ihren Sieg zu sichern [s.Anmerkung 62]

Die politische Strategie Lenins

Deshalb ist es für uns, angesichts dieser Verbindung, von der ich gesprochen habe, dieses Zusammenhangs, der zwischen der militärischen Tätigkeit und der politischen Tätigkeit besteht, dieses Zusammenhangs, der besonders anschaulich in der jetzigen Epoche der revolutionären proletarischen Diktatur ist, von grundsätzlicher Wichtigkeit, recht tief mit dem Wesen des Leninismus – dieser „Strategie“ und „Taktik“ des proletarischen Kampfes – vertraut zu sein. Die politische Strategie basiert auf der Berücksichtigung der Hauptmomente der Massenbewegung, auf der Berücksichtigung der kämpfenden Klassenkräfte. Sie studiert das Wechselverhältnis zwischen diesen Kräften, studiert ihr spezifisches Gewicht und ihren Charakter und entwirft schließlich, unter Berücksichtigung von Zeit und Raum, den entsprechenden strategischen Plan für den politischen Kampf.
Vorbereitung
Revolutionäre.

Über die Fähigkeit der Intuition

Um gleichermaßen sowohl auf dem Gebiet der reinen Politik als auch im Militärwesen ein guter Stratege zu sein, sind besondere spezifische Eigenschaften erforderlich. Die wichtigste von ihnen ist die sogenannte Intuition [s.Anm.63], die Fähigkeit, sich schnell in der ganzen Kompliziertheit der uns umgebenden Erscheinungen zurechtzufinden, auf das Wichtigste einzugehen und auf der Grundlage der Berücksichtigung dieses Wichtigsten einen bestimmten Plan des Kampfes der Arbeit zu entwerfen. Das also ist jene Eigenschaft, jene Fähigkeit der Intuition, mit unser verstorbener Führer, der Genosse Lenin, Im höchsten Grade begabt war. Wenn man seine Werke nimmt – und ich habe heute Buch für alle Bände seiner Werke durchgeblättert, wobei Ich mich hauptsächlich mit jenen Artikeln beschäftigte, die diese oder jene Beziehung Roten Armee und zum Militärwesen aufweisen –, selbst wenn seine Reden, Artikel, Briefe und anderes flüchtig durchsieht, so wird man immer und immer wieder von jener kolossalen Kraft der Intuition, jenem gründlichen Eindringen in die Tiefe, in das Wesen aller Erscheinungen, das für den Genossen Lenin im Verlauf seiner ganzen revolutionären Tätigkeit so charakteristisch ist, in Erstaunen gesetzt. Mit äußerst seltenen Ausnahmen können wir sagen, daß sich seine Einschätzungen und die Prognose kommender Ereignisse durch unglaubliche Tiefe und Scharfblick ausgezeichnet haben. Deshalb ist für uns alle das Studium der politischen Strategie des Genossen Lenin von größtem Interesse.

Die Große Sozialistische Oktoberrevolution – ein historischer Sieg des Proletariats

Wir haben den Sieg errungen, wir haben jetzt eine proletarische Diktatur, aber bevor wir den Sowjetstaat mit der Diktatur der Arbeit errichten konnten, machten wir eine sehr große Zeitspanne langwieriger Vorbereitung und vorausgehenden Kampfes durch. Wir können unseren revolutionären Kampf, vom Standpunkt der politischen Strategie aus, in drei Etappen einteilen: die Periode bis 1917, bis zur Oktoberrevolution, wo wir uns mit dem Sammeln der revolutionären Kräfte beschäftigten, die Kader der künftigen proletarischen Armee formierten und uns zum Kampf vorbereiteten; die zweite Periode ist die Zeit des unmittelbaren Kampfes, der Oktoberaufstand; und die letzte Periode, das ist der Kampf um die Erhaltung der Diktatur in den Händen der Arbeiterklasse [s.Anm.64]. In allen diesen drei Perioden der revolutionären Tätigkeit des russischen Proletariats war auf Schritt und Tritt das Denken des Genossen Lenin als eines Führers und Strategen in der deutlichsten Weise fühlbar. Sowohl uns als auch der künftigen Generation von Revolutionären gibt Genosse Lenin glänzende Beispiele der strategischen und taktischen Kunst. Seine Führung bildet ein über alle Maßen erhabenes, in seiner Genialität einzigartiges Beispiel der Führung der Massen im Kampf.

Über die Vorbereitung der Oktoberrevolution

Ich gehe jetzt auf das Moment der Vorbereitung unserer Revolution ein. Um den Sieg zu erringen, war es erforderlich, die entsprechenden Mittel bereitzustellen, jene Armee auszubilden, die die Festungen des Klassenfeindes erstürmt. Die erste Aufgabe, die vor dem Organisator der künftigen Siege der Arbeiterklasse stand, bestand darin, die Kader dieser revolutionären proletarischen Armee auszubilden. Genosse Lenin war sich bereits in den ersten Jahren seiner Tätigkeit, bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts, völlig klar über den Charakter und die Formen der Organisierung dieser Kader. Bereits damals machte er sich ein Bild der ganzen Arbeit, die die revolutionäre Partei des Proletariats zur Schaffung der Bedingungen für die künftigen Siege zuleisten hatte. Dieses Bild war in seinen zahlreichen Artikeln und Broschüren jener Zeit bis in alle Einzelheiten dargelegt.

Die wichtigste Frage der Organisation

Genosse Lenin war von den ersten Schritten seiner Tätigkeit an der Meinung, daß wir eine Armee gestählter Kämpfer schaffen müssen, eine Armee, die keine Zweifel, keine Furcht kennt, eine Armee, durch die härteste und strengste Disziplin zusammengeschweißt ist. Hieraus ergibt sich die gewaltige Bedeutung, die er der Frage der Organisation beimaß. Die Frage der Organisation war in seiner Vorstellung durchaus keine Angelegenheit von zweitrangiger Bedeutung. Seiner Meinung nach minderte derjenige, der sich auf dem Gebiet der Organisationsprobleme irrte, selbst seine richtigsten Gedanken, Thesen und Anschauungen auf allen übrigen Gebieten der politischen Tätigkeit zu einem Nichts herab.(…)
Fahne
G.M. Korshow, Aufgehobene Fahne.

Die Arbeiterbewegung im zaristischen Rußland

Sie wissen, daß gerade diese Frage die russische Arbeiterbewegung in zwei Teile gespalten hat: in den menschewistischen Zweig und in den bolschewistischen Zweig. Genosse Lenin stellte solche organisatorischen Prinzipien auf, die eine wirklich kämpferische revolutionäre Partei schmieden sollten, die aus dem Schoß der Arbeiterklasse alles Aktive, Feste und im revolutionären Kampf bewährte, was dort zu finden war, herausziehen sollten, um aus diesem besten, auserlesenen Teil der Arbeiterklasse die Avantgarde der proletarischen Bewegung zu schaffen. Und diese Aufgabe wurde von Genossen Lenin glänzend gelöst. In Gestalt der Kommunistischen Partei (Bolschewiki) erhielt das Proletariat unserer Union gestählte, eiserne Kader der revolutionären Armee. Die Leninsche Strategie und Taktik der Revolution in dieser Epoche entsprang einer bestimmten Einschätzung der „gegenwärtigen Lage“, heißt der damaligen Lage und der Perspektiven ihrer Entwicklung. Diese Einschätzung ergab sich aus der allgemeinen Einschätzung der Rolle des Proletariats im Klassenkampf.

Wie wurde diese Lage von Genossen Lenin beurteilt?

Das nächste strategische Ziel bestand darin, die Selbstherrschaft zu stürzen und eine demokratische Republik zu gründen. Die Hauptkraft, den Sieg sicherzustellen hatte, war die Arbeiterklasse; die Arbeiterklasse mußte die Bauernschaft anführen. Der Feind war vom Standpunkt der Klassenanalyse aus, wie sie Genosse Lenin gab, die Selbstherrschaft, die sich auf den feudalen Adel stützte und die als Reserve liberale Bourgeoisie besaß, die bereit war, für die geringsten Zugeständnisse auf deren Seite zu treten. Hieraus ergab sich die Taktik der proletarischen revolutionären Partei. Sie mußte, nach der Meinung Lenins, nach seiner Einschätzung, darin bestehen, dieser liberalen Bourgeoisie, die faktisch zur Unterstützung der Selbstherrschaft dienen konnte und in der Folge auch wirklich diente, die Möglichkeit zu nehmen, ihren Einfluß auf die kleinbürgerlichen Massen, und insbesondere auf die Bauernschaft, zu festigen. Das war die Taktik des Kampfes der Arbeiterklasse um die Hegemonie über die Bauernschaft, über die Kleinbourgeoisie. Sie sehen, wie sich hier die taktische Linie abzeichnet. Genosse Lenin erkennt das Wesen einer jeden Klasse, deckt ihre Physiognomie und Natur auf, bestimmt, wohin sie gehen kann, ob sie in der Lage ist, für diese oder jene Ziele zu kämpfen, und auf der Grundlage dieser strengen klassenmäßigen Analyse baute er die Taktik und Strategie des proletarischen Kampfes auf.

Die Strategie und Taktik Lenins

Diese gesamten nahezu zwanzig Jahre, die seit dem Ende der neunziger Jahre bis zum Zeitpunkt der Februarrevolution verflossen sind, haben in vollem Ausmaße die Richtigkeit seiner strategischen Einschätzung und die Richtigkeit jener taktischen Schlußfolgerungen bestätig die sich hieraus ergaben und als Grundlage des strategischen Zieles dienten. Die strategische Einschätzung und der strategische Plan wäre für diese ganze Periode unserer revolutionären Bewegung ein für allemal gegeben. Was die taktischen Schlußfolgerungen betrifft, so haben sie sich natürlich geändert. Die Taktik ist ein Teil der Strategie, ist ihr unterstellt und von ihr abhängig. Die Taktik hat es nicht mit Ereignissen zu tun, die größere Zeitspannen umfassen – sie hat es mit den sich ändernden Bedingungen der jeweiligen konkreten historischen Situation zu tun, und deshalb kann und muß sich die Taktik ändern. Und in der Tat, wir sehen, wie sich die proletarische Taktik im Verlauf dieser Periode änderte, während die strategische Hauptlinie unverändert blieb.

