Lenin: Eine neue, eine bessere Gesellschaft…

Lange genug haben die Arbeiter Tag für Tag ihren Rücken gekrümmt, sind oft mehrere Kilometer gefahren, um überhaupt arbeiten zu dürfen. Lange genug haben sie sich von Leiharbeiterfirmen wie die Sklaven ausbeuten lassen. Lange genug haben sich die Arbeiter um ihre geleisteten Überstunden betrügen lassen. Lange genug mußten sich die Arbeiter von ihren Chefs wie dumme Kinder behandeln lassen. Wer aufmuckt, der fliegt raus! Und reiht sich ein in das Heer der Arbeitslosen und Hartz4-Empfänger. Und lange genug haben sich die Arbeitslosen von der sogenannten Agentur für Arbeit verschaukeln lassen. Lange genug mußten die Millionen des Arbeitsvolkes mit ansehen, wie von ihrem Geld Paläste, Villen, Autobahnen und Bankgebäude gebaut wurden. Wieviele Milliarden wurden da oft versenkt! Lange genug wurde das Volk von den Medien an der Nase herumgeführt. Lange genug wurde das Volk schon in der Schule verdummt. Lange genug mußten die Arbeiter Beschimpfungen und Verdächtigungen über sich ergehen lassen. Und lange genug hat man ihnen Honig ums Maul geschmiert und kleine Zugeständnisse gewährt, damit sie ruhig blieben. Und lange genug wurde jeder Protest schon im Keime erstickt. Lange genug…

Es ist an der Zeit, daß sich hier etwas ändert! Doch bevor man sich diesem Gedanken Lenins anschließen kann, muß man zunächst verstehen, warum es nicht möglich ist, dieses ökonomische System, diese Marktwirtschaft, diese ach so freiheitliche Ordnung zu reformieren. Es ist nicht möglich, nur ein bißchen umzuverteilen. Arbeiter, glaubt diesen Lügen nicht, die euch die Kapitalisten, die Politbürokraten und ihre Speichellecker von der Linkspartei erzählen!

Marx sagte: Wir wollen das Privateigentum abschaffen; die Produktionsmittel gehören in die Hände des Volkes. Man muß den Reichen ihre Macht entreißen. Und Lenin sagte: Wir wollen eine neue, eine bessere Gesellschaft!

Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Lenin: Eine neue GesellschaftQuelle:
W.I.Lenin: An die Dorfarmut, in: W.I.Lenin, Werke Bd.6, Dietz Verlag Berlin, 1956, S.362.

W.I Lenin: „Wir dürfen uns von der Kirchhofruhe in Europa nicht täuschen lassen…“

Ein Vortrag über die Revolution von 1905
von W.I. Lenin (gehalten im Januar 1917)

Jugendgenossen, Parteigenossen und -genossinnen!
Wir feiern heute den zwölften Jahrestag des „blutigen Sonntags“, der mit Recht als Beginn der russischen Revolution betrachtet wird. Tausende von Arbeitern – wohlgemeint keine Sozialdemokraten, sondern religionsfromme, kaiserfromme Leute – unter der Führung des Priesters Gapon gehen von allen Stadtteilen aus zum Zentrum der Hauptstadt, zum Platze vor dem Winterpalast, um dem Zaren eine Petition zu überreichen. Die Arbeiter gehen mit Heiligenbildern, und ihr damaliger Führer Gapon versicherte dem Zaren schriftlich, er bürge ihm für die Unverletzlichkeit seiner Person und bitte ihn, vor dem Volke zu erscheinen.
I. Wladimirow - Blutsonntag 1905
I. Wladimirow – Erschießung der Arbeiter 1905

Das Militär wird aufgeboten. Ulanen und Kosaken greifen die Menge mit der blanken Waffe an, es wird geschossen gegen die waffenlosen Arbeiter, die auf den Knien die Kosaken anflehten, sie zum Kaiser zu lassen. Nach polizeilichen Mitteilungen gab es mehr als tausend Tote, mehr als zweitausend Verwundete. Die Erbitterung der Arbeiter war unbeschreiblich. Das ist das allgemeine Bild des 22. Januar 1905, des blutigen Sonntags. (…) Eben in diesem Erwachen der ungeheuren Volksmassen zum politischen Bewußtsein und zu revolutionärem Kampfe besteht die geschichtliche Bedeutung des 22. Januar 1905.

Der Irrtum der Reformisten

„Es gibt noch kein revolutionäres Volk in Rußland“ – so hat zwei Tage vor dem „blutigen Sonntag“ der damalige Führer der russischen Liberalen geschrieben, Herr Peter Struve, der damals ein illegales, freies, ausländisches Organ herausgab. So absurd erschien diesem „hochgebildeten“, hochnäsigen und hochdummen Führer der bürgerlichen Reformisten die Idee, daß ein analphabetisches Bauernland ein revolutionäres Volk gebären kann! So fest waren die damaligen – ganz wie die heutigen – Reformisten davon überzeugt, daß eine wirkliche Revolution unmöglich sei! (…)

Plötzlich kam alles ganz anders…

In einigen Monaten sah es vollständig anders aus! Hunderte revolutionäre Sozialdemokraten wuchsen „plötzlich“ zu Tausenden an, Tausende wurden zu Führern von 2 bis 3 Millionen Proletariern. Der proletarische Kampf erzeugte eine große Gärung, teilweise eine revolutionäre Bewegung, innerhalb der Masse von 50 bis 100 Millionen Bauern, die Bauernbewegung erzeugte Sympathie im Heere und führte zu Militäraufständen, zu bewaffneten Kämpfen eines Teiles des Heeres gegen einen anderen Teil. So geriet das ungeheure Land mit 130 Millionen Einwohnern in die Revolution, so ist aus dem schlafenden Rußland das Rußland des revolutionären Proletariats und des revolutionären Volkes entstanden.

Wie die Revolution begann

Diesen Übergang gilt es zu studieren, seine Möglichkeit, seine sozusagen Methoden oder Wege gilt es zu begreifen. Das wichtigste Mittel dieses Übergangs war der Massenstreik. Die Eigentümlichkeit der russischen Revolution besteht eben darin, daß sie nach ihrem sozialen Inhalte eine bürgerlich-demokratische, nach ihren Kampfesmitteln aber eine proletarische war. Sie war bürgerlich-demokratisch, weil das, was sie unmittelbar erstrebte und unmittelbar, mit ihren eigenen Kräften, erreichen konnte, die demokratische Republik, Achtstundentag, Konfiskation des enormen Großgrundbesitzes der Adligen war – alles Maßnahmen, die die bürgerliche Revolution in Frankreich in den Jahren 1792 und 1793 zum großen Teil verwirklicht hat.

Das Proletariat als führende Kraft

Die russische Revolution war gleichzeitig eine proletarische nicht nur in dem Sinne, daß das Proletariat die führende Kraft, die Avantgarde der Bewegung darstellte, sondern auch in dem Sinne, daß das spezifisch proletarische Kampfesmittel, nämlich der Streik, das Hauptmittel der Aufrüttelung der Massen und das am meisten Charakteristische im wellenmäßigen Gang der entscheidenden Ereignisse bildete. Die russische Revolution ist die erste – sie wird sicher nicht die letzte – große Revolution in der Weltgeschichte sein, in der der politische Massenstreik eine ungemein große Rolle spielte. Ja, man kann nicht einmal die Vorgänge der russischen Revolution, den Wechsel ihrer politischen Formen verstehen, ohne die Grundlage dieser Vorgänge und dieses Wechsels in der Statistik der Streiks zu suchen.

Ein wenig Statistik

Ich weiß sehr wohl, wie ungeeignet die trockenen statistischen Zahlen zu einem mündlichen Vortrag sind, wie sie die Zuhörer abschrecken können. Ich kann aber nicht umhin, Ihnen ein paar abgerundete Zahlen mitzuteilen, damit Sie die wirkliche, objektive Grundlage der ganzen Bewegung würdigen können. Die jährliche Durchschnittszahl der Streikenden in Rußland während zehn Jahren vor der Revolution war 43.000. Also die Gesamtsumme der Streikenden in einem ganzen Jahrzehnt vor der Revolution – 430.000. Im Januar 1905, in dem ersten Monat der Revolution, war die Zahl der Streikenden 440 000. Also in einem einzigen Monate mehr als im ganzen verflossenen Jahrzehnt! In keinem kapitalistischen Lande der Welt – selbst in den vorgeschrittensten Ländern so wie England, den Vereinigten Staaten Amerikas, Deutschland – hat die Welt je eine so große Streikbewegung erlebt wie in Rußland im Jahre 1905. Die Gesamtzahl der Streikenden war 2 Millionen 800 Tausend, mehr als anderthalb mal so groß wie die Gesamtsumme der Fabrikarbeiter! Das beweist natürlich nicht, daß die städtischen Fabrikarbeiter in Rußland gebildeter oder stärker oder kampfesfähiger waren als ihre Brüder in Westeuropa. Das Gegenteil davon ist wahr.