Nehmen wir das Jahr 1905.

Am 9. Januar kam es zu einer spontanen Massenerhebung des Proletariats. Wie sah damals die Taktik unserer Leninschen Partei aus? Es war die Taktik des Druckes, des entschlossenen Angriffs auf die Selbstherrschaft. Wir hatten die Losung des bewaffneten Aufstandes herausgegeben, und unsere ganze Propaganda, Agitation und Organisationsarbeit organisierten wir vom Standpunkt der Vorbereitung aller Bedingungen für einen Sieg. Der Zusammenstoß In den Jahren 1905 bis 1906 endete mit dem Sieg der Selbstherrschaft und jener Klassengruppen, die sich in ihrer Schlepptau befanden. Im Ergebnis dessen ändert sich die Lage, es beginnt die Periode der Depression. Es ändert sich auch die Taktik der proletarischen Partei. Unter Beibehaltung ihres ganzen revolutionären Wesens geht die proletarische Partei der Bolschewiki zu anderen Kampfesformen, zu anderen Kampfmethoden über: Anstatt die I. Staatsduma zu boykottieren, anstatt der Taktik eines offenen Kampfes um die Verwirklichung der Losung des bewaffneten Aufstandes ruft Genosse Lenin die Partei auf, sich an der Arbeit der Staatsduma zu beteiligen, ruft die Partei auf, systematisch an der Organisierung der revolutionären Massen zu arbeiten.
Blutsonntag - 9.Januar 1905
W.J. Makowski, Blutsonntag.

Das muß man erstmal begreifen!

Ich muß Ihnen sagen, daß diese Änderung der Taktik nicht sofort von der ganzen Masse der damaligen bolschewistischen Kader verstanden wurde. Viele Genossen hielten diese neue Taktik für eine opportunistische, sahen in ihr einen Verrat an der revolutionären Grundidee des Bolschewismus. Es bildete sich eine ganze Strömung unter der Bezeichnung „Otsowismus“. An ihrer Spitze stand der Ökonomist Bogdanow, der sich jetzt nicht mehr in den Reihen unserer Partei befindet. Damals stand er aber in den Reihen unserer Partei und hatte eine ziemlich bedeutende Stellung inne. Die „Otsowisten“ traten für die Abberufung unserer Fraktion aus der Staatsduma und für die Fortsetzung der Taktik des Boykotts ein. Wie die Geschichte gezeigt hat, war Genosse Lenin durchaus im Recht.

Lenins Einschätzung war richtig

Weiter. Es nähert sich der Zeitpunkt des imperialistischen Krieges. Genosse Lenin orientierte sich, dank seinem genialen Scharfblick, sofort in den Wechselbeziehungen der sozialen Hauptkräfte, gibt eine völlig richtige Einschätzung der anbrechenden Periode und legt auf der Grundlage derselben die entsprechende taktische Linie fest. Und wir sehen wiederum, wie alle seine Voraussagen eintreffen; wir sehen, daß in Rußland die Februarrevolution ausbricht; wir sehen, daß sich, in vollster Übereinstimmung mit seiner Prognose, die Klassengegensätze weiter zuspitzen und daß sich der große Oktobersieg vorbereitet.

Eine neue taktische Orientierung

Genossen, es ist auch hier nicht müßig festzustellen, daß nach der Februarrevolution in den Reihen unserer Partei, zwar nicht mit einem Mal, nicht vom ersten Moment an, ein Schritt vorwärts getan wurde in der Richtung zu einer neuen Einschätzung, zur Stellung neuer Aufgaben. Genosse Lenin war in den ersten Tagen nicht bei uns, er war im Ausland, und als er in Petersburg ankam, da konnte in der ersten Zeit die Mehrzahl der führenden bolschewistischen Kreise nicht sofort seine Einschätzung und jene Schlußfolgerungen, die sich aus ihr ergaben, begreifen. Nicht sofort wurde der Übergang von der alten strategischen Linie, die in der Losung gipfelte „Demokratische Revolution, demokratische Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft“, zur Losung „Diktatur des Proletariats und der armen Bauernschaft“ begriffen. Dies erklärt sich dadurch, daß die Position des Genossen Lenin eine kardinale Umorientierung, eine Neueinschätzung der Haupttriebkräfte und die Festlegung der neuen strategischen Linie bedeutete. Das frühere Ziel – der Sturz der Selbstherrschaft – war erreicht; das Proletariat bereitet sich jetzt zum Kampf um die Diktatur des Proletariats vor. Die Februarrevolution, durch die in den Sowjets der Arbeiter-, Bauern- und Soldatendeputierten die Parteien der Kompromißler, die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, ein Übergewicht erlangt hatten, stellte faktisch auch die Verwirklichung unserer alten Losung von der demokratischen Revolution dar. Die revolutionäre proletarische Partei mußte aber weiter vorwärtsschreiten, denn die Hauptaufgabe bestand nicht im Sturz der Selbstherrschaft, sondern in der Vernichtung der Klassenherrschaft der Bourgeoisie.
Lenin
Wladimir Iljitsch Lenin (1870-1924)

Worin bestand diese Leninsche Umwertung der politischen Werte?

Sie bestand darin, daß es nach der Meinung Lenins in der neuen Situation außer der Partei des Proletariats (der Bolschewiki) bereits keine anderen revolutionären Parteien mehr gab, daß faktisch die Menschewiki, die Sozialrevolutionäre und die anderen eine Stütze der Diktatur der Bourgeoisie waren und daß die Linie der proletarischen Politik, dis Linie der proletarischen Strategie den Weg der Isolierung dieser Parteien von der Bauernschaft einschlagen mußte. Es wurde die Aufgabe des Kampfes um die Bauernschaft, aber schon nicht mehr gegen den Zarismus, nicht gegen die Großbourgeoisie, sondern gegen die Parteien der Kleinbourgeoisie, gegen die Menschewiki und Sozialrevolutionäre, in den Vordergrund gerückt. Auf dieser Linie entfaltete sich auch die Tätigkeit der bolschewistischen Partei. Die nachfolgenden Ereignisse bewahrheiteten glänzend diese Einschätzung. Sie führten dazu, daß die Kommunistische Partei Anfang Oktober in den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierter, den entscheidenden Einfluß errang und ihren Einfluß innerhalb der Bauernmasse außerordentlich vergrößerte, wodurch eben die Grundlage für den Oktobersieg gelegt wurde.

Lenins operativer Führungsstil

Außerordentlich interessant ist es, jetzt die Rolle des Genossen Lenin zur Zeit dieses größten Ereignisses in unserer revolutionären Geschichte zu verfolgen, und zwar schon nicht mehr als eines Strategen und Politiker-Taktikers, sondern als eines rein militärischen operativen Führers. Genosse Lenin zeigte auch hier ein ganz ungewöhnliches Feingefühl und Können. Obwohl er damals – um sich der Verhaftung zu entziehen – nicht in Petrograd lebte, setzen nichtsdestoweniger die Einschätzung der Lage, die er in einer Reihe von Briefen und Aufzeichnungen an das ZK gegeben hat, sowie seine konkreten Vorschläge durch die Richtigkeit in allem Wesentlichen in Erstaunen, überraschen sie durch die Tiefe der Gedanken des Genossen Lenin. In seinen Hinweisen legte er nicht nur die allgemeine Linie der Taktik fest, die unser ZK einschlagen mußte, sondern er konkretisierte auch jene allgemeine Linie und setzte sie in bestimmte praktische Pläne um.

Gegen eine unentschlossene und schwankende Haltung

Zu diesem Zeitpunkt gab es, wie Ihnen bekannt ist, in unseren Reihen einige Schwankungen. Einige Genossen waren der Meinung, daß wir die Ereignisse zu stark forcieren; es schien ihnen, als sei die Periode der Vorbereitung, der Sammlung und Konzentrierung der Kräfte noch nicht beendet. Und ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt tritt Genosse Lenin auf und legt eine Reihe Thesen vor, die mit unzweifelhafter Überzeugungskraft beweisen, daß es unerläßlich notwendig ist, sofort den bewaffneten Aufstand zu organisieren. Er gibt eine Analyse der Wechselbeziehungen der Klassenkräfte, wägt die Rolle jeder politischen Partei ab, wägt das spezifische Gewicht, die Rolle und den Einfluß unserer Partei ab, zieht die Rolle und die Kraft der Sowjets in Betracht, und im Ergebnis dieser sorgfältigen Analyse kommt er zu der Schlußfolgerung, daß der Zeitpunkt des Angriffs bedingungslos herangereift ist. In diesen seinen Schlußfolgerungen stützt er sich vor allem auf jene theoretischen Grundsätze, die uns als Erbe von Marx und Engels hinterlassen worden sind. Genosse Lenin wählte als echter Revolutionär in der Lehre von Marx und Engels alles das besonders sorgfältig aus, hob alles das besonders sorgfältig hervor, was das revolutionäre Wesen der marxistischen Theorie unterstrich, alles das, was irgendwie auf den Weg und die Methoden zur Durchführung des entscheidenden Zusammenstoßes sowie der hierfür entsprechenden Vorbereitung der proletarischen Kräfte hinwies.
Winterpalais
W.S. Swarog, Sturm auf das Winterpalais.