…eine hundertmal größere Kampfeskraft

Das beweist aber, wie groß die schlummernde Energie des Proletariats überhaupt sein kann. Das beweist, daß in einer revolutionären Periode das Proletariat eine – ich sage es ohne jegliche Übertreibung, auf Grund der genauesten Daten der russischen Geschichte –, eine hundertmal größere Kampfeskraft entwickeln kann als zu gewöhnlichen, ruhigen Zeiten. Das beweist, daß die Menschheit bis zum Jahre 1905 noch nicht gewußt hat, wie enorm, wie großartig die Steigerung der Kräfte des Proletariats sein kann und sein wird, wenn es gilt, wirklich um große Ziele, wirklich revolutionär zu kämpfen! Die Geschichte der russischen Revolution zeigt uns, daß es eben die Avantgarde, die Elite der Lohnarbeiterschaft gewesen ist, die mit größter Zähigkeit und mit größtem Opfermut den Kampf führte. Je größer der Umfang der Fabriken, desto ausdauernder waren die Streiks, desto öfter die Fälle der Wiederholung der Streiks in einem und demselben Jahre. Je größer die Stadt, desto höher die Rolle des Proletariats im Kampfe. Drei große Städte, die die intelligenteste und zahlreichste Arbeiterschaft besitzen, nämlich Petersburg, Riga und Warschau, zeigen eine ungemein höhere Zahl der Streikenden im Verhältnis zur Gesamtzahl der Arbeiter als alle anderen Städte, geschweige das platte Land. (…)

Je höher die Wellen, desto rücksichtsloser die reaktionären Kräfte

Die Reaktion rüstete sich zum Kampfe gegen die Revolution mit um so größerer Energie und Rücksichtslosigkeit, je höher die Wellen der Bewegung gingen. Es bewährte sich in der russischen Revolution 1905 das, was im Jahre 1902 in seiner Schrift über die „Soziale Revolution“ Karl Kautsky geschrieben hat (er war damals noch – beiläufig gesagt – ein revolutionärer Marxist und kein Verteidiger der Sozialpatrioten und der Opportunisten, wie heute). Er schrieb nämlich: „… Die kommende Revolution … wird weniger einer plötzlichen Empörung gegen die Obrigkeit und mehr einem lang dauernden Bürgerkrieg gleichen…“ So ist es auch gekommen! So wird es auch ganz sicher in der kommenden europäischen Revolution sein! (…)

Wir dürfen uns nicht durch die jetzige Kirchhofruhe in Europa täuschen lassen. Europa ist schwanger mit der Revolution. Die furchtbaren Greuel des imperialistischen Krieges, die Schrecknisse der Teuerung erzeugen überall revolutionäre Stimmung, und die herrschenden Klassen, die Bourgeoisie, und ihre Vertrauensleute, die Regierungen, sie geraten immer mehr und mehr in eine Sackgasse, aus der sie Überhaupt ohne größte Erschütterungen keinen Ausweg finden können. Wie die Volkserhebung in Rußland im Jahre 1905 unter der Führung des Proletariats gegen die zaristische Regierung zum Zwecke der Eroberung einer demokratischen Republik entstand, so werden kommende Jahre eben im Zusammenhange mit diesem Raubkriege die Volkserhebungen in Europa unter der Führung des Proletariats, gegen die Macht des Finanzkapitals, gegen die Großbanken, gegen die Kapitalisten erstehen lassen, und diese Erschütterungen können nicht anders als durch Expropriation der Bourgeoisie, als durch den Sieg des Sozialismus zu Ende kommen.

Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben. Aber ich glaube mit großer Zuversicht die Hoffnung aussprechen zu dürfen, daß die Jugendlichen, die so ausgezeichnet in der sozialistischen Bewegung der Schweiz und der ganzen Welt arbeiten, daß sie das Glück haben werden, nicht nur zu kämpfen, sondern auch zu siegen in der kommenden proletarischen Revolution.

Geschrieben
vor dem 9. (22-) Januar 1917
in deutscher Sprache.
Zum erstenmal veröffentlicht
am 22. Januar 1925
in der „Prawda“ Nr. 18.
Unterschrift: N. L e n i n.
Werke, Bd.23, S.244-262.

(Gekürzt und mit Zwischenüberschriften versehen, Hervorheb. von mir, N.G.)
P.S. Lenin war damals 46 Jahre alt. Er hielt diesen Vortrag am 9. Januar 1917 im Züricher Volkshaus in einer Versammlung der schweizerischen Arbeiterjugend in deutscher Sprache.

Siehe auch:
Wie kam es eigentlich zur Oktoberrevolution?
Frunse: Über Strategie und Taktik der Revolution

W.I. Lenin: Unser Programm

Bereits 20 Jahre vor der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution befaßte sich Lenin mit Fragen der Organisation einer revolutionären Arbeiterpartei in Rußland. Nun muß man sagen, daß Rußland zu jener Zeit ein sehr rückständiges, wenngleich rohstoffreiches Agrar-Industrieland war, dessen Volk nicht nur von der eigenen Bourgeoisie, von den Kulaken, Bojaren und zaristischen Blutsaugern im Bunde mit den Popen ausgebeutet wurde, sondern das auch auch zunehmend Ziel ausländischer Raubritter, des international aufkommenden Monopolkapitals, wurde. Zudem war die Arbeiterklasse keineswegs so organisiert, als daß man hätte einen Aufstand gegen die sich ständig verschärfende Ausbeutung erwarten können. Es gab kleinere regionale Kämpfe, vereinzelte Proteste, es gab ständige Verhaftungen und Verbannungen revolutionärer Kräfte – von einer vereinten Arbeiterklasse und der führenden Rolle einer revolutionären Partei konnte damals keine Rede sein.
Der russische Karren
Der russiche Karren

Die Auseinandersetzungen des Proletariats mit der Bourgeoisie trugen in Rußland allenfalls ökonomischen Charakter. Es waren keine politischen Kämpfe, die das herrschende System in Frage stellen konnten. Unter diesem Gesichtspunkt sind auch heute wieder Lenins Feststellungen und Anmerkungen von großer Aktualität. Man lese statt „Sozialdemokratie“ – „kommunistische Bewegung“ und vergleiche das damalige Rußland einmal mit einem beliebigen europäischen Land (wobei es in Rußland heute nicht anders ist!), und gewisse Parallelen werden sich nicht verleugnen lassen… (Zwischenüberschriften von mir, N.G.).

UNSER PROGRAMM
von W.I. Lenin

Die internationale Sozialdemokratie macht gegenwärtig ideologische Schwankungen durch. Bisher galten die Lehren von Marx und Engels als die feste Grundlage der revolutionären Theorie – nunmehr werden überall Stimmen laut, diese Lehren seien unzulänglich und veraltet. Wer sich einen Sozialdemokraten nennt und mit einem sozialdemokratischen Organ an die Öffentlichkeit treten will, muß seine Haltung zu dieser Frage, die bei weitem nicht nur die deutschen Sozialdemokraten allein bewegt, genau bestimmen.

Was der Marxismus uns gelehrt hat

Wir stehen völlig auf dem Boden der Marxschen Theorie: erst sie hat den Sozialismus aus einer Utopie zur Wissenschaft gemacht, hat diese Wissenschaft auf feste Grundlagen gestellt und den Weg vorgezeichnet, der beschriften werden muß, um diese Wissenschaft weiterzuentwickeln und in allen Einzelheiten auszuarbeiten. Sie hat das Wesen der modernen kapitalistischen Wirtschaft aufgedeckt, indem sie klarstellte, auf welche Weise die Versklavung von Millionen Besitzloser durch eine Handvoll Kapitalisten, die den Grund und Boden, die Fabriken, die Bergwerke usw. besitzen, durch die Lohnarbeit, den Kauf der Arbeitskraft, verhüllt wird. Sie hat gezeigt, daß die ganze Entwicklung des modernen Kapitalismus dahin geht, den Kleinbetrieb durch den Großbetrieb zu verdrängen, und Bedingungen schafft, die eine sozialistische Gesellschaftsordnung möglich und notwendig machen. Sie hat gelehrt, unter der Hülle eingewurzelter Sitten, politischer Intrigen, verzwickter Gesetze, schlau erdachter Lehren den Klassenkampf zu sehen, den Kampf zwischen den besitzenden Klassen aller Art und der Masse der Besitzlosen, dem Proletariat, das an der Spitze aller Besitzlosen steht. Sie hat die wirkliche Aufgabe der revolutionären sozialistischen Partei klargelegt: nicht Pläne zur Umgestaltung der Gesellschaft zu erfinden, nicht den Kapitalisten und ihren Lakaien Predigten zu halten über eine Verbesserung der Lage der Arbeiter, nicht Verschwörungen anzuzetteln, sondern den Klassenkampf des Proletariats zu organisieren und diesen Kampf zu leiten, dessen Endziel die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat und die Organisierung der sozialistischen Gesellschaft ist.

Was wir aus der Geschichte lernen können

Und nun fragen wir: Was haben denn jene großmäuligen „Erneuerer“ der Theorie … Neues zu dieser Theorie beigetragen? Rein gar nichts: sie haben die Wissenschaft, deren Weiterentwicklung uns das Vermächtnis von Marx und Engels zur Pflicht macht, nicht um einen Schritt vorwärtsgebracht; sie haben das Proletariat keine neuen Kampfmethoden gelehrt; sie sind lediglich zurückgegangen, haben Bruchstücke rückständiger Theorien übernommen und predigen dem Proletariat keine Theorie des Kampfes, sondern eine Theorie der Nachgiebigkeit, der Nachgiebigkeit gegenüber den ärgsten Feinden des Proletariats, den Regierungen und den bürgerlichen Parteien, die nicht müde werden, neue Mittel zur Hetze gegen die Sozialisten ausfindig zu machen. (…)

Der Marxismus ist kein Dogma – sondern eine Anleitung zum Handeln!