Was sagte Karl Marx über den Aufstand?

Als Ausgangspunkt für Genossen Lenin dienten folgende Zeilen von Karl Marx, die dem Aufstand gewidmet waren: „Nun ist der Aufstand eine Kunst, ebenso wie der Krieg oder andere Künste, und gewissen Regeln unterworfen, deren Vernachlässigung zum Verderben der Partei führt, die sich ihrer schuldig macht. Diese Regeln, logische Folgerungen aus dem Wesen der Parteien und der Verhältnisse, mit denen man in solchem Falle zu tun hat, sind so klar und einfach, daß die kurze Erfahrung von 1848 die Deutschen ziemlich bekannt mit ihnen gemacht hatte. Erstens darf man nie mit dem Aufstand spielen, wenn man nicht entschlossen ist, allen Konsequenzen des Spiels Trotz zu bieten. Der Aufstand ist eine Rechnung mit höchst unbestimmten Größen, deren Wert sich jeden Tag ändern kann; die Streitkräfte, gegen die man zu kämpfen hat, haben den Vorteil der Organisation, Disziplin und der herkömmlichen Autorität ganz auf ihrer Seite“ (Marx meint hier den „schwierigsten“ Fall des Aufstandes: nämlich den Aufstand gegen eine „unerschütterte“ alte Macht, gegen eine Armee, die unter dem Einfluß der Revolution und der Regierungsschwankungen noch nicht zersetzt ist). „Kann man nicht große Gegenmächte dagegen aufbringen, so wird man geschlagen und vernichtet. Zweitens, ist der Aufstand einmal begonnen, dann handle man mmit der größten Entschiedenheit und ergreife die Offensive. Die Defensive ist der Tod jeder bewaffneten Erhebung; diese ist verloren, ehe sie sich noch mit dem Feinde gemessen hat. Überrasche die Gegner, solange ihre Truppen zerstreut sind, sorge täglich für neue, wenn auch kleine Erfolge; halte das moralische Übergewicht fest, das die erste erfolgreiche Erhebung dir gebracht; ziehe jene schwankenden Elemente an dich, die immer dem stärksten Anstoß folgen und sich immer auf die sicherere Seite schlagen; zwinge deine Feinde zum Rückzug, bevor sie ihre Kräfte gegen dich zusammenfassen können; kurz, [handle] nach den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik: de l’audace, de l’audace, encore de l’audace!*“ [1] *(Kühnheit, Kühnheit und noch einmal Kühnheit!)

…und nun die Fortsetzung dieses Gedankens durch Lenin:

Lenin, der dieses Zitat in dem im September 1917 geschriebenen Artikel „Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?“ anführt, entwickelt diesen Gedanken folgendermaßen weiter: „Hat die revolutionäre Partei nicht die Mehrheit in den Vortrupps der revolutionären Klassen und im Lande, so kann von einem Aufstand keine Rede sein. Außerdem ist für einen Aufstand notwendig:
1. das Anwachsen der Revolution im gesamtnationalen Maßstab;
2. der völlige moralische und politische Bankrott der alten Regierung, z.B. der ,Koalitlons’-regierung;
3. große Schwankungen im Lager aller Zwischenschichten, d.h. jener Leute, die nicht völlig für die Regierung sind, obwohl sie gestern noch völlig für sie waren.“
[2]
Nachdem Lenin die Unausweichlichkeit und Notwendigkeit des sofortigen bewaffneten Aufstandes nachgewiesen hatte, entwarf er den weiteren taktischen Plan seiner Durchführung. Hier einige Auszüge aus anderen Artikeln von ihm, die dem gleichen Thema gewidmet sind. Bereits im Jahre 1906 schrieb er in einem Artikel, der die Überschrift „Die Lehren des Moskauer Aufstandes“ trug: „Der Dezember hat weiter den tiefgründigen und von den Opportunisten vergessenen Satz von Marx anschaulich bestätigt, daß der Aufstand eine Kunst und daß die Hauptregel dieser Kunst die mit verwegener Kühnheit und größter Entschiedenheit geführte Offensive ist. Wir haben uns diese Wahrheit nicht genügend zu eigen gemacht. Wir haben diese Kunst, diese Regel der Offensive um jeden Preis, selbst nicht genügend gelernt und die Massen nicht genügend darin unterrichtet. Wir müssen jetzt mit aller Energie das Versäumte nachholen. Es genügt nicht, die Menschen nach ihrem Verhältnis zu politischen Losungen zu gruppieren, darüber hinaus ist erforderlich, sie nach ihrer Einstellung zum bewaffneten Aufstand zu gruppieren. Wer gegen ihn ist, wer sich nicht auf ihn vorbereitet, den muß man rücksichtslos aus der Zahl der Anhänger der Revolution hinauswerfen, zu ihren Gegnern, zu den Verrätern oder Feiglingen jagen, denn es naht der Tag, an dem die Kraft der Ereignisse, die Lage des Kampfes uns zwingen wird, Feinde und Freunde nach diesem Merkmal voneinander zu scheiden.“ [3] Und weiter ebenda: „Seien wir dessen eingedenk, daß ein großer Massenkampf naht. Es wird der bewaffnete Aufstand sein. Er muß nach Möglichkeit an allen Orten zu gleicher Zeit erfolgen. Die Massen müssen wissen, daß sie zu bewaffnetem, blutigem, verzweifeltem Kampf schreiten. Todesverachtung muß die Massen ergreifen und den Sieg sichern. Die Offensive gegen den Feind muß aufs energischste durchgeführt werden. Angriff, nicht Verteidigung, muß die Losung der Massen sein, rücksichtslose Vernichtung des Feindes wird ihre Aufgabe sein; die Organisation des Kampfes wird leicht beweglich und elastisch sein; die schwankenden Elemente des Heeres werden in den aktiven Kampf gezogen werden. Die Partei des klassenbewußten Proletariats muß ihre Pflicht in diesem großen Kampfe erfüllen.“ [4]

Ich kann mich nicht um das Vergnügen bringen, noch einige Auszüge aus seinen Werken zu zitieren, die besonders klar die Ansichten Lenins der Frage der Vorbereitung und Organisierung des Aufstandes charakterisieren. Wladimir Iljitsch, der die von mir oben geschilderten Anschauungen von Marx und Engels zum Ausgangspunkt nahm, schrieb am Vorabend des Oktoberaufstandes: „Marx hat die Lehren aus allen Revolutionen über den bewaffneten Aufstand mit den Worten Dantons, des größten bisher bekannten Meisters revolutionärer Taktik, so zusammengefaßt: ,De l’audace, de l’audace, encore de l’audace!’ Auf Rußland und auf den Oktober 1917 angewandt, heißt das: gleichzeitige, möglichst überraschende und schnelle Offensive auf Petrograd, unbedingt sowohl von außen wie von innen, sowohl aus den Arbeitervierteln wie aus Finnland, aus Reval und aus Kronstadt, Offensive der gesamten Flotte und Konzentrierung eines ungeheuren Kräfteübergewichtes…“ [5]

(Hier endet der Spaß – und es endet das Zitat des Vortrages von M.W. Frunse. Der Rest ist bekannt, und ist inzwischen Geschichte. Doch wer sagt eigentlich, daß wir nicht auch etwas aus dieser Geschichte lernen können …)

Quelle:
M.W. Frunse: Lenin und die Rote Armee, in: Ausgewählte Schriften, Verlag des Ministeriums für Nationale Verteidigung (DDR), Berlin, 1956, S. 317-327.

Anmerkungen:
[62] Eine klare Definition des Leninismus hat J.W.Stalin im April 1924 in seinen Lektionen „Über die Grundlagen des Leninismus“ gegeben: „Der Leninismus ist der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarische Revolution. Genauer: Der Leninismus ist die Theorie und Taktik der proletarischen Revolution im allgemeinen, die Theorie und Taktik der Diktatur des Proletariats im besonderen. Marx und Engels wirkten in der vorrevolutionären Periode (wir nmeinen vor der proletarischen Revolution), als es noch keinen entwickelten Imperialismus gab, in der Periode der Vorbereitung der Proletarier zur Revolution, in jener Peiode, als die proletarische Revolution praktisch noch keine unmittelbare Notwendigkeit war. Lenin dagegen, der Schüler von Marx und Engels, wirkte in der Periode des entwickelten Imperialismus, in der Periode der sich entfaltenden proletarischen Revolution, als die proletarische Revolution bereits in einem Lande gesiegt, die bürgerliche Demokratie zerschlagen und die Ära der Sowjets eröffnet hstte.“ [6]
[63] M.W. Frunse wendet das Wort „Intuition“ im Sinne einer tiefen, wissenschaflichen Vorausschau an, im Sinne der Fähigkeit eines Führers oder Feldherrn, die bestimmenden Gesetzmäßikeiten der Ereignisse zu verstehen und schnell kühne Entschlüsse zu fassen, die den Erfolg sichern.
[64] Die Charakterisierung der Entwicklungstappen der Revolution nimmt Stalin mit erschöpfende Gründlichkeit in seinem Werk „Über die Grundlagen des Leninismus“ vor:
1. Etappe: 1903 bis Februar 1917.
2. Etappe: März 1917 bis Oktober 1917.
3. Etappe: Sie begann nach dem Oktoberumsturz.

Zitate:
[1] Karl Marx: „Revolution und Konterrevolution m Deutschland“; zitiert in W.I. Lenin: „Werden die Bolschewiki die Staatsmacht behaupten?“, Dietz Verlag, Berlin 1950, S. 62.
[2] ebenda, S. 64.
[3] W.I. Lenin: Die Lehren des Moskauer Aufstandes, in: Ausg.Werke in zwei Bänden, Bd.I, Dietz Verlag, Berlin 1953, S. 548/549.
[4] ebenda, S. 551.
[5] W.I. Lenin: in: Ausg.Werke in zwei Bänden, Bd.II, Dietz Verlag, Berlin, S.149/150.
[6] J.W. Stalin, Werke, Bd.6, Dietz Verlag, Berlin, S.63/64.

———————————————————————————
FrunseWer war Frunse?

Michail Wassiljewitsch Frunse (1885-1925) war ein bedeutender sowjetischer Staatsmann, ein talentierter Organisator und hervorragender Feldherr in Kampf gegen die konterrevolutionären Banden und Feinde der Sowjetunion. Unter dem zaristischen Regime war er ununterbrochenen Verfolgungen ausgesetzt, mehrmals wurde er verhaftet, zweimal zum Tode verurteilt und verbrachte sieben Jahre in Gefängnissen, im Zuchthaus und in der Verbannung. Das alles konnte den kämpferischen Geist des Kommunisten Michail Frunse nicht brechen. Noch während seiner Verbannung bereitete er sich und seine Gefährten auf die bevorstehenden revolutionären Kämpfe vor. Unter den Verbannten organisierte er einen Zirkel für Kriegswesen. Nach der Februarrevolution 1917 entfaltete Frunse im Auftrag der Partei eine energische Tätigkeit mit dem Ziel, die Soldaten der Westfront um die Bolschewiki zu scharen. In den Tagen der sozialistischen Oktoberrevolution nahm Frunse an der Zerschlagung der konterrevolutionären Kräfte teil. Während der entscheidenden Kämpfe gegen einen der ruchlosesten Henker des russischen Volkes, gegen den Erzkonterrevolutionär und Monarchisten Koltschak errangen die von M.W. Frunse geführten Truppen einen völligen Sieg über die amerikanischen und englischen Interventionstruppen, die russischen Weißgardisten und die zahlreichen Banden. Gegen Ende des Bürgerkrieges besiegte die Rote Armee unter der Führung Frunses noch einen weiteren gefährlichen Feind, den von amerikanischen, englischen, französischen und anderen Imperialisten ausgehaltenen „schwarzen Baron“ Wrangel. Dabei bewiesen die Kämpfer der Roten Armee einen außerordentlichen Heroismus. Im Jahre 1924 wurde Frunse von der Partei mit einer grundlegenden Militärreform der Sowjetischen Armee betraut. M.W. Frunse starb im Alter von nur 40 Jahren, in der Blüte seiner schöpferischen Fähigkeiten und Möglichkeiten. An seinem Grabe sagte Stalin: „…daß wir mit Genossen Frunse einen der lautersten, ehrlichsten und furchtlosesten Revolutionäre unserer Zeit verloren haben.“ Die kommunistische Partei hatte mit ihm einen ihrer treuesten und diszipliniertesten Führer verloren.

Siehe auch:
Wie kam es eigentlich zur Oktoberrevolution?
Die Oktoberrevolution in Rußland 1917

Über das Kommunistische Manifest

Wozu sind Biographien gut?

Wenn man die 1984 in der DDR erschienene Biographie von Friedrich Engels liest, so kommt man nicht umhin, den Namen von Karl Marx damit in Verbindung zu bringen, und man kann eine Menge daraus lernen. Die Freundschaft dieser beiden Vorkämpfer für eine gerechte, menschliche Gesellschaft und für ein menschenwürdiges Leben aller ihrer Mitglieder bestand keineswegs nur in ihrer gewaltigen wissenschaftlichen und politischen Leistung, ohne die eine Zukunft der Menschheit heute nicht mehr vorstellbar ist, sondern sie war zugleich auch eine tiefe und herzliche Beziehung zweier Kampfgefährten, die sich aufeinander verlassen konnten und die sich gegenseitig ergänzten. Aus heutiger Sicht bestätigt sich immer mehr, wie richtig die wissenschaftlichen Einschätzungen sind, die erstmals in dieser Form im „Kommunistischen Manifest“ niedergeschrieben wurden. In der Biographie lesen wir:

Das „Kommunistische Manifest“ war die erste für die Öffentlichkeit bestimmte wissenschaftliche Gesellschaftsprognose, und zwar sowohl für die Entwicklung des Klassenkampfes im Kapitalismus wie für die sozialistische Gesellschaft. Das „Manifest“ zeigte den Weg zur Überwindung des menschenfeindlichen kapitalistischen Systems und skizzierte in den Umrissen nicht nur die sozialistische Ordnung, sondern auch die Hauptbedingungen für ihre Verwirklichung. Seit der Niederschrift des „Manifestes“ sind mehr als hundert Jahre vergangen. In dieser Zeit wurde die Richtigkeit der hier entworfenen Gesellschaftsprognose überzeugend bewiesen. In ihren Grundzügen sind die von Marx und Engels vorgezeichneten Etappen des Umwälzungsprozesses vom Kapitalismus zum Sozialismus in allen Ländern durchlaufen worden, in denen die Arbeiterklasse die Macht erobert hat und den Sozialismus und Kommunismus aufbaut.

Kommentar: Mit der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution (1917) hatte erstmals in einem Land der Erde der Sozialismus gesiegt. Die Arbeiterklasse hatte die Macht erobert. Schrittweise wurden sozialistische Produktionsverhältnisse eingeführt, und es wurde die Diktatur des Proletariats errichtet, um eine Umkehr dieser fortschrittlichen Entwicklung zu verhindern. Natürlich hat das den bisherigen Ausbeutern nicht gepaßt.

Marx und Engels erbrachten den Nachweis, daß – wie der Kapitalismus den Feudalismus – auch der Sozialismus den Kapitalismus mit geschichtlicher Notwendigkeit ablösen wird. Sie charakterisierten das Wesen der kapitalistischen Lohnsklaverei und erläuterten, warum mit der kapitalistischen Industrie zwangsläufig das Proletariat wachsen und sich der Gegensatz zwischen diesen beiden Hauptklassen der bürgerlichen Gesellschaft und der Klassenkampf zwischen Proletariat und Bourgeoisie verschärfen muß. Die Entwicklung des Klassenkampfes führt dazu, daß sich der innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft mehr oder minder versteckt vor sich gehende Bürgerkrieg zu einer offenen Revolution entwickelt.

Kommentar: Nach der Revolution verschärfte sich der Klassenkampf. Darauf hatte Stalin immer wieder hingewiesen, als er zu erhöhter revolutionärer Wachsamkeit mahnte. Nicht nur in der Sowjetunion, auch in der DDR wurden Sabotageakte verübt, wertvolles Material oder Maschinen gestohlen, Dokumente geklaut und Anlagen zerstört. Eine Revolution ist eben nur dann etwas wert, wenn sie sich auch zu verteidigen versteht.

Das „Manifest“ machte der Arbeiterklasse ihre Aufgabe deutlich, sich zum revolutionären Kampf gegen das Kapital zusammenzuschließen und die Bourgeoisie zu stürzen. Es zeigte, mit welchen Mitteln und auf welchem Wege die Arbeiterklasse ihre eigene Herrschaft begründen und die sozialistische und kommunistische Gesellschaft errichten muß. „Das Wichtigste in der Marxschen Lehre“, schrieb W.I. Lenin, „ist die Klarstellung der weltgeschichtlichen Rolle des Proletariats als des Schöpfers der sozialistischen Gesellschaft.“ [1] Im „Manifest“ wiesen Marx und Engels auch bereit darauf hin, daß die Arbeiterklasse, indem sie sich selbst befreit, die Voraussetzungen schafft, jegliche Ausbeutung des Menschen durch den Menschen zu beseitigen, jegliche Klassenherrschaft abzuschaffen, jegliche Unterdrückung für immer zu überwinden, und daß damit erst die eigentliche Geschichte der Menschheit beginnt.

Kommentar: Warum ausgerechnet das Proletariat die führende Rolle in diesem revolutionären Prozeß hat, hat auch Lenin hier ausführlich bewiesen. Keine Klasse der menschlichen Gesellschaft ist mehr von der Ausbeutung betroffen als die Arbeiterklasse. Sie kann allerdings erst dann zu einer revolutionären Kraft werden, wenn sie sich dieser Ausbeutung durch die Klasse der Bourgeoisie bewußt widersetzt.

Der „erste Schritt in der Arbeiterrevolution“ ist „die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse“ [2], die Eroberung der politischen Macht, erklärte das „Manifest“. Das ist ein zutiefst demokratischer Akt, denn er bedeutet die Herrschaft der Masse des werktätigen Volkes über die Minderheit der Ausbeuter. Die Arbeiterklasse muß die Staatsmacht dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, „alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staats, d.h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats, zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren“ [3]. Es ist Aufgabe des sozialistischen Staates, den ökonomischen Maßnahmen größte Aufmerksamkeit zu schenken und die Produktion in der Industrie wie in der Landwirtschaft planmäßig zu vergrößern.

Kommentar: Um es noch einmal hervorzuheben – die Eroberung der Macht ist ein zutiefst demokratischer Prozeß! Und der Staat (als Machtinstrument der herrschenden Klasse, i.d.F. des Proletariats) hat die Aufgabe, das Kapital, insbesondere die Produktionsmittel, in den Händen der Arbeiterklasse möglichst rasch zu vermehren. Denn die Arbeitsproduktivität ist das letztlich Entscheidende für den Sieg der neuen Gesellschaftsordnung!