Es kann keine starke sozialistische Partei geben, wenn es keine revolutionäre Theorie gibt, die alle Sozialisten vereinigt, aus der sie all ihre Überzeugungen schöpfen und die sie auf die Methoden ihres Kampfes und ihrer Tätigkeit anwenden; wenn man eine solche Theorie, die man nach bestem Wissen für richtig hält, vor unbegründeten Angriffen und Versuchen, sie zu verschlechtern, schützt, so heißt das noch keineswegs, ein Feind jeder Kritik zu sein. Wir betrachten die Theorie von Marx keineswegs als etwas Abgeschlossenes und Unantastbares; wir sind im Gegenteil davon überzeugt, daß sie nur das Fundament der Wissenschaft gelegt hat die die Sozialisten nach allen Richtungen weiterentwickeln müssen, wenn sie nicht hinter dem Leben zurückbleiben wollen. Wir sind der Meinung, daß es für die russischen Sozialisten besonders notwendig ist, die Theorie von Marx selbständig weiterzuentwickeln, denn diese Theorie liefen lediglich die allgemeinen Leitsätze, die im einzelnen auf England anders angewandt werden als auf Frankreich, auf Frankreich anders als auf Deutschland, auf Deutschland anders als auf Rußland. (…)

Was sind die Hauptfragen im Programm der revolutionären Partei?

Wir haben schon gesagt, daß das Wesen dieses Programms darin besteht, den Klassenkampf des Proletariats zu organisieren und diesen Kampf zu leiten, dessen Endziel die Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat und die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft ist. Der Klassenkampf des Proletariats besteht aus dem ökonomischen Kampf (Kampf gegen einzelne Kapitalisten oder gegen einzelne Kapitalistengruppen für die Verbesserung der Lage der Arbeiter) und dem politischen Kampf (Kampf gegen die Regierung für die Erweiterung der Rechte des Volkes, d.h. für Demokratie, sowie für die Erweiterung der politischen Macht des Proletariats).
Lenin reinigt die Welt vom Dreck!Genosse Lenin reinigt die Welt vom Dreck!

Manche russischen Sozialdemokraten (…) halten den ökonomischen Kampf für unvergleichlich wichtiger, den politischen Kampf aber vertagen sie offenbar auf eine mehr oder weniger ferne Zukunft. Eine solche Ansicht ist völlig falsch. Alle Sozialdemokraten stimmen darin überein, daß es notwendig ist, den ökonomischen Kampf der Arbeiterklasse zu organisieren; daß es notwendig ist, auf diesem Gebiet unter den Arbeitern Agitation zu betreiben, d.h. den Arbeitern in ihrem täglichen Kampf gegen die Unternehmer zu helfen, ihr Augenmerk auf alle Arten und Fälle von Unterdrückung zu lenken und ihnen auf diese Weise die Notwendigkeit des Zusammenschlusses klarzumachen. Aber über dem ökonomischen Kampf den politischen Kampf vergessen hieße den grundlegenden Leitsatz der internationalen Sozialdemokratie aufgeben, hieße vergessen, was die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung lehrt. (…)

Warum muß man den politischen Kampf führen?

Kein wirtschaftlicher Kampf kann den Arbeitern eine dauerhafte Verbesserung ihrer Lage bringen, ja, er kann nicht einmal in großem Ausmaß geführt werden, wenn die Arbeiter nicht das Recht haben, frei Versammlungen zu veranstalten und Verbände zu gründen, eigene Zeitungen zu haben und ihre Vertreter in die Volksvertretungen zu entsenden (…). Um aber diese Rechte zu erlangen, muß man einen politischen Kampf führen. In Rußland sind nicht nur die Arbeiter, sondern alle Staatsbürger überhaupt der politischen Rechte beraubt.

Wer ist die herrschende Klasse und wie regiert sie?

Rußland ist eine autokratische, eine absolute Monarchie. Der Zar allein erläßt Gesetze, setzt Beamte ein und überwacht sie. Infolgedessen hat es den Anschein, als seien in Rußland der Zar und die Zarenregierung unabhängig von allen Klassen und als sorgten sie für alle in gleichem Maße. In Wirklichkeit aber werden alle Beamten ausschließlich aus der Klasse der Besitzenden genommen, und alle stehen unter dem Einfluß der Großkapitalisten, in deren Händen die Minister wie Wachs sind und die alles erreichen, was sie wollen. Auf der russischen Arbeiterklasse lastet ein doppeltes Joch: sie wird von den Kapitalisten und den Gutsbesitzern ausgeraubt und ausgeplündert, und damit sie gegen diese nicht kämpfen kann, fesselt die Polizei sie an Händen und Füßen, macht sie mundtot und verfolgt jeden Versuch, die Rechte des Volkes zu verteidigen.

Wozu braucht die Arbeiterklasse ein revolutionäre Partei?

Jeder Streik gegen einen Kapitalisten führt dazu, daß Militär und Polizei auf die Arbeiter losgelassen werden. Jeder wirtschaftliche Kampf verwandelt sich zwangsläufig in einen politischen, und die Sozialdemokratie muß beide untrennbar zum einheitlichen Klassenkampf des Proletariats verbänden. Das erste und wichtigste Ziel dieses Kampfes muß die Eroberung politischer Rechte, die Eroberung der politischen Freiheit sein. Wenn die Petersburger Arbeiter mit geringer Unterstützung der Sozialisten allein imstande waren, in kurzer Frist von der Regierung ein Zugeständnis zu erringen: den Erlaß des Gesetzes über die Verkürzung des Arbeitstages, so wird die gesamte russische Arbeiterklasse, geführt von der einheitlichen „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands“, durch beharrlichen Kampf weit wichtigere Zugeständnisse erringen können.

Fünf Finger kann man brechen – eine Faust nicht!

Die russische Arbeiterklasse ist imstande, ihren ökonomischen und politischen Kampf auch allein zu führen, selbst wenn ihr von keiner anderen Klasse geholfen werden sollte. Doch im politischen Kampf stehen die Arbeiter nicht allein. Die völlige Rechtlosigkeit des Volkes und die brutale Willkür der Beamtenbüttel empören auch alle einigermaßen ehrlichen gebildeten Menschen, die sich mit der Verfolgung jedes freien Wortes und jedes freien Gedankens nicht abfinden können, sie empören die verfolgten Polen, Finnen, Juden, die russischen Sektenanhänger, sie empören die kleinen Kaufleute, Gewerbetreibenden, Bauern, die vor den Bedrückungen durch die Beamten und die Polizei nirgends Schutz finden können. Alle diese Bevölkerungsgruppen sind, einzeln genommen, zu einem beharrlichen politischen Kampf unfähig, wenn aber die Arbeiterklasse das Banner dieses Kampfes entrollt, werden sich ihr von allen Seiten hilfsbereite Hände entgegenstrecken. Die russische Sozialdemokratie wird sich an die Spitze aller Kämpfer für die Rechte des Volkes, aller Kämpfer für die Demokratie stellen, und dann wird sie unbesiegbar sein!

Das sind unsere grundlegenden Ansichten, die wir systematisch und allseitig in unserer Zeitung entwickeln werden. Wir sind davon überzeugt, daß wir damit den Weg gehen werden, der von der „Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands“ in dem von ihr herausgegebenen „Manifest“ vorgezeichnet worden ist.

Quelle:
W.I. Lenin: Unser Programm, in: W.I. Lenin, Werke, Bd.4, S.204-208 (leicht gekürzt).

Über Lenin…

„Lenin war von Kopf bis Fuß
ein Mensch der neuen Welt.
Darin besteht seine riesige Be-
sonderheit, darin besteht sein
unbeschreiblicher Zauber.“

(A.W. Lunatscharski)

P. Belousow - Lenin
P. Belousow, W.I. Lenin hört Musik. (1969)

Je grandioser die Bewegung ist, die wir vor uns haben, und je ausgiebiger dieser oder jener Führer sie beherrscht, desto mächtiger erscheint uns natürlich sein Denken, sein Wille. Wladimir Iljitschs Denken war ausnehmend prägnant, von brillanter Exaktheit, jeden Gegenstand allseitig erfassend und deshalb geradezu hellseherisch. Wir wissen auch, daß Lenin und sein Wille selbst in einem derart stahlharten Apparat wie der in zwanzig Jahren Kampf geschmiedeten Kommunistischen Partei eine Art Motor waren, der oft den erforderlichen Antrieb gab und sich in der gesamten Parteiarbeit als das entscheidende Element erwies. Ohne sich auch nur für einen Augenblick von der Mehrheit der Partei loszulösen, war Lenin im vollen Sinne des Wortes der Antrieb der Partei,

Lenin selbst kannte natürlich diese Eigenschaft jedes hervorragenden und um so mehr jedes großen Mannes ganz genau. Er sprach zum Beispiel mit Vorliebe von der „physischen Kraft des Hirns“ eines Plechanow. Ich selbst habe ihn diese Worte mehrmals sagen hören und sie anfangs nicht ganz verstanden. Jetzt ist mir klar, daß genauso wie ein physisch starker Mensch denkbar ist, der den anderen ganz einfach und endgültig besiegen, ihn zu Boden werfen kann, es auch ein physisch starkes Hirn geben kann, von dem bei einer Kollision die gleiche unbezwingbare Macht ausgeht, die den anderen unterwirft. Die physische Kraft des Leninschen Hirns übertraf noch die gewaltige physische Kraft des Hirns eines Plechanow.

Aber die, wenn man es so nennen will, Größe und die Ausmaße des Denkens und des Willens machen noch keine Persönlichkeit aus. Sie sind maßgeblich für einen hervorragenden, einflußreichen Menschen, sie prägen ihn zu einer erstrangigen Größe im sozialen Gewebe, bestimmen jedoch keineswegs den Wesensinhalt der Persönlichkeit.