Im „Kommunistischen Manifest“ haben Marx und Engels auch ihre Vorstellungen über Aufgaben und Weg der revolutionären proletarischen Partei dargelegt. Ohne die Partei der Arbeiterklasse, so hatten sie erkannt, kann es weder einen Erfolg im Kampf um den Sturz der Bourgeoisie und die Eroberung der politischen Macht des Proletariats noch einen erfolgreichen Aufbau des Sozialismus geben. Die Partei ist selbst Teil der Arbeiterklasse, und die Kommunisten haben „keine von den Interessen des ganzen Proletariats getrennten Interessen“ [4]. Die Partei vereint in ihren Reihen die besten Kräfte und Eigenschaften der Arbeiterklasse. Sie ist der organisierte und bewußte Vortrupp der proletarischen Massen. Ihre Aufgaben kann die revolutionäre Arbeiterpartei nur erfüllen, weil sie mit einer wissenschaftlichen Theorie ausgerüstet ist, weil sie, wie es im „Manifest“ heißt, „theoretisch vor der übrigen Masse des Proletariats die Einsicht in die Bedingungen, den Gang und die allgemeinen Resultate der proletarischen Bewegung voraus“ [5] hat.

Kommentar: …und damit ist auch die führende Rolle der Partei der Arbeiterklasse, der Kommunistischen Partei, ausreichend beschrieben. (Wobei man natürlich heute vor der Schwierigkeit steht herauszufinden, welches wirklich eine Kommunistische Partei ist, und was nur eine billige Fälschung. Wie überhaupt das Mittel der Fälschung eines der beliebtesten Betrugsmanöver der Bourgeoisie ist.)

Die Wortführer des Imperialismus und des modernen Revisionismus richten ihre antisozialistische Propaganda vor allem gegen die schon im „Kommunistischen Manifest“ entwickelten Prinzipien von der Rolle der Arbeiterklasse, ihrer Partei und der sozialistischen Staatsmacht und sprechen der Arbeiterklasse die Fähigkeit ab, die moderne Gesellschaft zu leiten. Doch die Entwicklung der Länder des sozialistischen Weltsystems zeugt davon, daß die Arbeiterklasse als führende Kraft der Gesellschaft sehr wohl befähigt ist, an der Spitze und im Bündnis mit den anderen Teilen des werktätigen Volkes die neue Welt des Sozialismus und des Kommunismus zu gestalten. Und die erfolgreiche Lösung auch der kompliziertesten Aufgaben beim Aufbau des Sozialismus unter den Bedingungen der wissenschaftlich-technischen Revolution und angesichts eines starken imperialistischen Gegners beweist: Die von Ausbeutung und Unterdrückung befreite Arbeiterklasse verfügt über unerschöpfliche Potenzen und ist zur Hauptkraft der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft geworden.

Kommentar: Daß die Arbeiterklasse dazu befähigt ist, hat die Geschichte mehrfach gezeigt. In der Sowjetunion wurde unter der Führung der Allunions-KP( B ), mit J.W.Stalin an der Spitze, in erstaunlich kurzer Zeit ein mächtiger sozialistischer Staat geschaffen, der allen Angriffen von innen und außen trotzte, und der sogar das übermächtige faschistische Deutschland bezwang, das 1941 wortbrüchig die Sowjetunion überfallen hatte. Der Sieg der Sowjetunion im Großen Vaterländischen Krieg war ein überwältigender Beweis für die Stärke und Lebenskraft des Sozialismus. Auch die DDR und die anderen sozialistischen Staaten konnten bis zur offenen Konterrevolution 1989 allen feindlichen Angriffen widerstehen.

Die Gegner der sozialistischen Revolution erklären, die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse sei überflüssig für die sozialistische Bewegung und den Sozialismus. Sie stellen Sozialismus und Partei der Arbeiterklasse einander gegenüber und entdecken ihr Herz für den Sozialismus, sofern er nur ohne die Partei existieren würde. Sozialismus und Partei der Arbeiterklasse aber sind untrennbar, und niemals waren die Führungsaufgaben der Partei der Arbeiterklasse so groß wie bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft.

Kommentar: Eine revolutionäre Partei ist überflüssig? Das ist geradezu lächerlich. Wir wissen natürlich heute auch, daß sich immer wieder auch Karrieristen, Speichellecker und andere zwielichtige Gestalten in die Reihen der Partei der Arbeiterklasse einschleichen konnten. Viele Jahre lang mußten sich die Kommunisten in der Sowjetunion mit den feindlichen Auffassungen und Aktivitäten Trotzkis und seiner Gefolgsleute auseinandersetzen. Das ist auch heute nicht anders.

Auch dem Versuch, zwischen sozialistischem Staat und sozialistischer Gesellschaft einen Gegensatz zu konstruieren und die Funktion des Staates herabzumindern, sind Marx und Engels im Grunde schon im „Manifest der Kommunistischen Partei“ entgegengetreten. Das „Manifest“ ist der Ausgangspunkt der sozialistischen Staatstheorie. In ihm haben Marx und Engels die zentralisierende, planende und regulierende Funktion des sozialistischen Staates umrissen. Im sozialistischen Staat sahen sie das wichtigste Instrument und die entscheidende politische Organisationsform der sozialistischen Gesellschaft.

Kommentar: Wir sehen also, daß das „Manifest der Kommunistischen Partei“ auch heute noch seine Gültigkeit besitzt. Ohne den Machtappart des sozialistischen Staates wird es auch in Zukunft unmöglich sein, das kapitalistische Chaos, die Anarchie der Produktion, die immer schärfer werdende Ausbeutung, die Verarmung großer Volksmassen und die Zerstörung der Umwelt zu überwinden.

Große Aktualität haben auch jene Abschnitte des „Manifestes“, in denen sich Marx und Engels mit den damals in Umlauf befindlichen falschen Vorstellungen vom Sozialismus auseinandersetzten. Fast ein ganzes Kapitel widmeten sie jenen Ideologien, die das Proletariat durch die Konstruktion unwissenschaftlicher, angeblich sozialistischer Theorien von der Erkenntnis seiner tatsächlichen Stellung und der Verwirklichung seiner geschichtlichen Aufgabe abhalten wollten. Scharfsinnig zergliederten Marx und Engels diese Literatur und zeigten, daß sich hinter dem Aushängeschild der verschiedenartigen scheinsozialistischen Systeme nur verschiedene Spielarten der bürgerlichen Ideologie verbargen, die es zu bekämpfen galt.

Kommentar: Dies wurde bereits 1984 (!) geschrieben, doch wir sehen, daß es auch heute noch eine Vielzahl irritierender und demagogischer Theorien gibt, mit denen sich die Kommunisten wohl oder übel auseinandersetzen müssen. Darunter auch solche, die von scheinbar „kommunistischen“ Gruppierungen stammen, und die nichts anderes im Schilde führen, als den Marxismus/Leninismus zu „erneuern“ oder gar zu „widerlegen“, was aber müßig ist. Denn der Marxismus/Leninismus ist kein Dogma, sondern die wissenschaftliche Weltanschauung der Arbeiterklasse. Der Kommunismus ist demnach nichts anderes als die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen unhaltbaren Zustand aufhebt.

Mit der politischen und ökonomischen Umwälzung müssen, so lehrt das „Manifest der Kommunistischen Partei“, revolutionäre Veränderungen im geistig-kulturellen und ideologischen Leben der Gesellschaft einhergehen. Die Arbeiterklasse wird nach ihrem Sieg das Bildungsprivileg der herrschenden Klasse beseitigen und die Erziehung der Kinder mit der Tätigkeit in der gesellschaftlichen Produktion verbinden. So, wie die sozialistische Revolution mit den alten Eigentumsverhältnissen brechen wird, so werden die überlieferten Ideen der alten Klassengesellschaft überwunden werden. Die sozialistische Ideologie wird zur herrschenden, alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringenden Weltanschauung.

Kommentar: Wer die DDR bewußt miterlebt hat, wer also in der DDR aufgewachsen ist, der kann das bestätigen: Er herrschte ein anderer Umgang der Menschen miteinander. Man konnte auch nachts durch den Park gehen, ohne befürchten zu müssen, überfallen zu werden. Es gab neben all den sozialen Errungenschaften der DDR (wie: absolut keine Arbeitslosigkeit, Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, kostenlose medizinische Betreuung, für jeden bezahlbaren Wohnraum, ein kinderfreundliches Land, keine Armut usw.) immerhin ein gesichertes Dasein für alle Bürger dieses Landes! Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, hieß es. Auch wenn es in der DDR zur Genüge Leute gab, denen man die Arbeit hinterhertragen mußte…

Wenn die Partei der Arbeiterklasse das Proletariat erfolgreich zum Sozialismus führen will, lehrt das „Manifest“, darf sie sich niemals sektiererisch abkapseln, sondern muß eng mit den Massen verbunden sein, sich auf sie stützen und aus ihren Erfahrungen lernen. Die Arbeiterklasse kann nicht siegen, wenn sie allein auf sich gestellt ist. Sie braucht Bundesgenossen, und das sind die anderen werktätigen Klassen und Schichten. Das Bündnis schließt aber die ständige Auseinandersetzung der Partei der Arbeiterklasse mit der bürgerlichen Ideologie und ihren Einflüssen nicht aus, sondern erfordert sie gerade.

Kommentar: Die SED verlor schließlich mehr und mehr die Verbindung zum Volk. Das war nicht zuletzt eine Folge des eingeschleppten Virus des Revisionimus, der nach dem berüchtigten XX.Parteitag der KPdSU auch andere sozialistische Länder befiel. Die SED verstand es nicht, sich mit derart sozialismusfeindlichen und revisionistischen Auffassungen hinreichend auseinanderzusetzen, und sie verlor ihre führende Rolle. Das war nicht nur eine Folge des nach 1945 einsetzenden Kalten Krieges, sondern auch das Ergebnis der gezielten Einwirkung antikommunistischer Diversion und Propaganda. Es war die Folge nachlassender revolutionärer Wachsamkeit und fehlender Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Ideologie und mit den Gegnern des sozialistischen Staates.