Oft denkt man (und nicht ohne Grund), der individuelle Charakter des Menschen spiele keine große Rolle in der Geschichte. In der Tat, ohne in einem gewissen Rahmen die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte leugnen zu wollen, müssen wir einräumen, daß gerade die Macht der Idee, die Intensität des Willens dabei die wichtigste Rolle spielen, geht doch alles übrige von der Gesellschaft aus. Die Tatsache, daß Marx oder Lenin zu Revolutionären, zu proletarischen Ideologen und Führern wurden, war von der Zeit im voraus bestimmt. Man könnte sagen, daß unter ähnlichen geschichtlichen und sozialen Bedingungen auch andere den gleichen Standpunkt bezogen hätten, nur haben beide diesen Standpunkt eben aufgrund ihrer Größe unvergleichlich deutlicher bekundet. Andere kennzeichnende Merkmale können hingegen selbst bei einer großen Persönlichkeit zwar von enormer Bedeutung für ihren Lebenslauf sein, rücken aber bei einer Analyse ihrer sozialen Bedeutung gleichsam in den Hintergrund.

Wladimir Iljitsch besaß aber einige Wesenszüge, die nur ihm eigen waren, die aber riesige soziale Bedeutung hatten.

Ich möchte zwei solche Wesenszüge hervorheben, die am augenfälligsten waren und die am bedeutendsten erschienen. Wichtig waren sie deshalb, weil sie Lenin als einen Kommunisten charakterisierten. Ich will damit nicht sagen, daß sie jedem Kommunisten eigen sind, aber sie müssen einem vollendeten Kommunisten eigen sein, einem Menschen, wie wir ihn gleichzeitig mit dem Aufbau der neuen Gesellschaft formen. Jeder von uns möchte vielleicht ein solcher Mensch sein, aber in vollendeter Form war es Wladimir Iljitsch.

Lenins sprichwörtliche Bescheidenheit

Der erste wesentliche Charakterzug, von dem ich hier spreche, bestand darin, daß Lenin jegliche Geltungssucht fehlte. Das ist eine Erscheinung von großer Tragweite, die eine gründliche Untersuchung in der kommunistischen Literatur verdient. Ich glaube, eine solche wird mit der Zeit vorgenommen, wenn Fragen der Kunst zu leben endgültig einen gebührenden Rang einnehmen werden.

Wir kennen eine Menge unbedeutender Leute, die auch gerade infolge ihrer geringen Bedeutung unerhört geltungssüchtig sind. Lew Tolstoi sagte einmal, der wahre Wert eines Menschen ergebe sich aus seinen guten Eigenschaften, dividiert durch den Grad seines Eigendünkels. Es heißt, daß sogar ein verhältnismäßig begabter Mensch, wenn er allzu eingebildet ist, lächerlich und sogar entbehrlich, ja gemeingefährlich sein kann. Und im Gegenteil, ein mäßig begabter Mensch, wenn er bescheiden ist, kann sowohl nett wie auch sehr nützlich sein.

Es wäre einfach lächerlich anzunehmen, die Bescheidenheit Wladimir Iljitschs, von der so oft geredet wird, sei darauf zurückzuführen, daß er sich über seine eigene geistige und sittliche Stärke im unklaren war. Bei einem Menschen vom bürgerlichen oder, genauer gesagt, vorkommunistischen Schlag wird eine derart exponierte Stellung und die Erkenntnis der eigenen Macht unbedingt von Geltungssucht begleitet. Sogar wenn ein solcher Mann bescheiden ist, werden Sie in seiner Bescheidenheit einen guten Schuß Heuchelei bemerken. Er trägt sich mit seiner Person, als sei es ein kostbares Gefäß, er will unbedingt auffallen, er spielt seine Rolle in der Geschichte und ist zugleich ein mehr oder minder entzückter Zuschauer.

Wladimir Iljitsch war das völlig fremd, und eben darin besteht seine außerordentlich kommunistische Art. Die ungewöhnliche Schlichtheit und Natürlichkeit, die ihn stets begleiteten, waren keineswegs eine Art „Feldgrau“, durch das sich Wladimir Iljitsch von den „goldbetreßten Waffenröcken“ anderer bedeutender geschichtlicher Persönlichkeiten und vieler weniger hervorragender abheben wollte. Nein, Wladimir Iljitsch wirkte deshalb schon in seinem Auftreten außerordentlich natürlich und fühlte sich unter noch so schwierigen Bedingungen wie ein Vogel im Himmel, wie ein Fisch im Wasser, weil er niemals Selbstbeobachtungen anstellte und niemals versuchte, sich selber einzuschätzen. Niemals verglich er seine Stellung mit der anderer. Er war eben von der Arbeit, die er leistete, ganz und gar in Anspruch genommen.

Von den Zielen dieser Arbeit ausgehend, wußte er wohl, daß er selbst: ein guter Arbeiter ist und die eine oder andere Arbeit besser als Genosse Soundso ausführen kann oder daß die Genossen Soundso diese Arbeit nur mit seiner Hilfe und nach seinen Anweisungen gut ausführen können. Aber das wurde gewissermaßen durch organisatorische Aufgaben diktiert, die sich aus dem Charakter der Arbeit ergaben.