Mit der Eroberung der Macht durch die Arbeiter und Werktätigen, so sagten Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ voraus, beginnt ein neues Zeitalter für die Entwicklung der Völker. Die Arbeiterklasse übernimmt die Führung der Nation und gibt ihr eine völlig andersgeartete Perspektive. In einer sozialistischen Welt wird es keine blutigen Kriege mehr zwischen den Staaten geben. Verschwindet die Ursache der sozialen und politischen Klassenkämpfe im Innern der Staaten, nämlich das Privateigentum an den Produktionsmitteln, so verschwindet auch der Drang nach seiner Vermehrung auf Kosten anderer Staaten und Nationen. Marx und Engels wiesen nach, daß die gleiche Lage der Arbeiter er Länder und die sich daraus ergebenden gemeinsamen Interessen und Ziele gemeinsames Handeln und internationale Solidarität erfordern. Im „Manifest“ wurde daher erklärt, daß die Kommunisten „in den verschiedenen nationalen Kämpfen der Proletarier die gemeinsamen, von der Nationalität unabhängigen Interessen des gesamten Proletariats hervorheben und zur Geltung bringen“ [6] müssen. Marx und Engels betonten die Notwendigkeit, die Aufgaben des Proletariats eines jeden einzelnen Landes mit den allgemeinen Zielen der internationalen Arbeiterbewegung in Übereinstimmung zu bringen.

Kommentar: …damit erst einmal genug. Man kann das alles in besagter Engels-Biographie nachlesen und sich selber eine Meinung bilden. Jedenfalls wissen wir, daß die Praxis das einzige und ausschlaggebende Kriterium der Theorie ist; und es hat sich in den letzten 20 Jahren oft genug gezeigt, daß das im Staatsbürgerkundeunterricht der DDR vermittelte Wissen durch ebendiese Praxis, wie wir sie heute erleben, bestätigt wird.

[1] W.I.Lenin: Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx. In: W.I.Lenin, Werke Bd.18, S.576.
[2] Karl Marx/Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei. In: MEW, Bd.4, S.481.
[3] Ebenda.
[4] Ebenda, S.474.
[5] Ebenda.
[6] Ebenda.

Quelle:
Friedrich Engels, Eine Biographie, Dietz Verlag Berlin (DDR), 157-162.
(gelesen und mit Kommentaren versehen von mir: N.G.)

So werden Dissidenten gemacht…

Im Jahre 1978 erschien in der DDR ein sensationelles Buch von Harry Thürk: „Der Gaukler“. Es war nicht einfach nur ein Krimi, den Harry Thürk hier schrieb, als er sich den „Schwankenden“ zwischen beiden Welten zuwandte – es ist (auch heute noch!) wichtiges politisches Buch. Dieser Roman handelt von einem Schriftsteller, der für ein paar Silberlinge sich, seine Heimat und sein Volk dem Feind auslieferte und sich zum Werkzeug der CIA machen ließ. Als Vorspann dazu schrieb Harry Thürk: „Sollte der Leser in diesem Werk der Fiktion Parallelen zu ihm bekannten lebenden Personen entdecken, so wäre lediglich er selbst für einen derartigen Vergleich verantwortlich. Da der Autor jedoch Respektlosigkeit und Spürsinn gleichermaßen schätzt, versichert er jeden Leser, der im Zusammenhang mit Büchern solche Eigenschaften entwickelt, seiner vollen Sympathie.“ – Selbstverständlich waren diese Parallelen beabsichtigt. Umso mehr als derartige Machenschaften der CIA auch in der DDR erheblichen Schaden angerichtet hatten. Man muß jedoch nicht unbedingt gelesen haben, was an anderer Stelle die notorischen Feinde des Sozialismus, die Apologeten des Imperialismus, in diversen gut bezahlten Auftragswerken und Kommentaren dazu abgesondert haben. Und nicht einmal Dissertationsschriften, also dem Anschein nach wissenschaftliche (!) Veröffentlichungen, sind frei von Lügen und Verleumdungen – um so schändlicher, wenn der Autor, gegen den man referiert, bereits verstorben ist, sich also nicht mehr wehren kann. Doch das Werk von Harry Thürk spricht für sich.

Und hier nun ein Ausschnitt aus dem Buch „Der Gaukler“

Ein CIA-Dossier:
Gaukler1Gaukler2
Deadricks erster Gedanke, nachdem er den Hinweis gelesen hatte, war: Wieder so ein Sozialismusverbesserer, der uns einen Stapel Dollars kosten wird! Ein Buch, das wir subventionieren, hundert-zwanzig Vertrauensleute in der ganzen Welt, die jubelnde Rezensionen lancieren, die Vergabe von einem Dutzend Forschungsaufträgen, damit der Mann auch in die Literaturwissenschaft eingeht, und nach drei Jahren, wenn es gut geht, erst nach fünf, die Bereitstellung eines möglichst abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit gelegenen Hauses, in dem der dann Exilierte sein Leben ohne nennenswerte Störungen beschließen kann.

Einige Male haben wir das nun schon gemacht. Genau so. Das Geschäft mit den Dissidenten verspricht viel. Eingebracht hat es bislang wenig. Vielleicht brauchen wir mehr Praxis. Wie oft haben wir schon für hoffnungslose Alkoholiker Plätze in Sanatorien bezahlt? Am günstigsten kamen wir noch weg, wenn wir solche ausgebrannten Polit-Poeten bei einem Emigrantenblättchen unterbringen konnten oder bei Radio Free Europe. Ab und zu eignete sich sogar einer zum Professor für ein Institut für Sowjetologie oder wenigstens zum wissenschaftlichen Mitarbeiter.

Der Himmel allein weiß, ob wir bei diesem Spiel nicht nur zusetzen. Der große Wurf ist jedenfalls bisher ausgeblieben. Literarisch sowieso, aber eigentlich auch politisch. Die erste Welle der russischen Emigranten, damals in den zwanziger Jahren, hatte einige Literaten herbeigespült, die imstande gewesen waren, ihr Brot zu verdienen. Da gab es den alten Nabokow, der konnte die Leser mit seinen Weibergeschichten unterhalten, Kalinnikow mit seinen Sittenromanen oder Krasnow mit seinem Gruselschinken über den Bürgerkrieg. Lange ist das her! Die neuere Entwicklung hat Pasternak gebracht. Auch keine Bombe, wenn man es genau nimmt, eher eine naß gewordene Sprengladung, die mit blauer Flamme abbrennt, statt zu explodieren. Und sonst? Ein paar verärgerte Bärtige. Rasputin-Imitatoren, zuweilen mit etwas Talent, aber ohne Fleiß und ohne Ehrgeiz. Geldverdiener bestenfalls. Feuerwerkskörper, bunt schillernd, aber wenig Brisanz. Sie eignen sich beim besten Willen zu weiter nichts als zu einem bißchen Schaumschlägerei. Weiß Gott, wir könnten einen Mann gebrauchen, mit dem etwas anzufangen wäre. [1]

Sehr detailliert hat Harry Thürk beschrieben, wie in den Regiezentralen der CIA vorgegangen wird, um bspw. ein sozialistisches Land ideologisch zu unterwandern. Diese Methode war mehrfach erprobt und – sie funktionierte. So werden also Dissidenten gemacht: Mit Hilfe eines bekannten Wissenschaftlers, Schriftstellers oder einer anderen namhaften Persönlichkeit wird in einem Land, das man zu destablisieren gedenkt, eine diffamierende Legende erfunden, eine Gruselgeschichte über angebliche Verbrechen, die man der Regierung dieses Landes in die Schuhe schieben kann. Diese Story wird auf jede nur mögliche Art und Weise verbreitet. Auch spielen hier oft die abenteuerlichen Umstände ihrer Verbreitung eine Rolle. Als besonders geeignet haben sich hierfür solche „schwankenden Gestalten“, wie der im Buch beschriebene Ignat Isaakowitsch Wetrow. Es sind charakterschwache, gewissenlose und bestechliche Menschen, die sich offentlichkeitswirksam zu präsentieren verstehen, und die für eine oft lächerliche Besoldung zu jeder Schandtat bereit sind, ihrem sozialistischen Vaterland zu schaden.

Der schwedische Historiker Mario Sousa beschrieb die Hintergründe dieser Methode:
Alexander Solzhenitsyn. Another person who is always associated with books and articles on the supposed millions who lost their lives or liberty in the Soviet Union is the Russian author Alexander Solzhenitsyn. Solzhenitsyn became famous throughout the capitalist world towards the end of 1960 with his book, The Gulag Archipelago. He himself had been sentenced in 1946 to 8 years in a labour camp for counter-revolutionary activity in the form of distribution of anti-Soviet propaganda. According to Solzhenitsyn, the fight against Nazi Germany in the Second World War could have been avoided if the Soviet government had reached a compromise with Hitler. Solzhenitsyn also accused the Soviet government and Stalin of being even worse than Hitler from the point of view, according to him, of the dreadful effects of the war on the people of the Soviet Union. Solzhenitsyn did not hide his Nazi sympathies. He was condemned as a traitor.

Solzhenitsyn began in 1962 to publish books in the Soviet Union with the consent and help of Nikita Khrushchev. The first book he published was A Day in the Life of Ivan Denisovich, concerning the life of a prisoner. Khrushchev used Solzhenitsyn’s texts to combat Stalin’s socialist heritage. In 1970 Solzhenitsyn won the Nobel Prize for literature with his book The Gulag Archipelago. His books then began to be published in large quantities in capitalist countries, their author having become one of the most valuable instruments of imperialism in combating the socialism of the Soviet Union. His texts on the labour camps were added to the propaganda on the millions who were supposed to have died in the Soviet Union and were presented by the capitalist mass media as though they were true. In 1974, Solzhenitsyn renounced his Soviet citizenship and emigrated to Switzerland and then the US. At that time he was considered by the capitalist press to be the greatest fighter for freedom and democracy. His Nazi sympathies were buried so as not to interfere with the propaganda war against socialism. [2]

Übersetzng:
Aleksander Solschenitzyn. Eine andere Person, die immer wieder mit Büchern und Artikeln über die angeblichen Millionen von Opfern verbunden wird, die ihr Leben oder ihre Freiheit in der Sowjetunion verloren haben sollen, ist der russische Autor Aleksander Solschenizyn. Gegen Ende der 1960er Jahre wurde Solschenizyn mit seinem Buch „Archipel Gulag“ überall in der kapitalistischen Welt berühmt. Er selbst war 1946 wegen der Verteilung antisowjetischer Propaganda zu 8 Jahren in einem Arbeitslager für konterrevolutionäre Aktivitäten verurteilt worden. Solschenizyn zufolge hätte der Kampf gegen Nazideutschland im zweiten Weltkrieg vermieden werden können, wenn die sowjetische Regierung mit Hitler einen Kompromiß erreicht hätte. Solschenizyn klagte auch die sowjetische Regierung und Stalin an, vom Standpunkt der schrecklichen Wirkungen des Kriegs auf das Volk der Sowjetunion, noch schlimmer als Hitler zu sein. Solschenizyn versteckte seine Sympathien für die Nazis nicht. Er wurde als Verräter verurteilt.

Im Jahre 1962 begann Solschenizyn, mit Zustimmung und mit Hilfe von Nikita Chruschtschow in der Sowjetunion Bücher herauszugeben. Das erste Buch, das er herausgab, war „Ein Tag im Leben von Iwan Denisowitsch“, welches vom Leben eines Gefangenen handelte. Chruschtschow selbst verwendete Solschenizyns Texte, um das sozialistische Erbe Stalins zu bekämpfen. Im Jahr 1970 erhielt Solschenizyn für sein Buch „Archipel Gulag“ den Nobelpreis für Literatur. Daraufhin wurden seine Bücher in den kapitalistischen Ländern in großen Mengen herausgegeben, und damit wurde ihr Autor eines der wertvollsten Instrumente des Imperialismus bei der Bekämpfung des Sozialismus in der Sowjetunion. Seine Texte über die Arbeitslager wurden der Propaganda hinzugefügt, über angeblich in der Sowjetunion gestorbene Millionen, die von den kapitalistischen Massenmedien dargestellt wurden, als ob sie wahr wären. Im Jahr 1974 verzichtete Solschenizyn auf seine sowjetische Staatsbürgerschaft und wanderte in die Schweiz und dann die USA aus. In dieser Zeit wurde er von der kapitalistischen Presse als der größte Kämpfer für Freiheit und Demokratie gefeiert. Seine Sympathie für die Nazis wurde so verschwiegen, um sich damit nicht im Propagandakrieg gegen Sozialismus zu vermischen.

Auch Fursenko greift zur Stalinismus-Keule

Noch ist dieses demagogische Werkzeug nutzbar. Auf Anweisung des Ministers für Bildung und Wissenschaft der Russischen Föderation, Andrej Fursenko, wurde der obligatorische Bildungsinhalt auf dem Gebiet der russischen Literatur des 20. Jahrhunderts um das Studium von Ausschnitten aus dem Roman A.N.Solschenizyns „Archipel GULAG“ erweitert.
FursenkoSowjet-Feind Fursenko

Damit wurde das Studium dieses Romanes für alle russischen Schüler der oberen Klassen obligatorisch. Die Absicht ist klar: Zuerst riß man Stalin vom Sockel, dann Lenin und die Helden des Großen Vaterländischen Krieges, und nun präsentiert man der Jugend neue Figuren: sogenannte „Bürgerrechtler“ und „Dissidenten“. Bleibt abzuwarten, ob die Jugend sich betrügen läßt. Erinnern wir uns an ein Wort Abraham Lincolns: „Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allzeit, aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht.“

Quellen:
[1] Harry Thürk, Der Gaukler, Verlag Das Neue Berlin (DDR), 1979, 2 Bd., S.1-13.
[2] Mario Sousa, Lies concerning th history of the Soviet Union,
siehe: www.mariosousa.se

Siehe auch:
Sag mir, wo Du stehst…
Die Konterrevolution in der DDR und ihre Handlanger

Anmerkung:
Noch widerwärtiger ist allerdings der Verrat. Gemeint sind jene Typen, die sich, als es die DDR noch gab, als 150prozentige „Genossen“ und Sachwalter des Kommunismus aufspielten, die aber dann sehr schnell die Fahne wechselten, als es „andersherum“ kam, und als die Konterrevolution gesiegt hatte. Es waren diejenigen staatlichen Leiter, die, um ihre Haut zu retten, unmittelbar in den Dienst westlicher Kapitalisten eintraten. Es waren diejenigen Offiziere der NVA, die gleich 1990 und kurz nachdem sie ihre Dienstwaffe abgegeben hatten, ausgerüstet mit dem Gorbatschowschen „Neuen Denken“ und mit neuen Schulterstücken nach Köln zu Bundeswehrlehrgängen reisten, und diejenigen MfS-Mitarbeiter, die ihr Wissen dem Klassenfeind verkauften: es gab sie immer diese Verräter, und mit ihnen mußte man rechnen…

Gibt es heute noch eine Arbeiterklasse?

Es herrschen harte Zeiten. In zunehmendem Maße machen sich darüber vor allem diejenigen Gedanken, die ein Mindestmaß an Bildung genossen haben, und die gewohnt sind, Erscheinungen zu hinterfragen, die versuchen, den Dingen auf den Grund zu gehen. Doch das ist keineswegs selbstverständlich, denn die Masse der Arbeiter wird das nicht tun. (Siehe: Vom Arbeiter zum Arbeitsuntertan ) Und man mag darüber rätseln, ob es nun heute eine Arbeiterklasse gibt, oder ob sie gar verschwunden ist. Tatsache ist: Die Struktur und das Format der Klasse hat sich verändert. Ebenso ihr Organisationsgrad und vor allem auch das Klassenbewußtsein. Wie frei ist unser Leben? – fragt das von Vera Achenbach und Peter Katzer 1980 herausgegebene Handbuch „Grundwissen für junge Sozialisten“. Man sieht, die Geschichte ist also keineswegs neu.

»Soziale Marktwirtschaft« oder Klassengesellschaft?
Kein Tag vergeht, ohne daß man zu hören bekommt, was die Gesellschaft der Bundesrepublik alles ist: eine »Wohlstandsgesellschaft«, eine »Mittelstandsgesellschaft«, eine »Freizeitgesellschaft«, eine »moderne Industriegesellschaft«. Aber zu allererst ist sie, folgt man Presse, Funk und Fernsehen, eine »soziale Marktwirtschaft«. »Soziale Marktwirtschaft« – das ist die Grundlage aller aufgezählten Gesellschaftsbegriffe, das ist das besondere, was die Bundesrepublik gerade unterscheidet von dem, was es laut Schulbüchern und Zeitungen vielleicht im 19. Jahrhundert gegeben haben mag: eine Klassengesellschaft. Darin sind sich alle einig – die Politiker der Bundestagsparteien, die Repräsentanten der Unternehmerverbände, der Boß vom Großbetrieb und der kleine Krauter von nebenan. Und sogar viele Arbeiter und Angestellten sind der Meinung: Klassengesellschaft? Heute doch nicht! Früher, ja, aber jetzt ist das anders. Zwar gibt es ohne Frage viel Ungerechtigkeit, Vermögensunterschiede, Bildungsunterschiede, denen man mit Reformen und Kampf um »Chancengleichheit« zu Leibe rücken muß. Aber mit Klassengesellschaft, mit Ausbeutung hat das nichts zu tun. Das ist die weitverbreitete Meinung; auch unter Jugendlichen – denn schließlich ist das die Auffassung, die man täglich liest und in der Schule zu hören bekommt.

In einem Rundbrief eines Unternehmerinstituts heißt es dazu: »Gewiß wäre es falsch, die vorhandenen Interessengegensätze zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern zu leugnen. Aber nicht minder falsch wäre es, sie zu verabsolutieren, wie die Marxisten es tun. « (Egon Tuchfeldt, Vortragsreihe des Instituts der deutschen Wirtschaft, Nr. 33/1977; Die soziale Dimension der Marktwirtschaft, S.2)

Klassengegensätze
Gibt es heute eigentlich noch Klassengegensätze? Die mehr oder minder rhetorisch gemeinte Frage dürfte sich erübrigen, wenn man danach fragt, wodurch sich Klassen unterscheiden.

»Arbeitnehmer« und »Arbeitgeber« — wer nimmt und wer gibt?
Alles wird in unserer Gesellschaft gehandelt, für alles gibt es einen Markt: Brot und Gemüse, Kleider, Autos, Maschinen, Gebäude und Fabrikanlagen. Auch mit Arbeitskräften, also der Arbeitskraft von »Arbeitnehmern«, wird gehandelt; für sie gibt es einen besonderen Markt, den Arbeitsmarkt. Heute ist dieser Arbeitsmarkt mit dem früherer Zeiten freilich nicht zu vergleichen. In der Antike, oder später in den USA, war das ein richtiger Markt, auf dem Sklaven verkauft wurden. Vor dem Kauf konnten die Sklavenhalter sich von der »Güte« der Ware überzeugen: die Muskeln prüfen und feststellen, wie lange dieser oder jener Sklave wohl auf ihren Landgütern würde arbeiten können. Konnten sie ihn gebrauchen, so kauften sie ihn – mit Haut und Haar im wortwörtlichen Sinne. Sklaven galten daher im alten Griechenland auch nicht als Menschen, sondern sie waren eine Sache, die man kaufen konnte, um sie zu verbrauchen.

Wie sieht der heutige Arbeitsmarkt aus?
Arbeiter und Angestellte sind keine Sklaven, auch wenn sie manchmal so behandelt werden. Arbeiter und Angestellte sind kein Eigentum des Unternehmers. Aber sie sind an ihren Arbeitsvertrag gebunden. Den müssen sie einhalten und der sieht vor, daß sie für eine bestimmte Zeit – etwa acht Stunden am Tag oder vierzig oder zweiundvierzig Stunden in der Woche – in der Werkhalle oder dem Büro, am Schreibtisch oder hinter dem Verkaufsstand arbeiten müssen und daß sie in dieser Arbeitszeit den Anweisungen ihrer Vorgesetzten Folge zu leisten haben. Dafür erhalten sie als Entgelt Lohn oder Gehalt. Wer ist bei diesem Handel auf dem Arbeitsmarkt Käufer, wer Verkäufer und was wird gehandelt?

Vertauschte Begriffe
Die Begriffe »Arbeitgeber« und »Arbeitnehmer« legen nahe, daß der Unternehmer »Arbeit gibt« und Arbeiter und Angestellte »Arbeit nehmen«. Auch in der Umgangssprache sagt man: »Jemand nimmt eine Arbeit an«. Aber diese Begriffe stellen das Verhältnis gerade auf den Kopf. Arbeiter und Angestellte »nehmen« nicht Arbeit, sondern sie verkaufen dem Unternehmer ihre Arbeitskraft, ihre Fähigkeit, Arbeit zu verrichten. Der Preis, den der Unternehmer für diese Ware, für die Arbeitskraft, bezahlen muß, ist der Lohn oder das Gehalt. Der Arbeitsvertrag ist sozusagen die Verkaufsurkunde, in der festgelegt wird, was (die Arbeitskraft) in welcher Menge (für welche Arbeitszeit) und zu welchem Preis (Lohn- oder Gehaltshöhe) verkauft wird. Mit dem Kauf der Arbeitskraft geht an den Unternehmer das Recht, diese Arbeitskraft zu seinem Nutzen zu gebrauchen, sie zu konsumieren.

Schematisch zusammengefaßt: Arbeiter und Angestellte, also alle, die von nichts anderem als Lohn oder Gehalt leben müssen, verkaufen ihre Arbeitskraft. Das ist die Befähigung, Arbeit zu verrichten. Der Unternehmer kauft diese Arbeitskraft und bezahlt sie mit Lohn oder Gehalt. Dies ist der Preis, die Arbeitskraft die Ware. Nachdem dieses Geschäft abgeschlossen ist, also der Arbeitsvertrag unterzeichnet ist, gehört das von Arbeitern und Angestellten in ihrer Arbeitszeit hergestellte Produkt oder die ausgeführte Dienstleistung dem Unternehmer. Der Unternehmer eignet sich das Arbeitsprodukt an.

Ein Einwand
An dieser Stelle hört man oft einen gewichtigen Einwand. Er lautet: der Unternehmer bezahlt nicht, wie behauptet, die Arbeitskraft der Lohn- und Gehaltsempfänger, sondern er bezahlt ihnen exakt das, was sie geleistet haben: ihre Arbeit. Wer mehr leistet, bekommt mehr, wer weniger leistet, weniger. Dieses Argument stimmt scheinbar mit dem alltäglichen Erleben überein: Du gehst für acht Stunden in den Betrieb und bekommst deine Arbeit bezahlt. Wer würde schon umsonst arbeiten, sich seine Arbeit nicht bezahlen lassen?

Aber dieser Einwand ist nicht stichhaltig. Warum?
Wenn der Kapitalist dem Arbeiter genau das bezahlte, was ihm der Arbeiter – angeblich – verkauft, nämlich seine Arbeit, wie sollte man dann die gewaltigen Besitz- und Eigentumsunterschiede unter den Menschen in der Bundesrepublik erklären?

Wie wäre dann zu erklären, daß eine von der Bundesregierung selbst in Auftrag gegebene Untersuchung 1971 sozusagen amtlich feststellte, daß ganze 1,7 Prozent der privaten Haushalte rund drei Viertel des Produktivvermögens in Händen hielten.

Wie sollte man sich dann erklären, daß es heute auf der einen Seite fast sechs Millionen Menschen in der Bundesrepublik gibt, deren Einkommen nach offiziellen Angaben unter den Bedarfssätzen der Sozialhilfe liegt, während sich andererseits in der Zeit von 1963 bis 1972 die Zahl der trotz aller steuerlichen Manipulationsmöglichkeiten noch erfaßten Vermögensmillionäre auf rund 22.000 verdoppelte?

Würden Arbeiter und Angestellte wenigstens in der Regel und im Durchschnitt den Wert ihrer Arbeit bezahlt bekommen, niemand könnte sich an ihrer Arbeit bereichern, niemand könnte auf ihre Kosten leben, niemand könnte Millionen anhäufen. Wo sollten sie schließlich herkommen? Alle Werte, die erzeugt würden, flössen an die zurück, die sie schaffen. Aber daß dem nicht so ist, daß es auf der einen Seite Millionäre gibt und auf der anderen Seite Millionen von Familien, die mit ihrem Einkommen »gerade so klar kommen«, die am Monatsletzten nichts mehr im Portemonnaie oder auf der Sparkasse haben und auf jede größere Anschaffung sparen müssen, das weiß eigentlich jeder.

Lenin Klassen

Woher kommt also die ungleiche Verteilung des Reichtums?
Die menschliche Arbeitskraft hat eine besondere, nützliche Eigenschaft: Sie kann einen größeren Wert erzeugen, als zu ihrer Erhaltung notwendig ist. Sie schafft neue Werte. Ein Industriearbeiter mit einem Nettolohn von 1.300 € im Monat stellt durch seine Arbeit Produkte her, deren Wert nach Abzug der verbrauchten Roh- und Hilfsstoffe und der Maschinenabnutzung weitaus höher liegt. Aber er bekommt nicht diesen höheren Wert seines Arbeitsproduktes (oder seiner Arbeit), sondern nur seinen Lohn von 1.300 € – den Gegenwert seiner Arbeitskraft. Denn so viel Euro braucht er etwa, um sich (und, mit seiner Frau, die voraussichtlich auch arbeiten wird, die Familie) zu ernähren, die Wohnung zu bezahlen usf.

Was verstehen wir unter Ausbeutung?
Diese nützliche Eigenschaft der menschlichen Arbeitskraft – einen größeren Wert zu erzeugen, als zu ihrer Erhaltung notwendig ist – interessiert den Unternehmer. Er kauft die Arbeitskraft, erhält somit das Recht, sie zu verbrauchen (den Arbeiter oder Angestellten arbeiten zu lassen), und kann sich die verrichtete Arbeit und deren Produkt aneignen. Sie gehören ihm, sind Quelle seines wachsenden Reichtums. Der wissenschaftliche Begriff für diese Aneignung lautet Ausbeutung – dieser Begriff ist also keineswegs ein politisches Schimpfwort, sondern eine sachliche, nüchterne Bezeichnung.

Und was ist Kapital?
Das Geld, das der Unternehmer für Rohstoffe, Maschinen und Arbeitskräfte ausgegeben hat, sein Kapital, wird durch die menschliche Arbeit vermehrt. Denn der von Arbeitern und Angestellten erzeugte Wert ist größer als der Wert ihrer Arbeitskraft, die der Unternehmer mit Lohn und Gehalt bezahlt hat. Man bezeichnet den Unternehmer daher als Kapitalisten, als Eigentümer von Kapital, mit dessen Hilfe er sich das Produkt der Arbeit seiner Beschäftigten aneignet.

Quelle:
V.Achenbach / P.Kratzer, Grundwissen für junge Sozialisten, Herausgegeben vom Bundesvorstand der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ), Weltkreis-Verlag Dortmund, 1980, S.11-18.

P.S. Natürlich ist die Arbeiterklasse heute nicht mehr so organisiert, wie vielleicht vor 50-70 Jahren, natürlich gibt es heute keine Arbeiterpartei mehr, die dieses Namens würdig wäre, und natürlich ist das Proletariat gespalten von Arbeiteraristokratie bis Lumpenproletariat *. Der oftmals verwendete Begriff „Prekariat“ sagte nicht über die Klassenzugehörigkeit aus – er ist einfach eine Bezeichnung für die verarmten Bevölkerungsschichten. Doch nach wie vor bleibt das Proletariat die (zumindest potentiell) revolutionärste Klasse. Denn sie ist die am meisten ausgebeutete und mit der materiellen Produktion unmittelbar verbundene Klasse. Auch wenn die Proletarier durch ein raffiniertes Schichtsystem gezwungen sind, nach der Schicht einzeln oder nur in kleinen Gruppen ihren Betrieb zu verlassen, auch wenn sie sich heute nicht mehr versammeln, um sich über ihre Probleme auszutauschen. Sozialistisches Bewußtsein (so sagte Stalin) muß man erst in die Klasse hineintragen. Klassenbewußtsein und die Macht der Arbeiterklasse erweist sich erst in den Klassenkämpfen der Zeit…

Siehe dazu:
Wer gehört eigentlich zur Arbeiterklasse?
Kleines Politisches Wörterbuch: Was ist eine Klasse?
Bilder des Proletariats: Protestdemonstrationen zum ersten Mai 2012
Klassenbewußtsein: Woher kommt sozialistisches Bewußtsein?
Woher kommt der Reichtum?

* Eine sehr gute Begriffserklärung findet sich auch hier:
Deutschlandleaks: Was ist Lumpenproletariat?