Wladimir Iljitsch war in der tiefsten und schönsten Bedeutung dieses Wortes ein Mann der Tat. Natürlich ist eine derart treue Pflichtergebenheit eine derart bedingungslose, jeder Ziererei bare Hingabe an das Werk nur deshalb großartig und erhaben, weil das Werk selbst gewaltig ist oder, genauer gesagt, weil es das gewaltigste von allen denkbaren Vorhaben ist.

Wladimir Iljitsch lebte das Leben der Menschheit, in erster Linie das Leben der geknechteten Massen oder, wenn wir noch genauer sein wollen, das Leben des Proletariats und vor allem des fortschrittlichen und klassenbewußten Proletariats. Durch eine solche Kette war er also an die Menschheit geschmiedet. Und so empfand er sich und seinen Kampf im Schoß dieser Menschheit als etwas durchaus Natürliches, was sein ganzes Leben ausfüllte.

Aber gerade, weil Wladimir Iljitsch nicht den geringsten Wunsch verspürte, seine Persönlichkeit in den Vordergrund zu stellen, sie zu verschönen, infolge – ich würde sagen – der vollständigen Vernachlässigung seiner Persönlichkeit, weil er diese Persönlichkeit restlos der kommunistischen. Schmiede überantwortet hatte, blieb diese Persönlichkeit außerordentlich integer, wie aus einem Guß, urwüchsig und dennoch beispielgebend. Das Schönste, was wir alle unseren Kindern und Enkelkindern wünschen können, ist ja, in dieser Hinsicht soviel wie möglich dem großen Vorbild Lenins nachzueifern.

Lenin war ein ungewöhnlich heiterer Mensch

Und der zweite Wesenszug, den ich auf keinen Fall versäumen will zu nennen: Wladimir Iljitsch war ein ungewöhnlich heiterer Mensch. Das bedeutet natürlich keineswegs, daß ihm bei einer Nachricht oder bei einem Bild, die von irgendeinem Kummer seiner geliebten werktätigen Massen zeugten, das Herz nicht weh tat und sein Gesicht nicht traurig wurde. Alles Irdische nahm er sich sehr zu Herzen. Aber dennoch war er ein ungewöhnlich heiterer Mensch.

Warum lebte nun in Wladimir Iljitschs Herzen eine solche Freude, eine solche Heiterkeit? Ich glaube, es kam daher, weil er bis zur letzten Konsequenz stets ein Marxist der Tat war. Ein richtiger Marxist erkennt sämtliche Tendenzen und die Zukunft jeder Gesellschaftsformation. Wladimir Iljitsch hielt es für möglich, daß Kommunisten Fehler begehen können, daß sich die allgemeinen Umstände gegen sie wenden, aber einen Sieg der Feinde hielt er nie für möglich. Es ist genauso, wenn wir im Vorfrühling bei Wind und Regen durch die Pfützen waten und genau wissen, daß Mai und Wärme, Wladimir Iljitsch spielte die schwierigste Schachpartie der Welt, aber er wußte im voraus, daß er den Gegner matt setzen wird, oder besser gesagt, er wußte, daß die Partie, in der er selbst eine außerordentlich wichtige Figur war und die vom Proletariat gespielt wurde, unbedingt gewonnen wird.

[1926]

Quelle: A. Lunatscharski, Wie war Lenin? APN-Verlag 1981, S.40-45
(Zwischenüberschriften von mir, N.G.)

Siehe auch:
Lunatscharski: Im Kampf gegen die Unbildung
Lunatscharski. Erinnerungen an Lenin
Stalin: Lenin – Genius der Revoluton

Lenin: Über das Besteigen hoher Berge

Kaukasien1922 notierte Lenin ein kurzes Resümee der Oktoberrevolution:

Über das Besteigen hoher Berge

Stellen wir uns einen Menschen vor, der einen sehr hohen, steilen und noch unerforschten Berg besteigt. Nehmen wir an, es sei ihm gelungen, nach Überwindung unerhörter Schwierigkeiten und Gefahren viel höher zu steigen als seine Vorgänger, den Gipfel habe er aber dennoch nicht erreicht. Er befindet sich nun in einer Lage, in der ein Weiterkommen in der gewählten Richtung und auf dem eingeschlagenen Weg schon nicht mehr nur schwierig und gefährlich, sondern geradezu unmöglich geworden ist. Er muß umkehren, abwärts steigen, andere Wege suchen, die zwar länger sein mögen, dafür aber die Möglichkeit in Aussicht stellen, den Gipfel zu erreichen. Der Abstieg in dieser in der Welt noch nie erlebten Höhe, auf der unser hypothetischer Bergsteiger sich befindet, biete vielleicht gar noch größere Gefahren und Schwierigkeiten als der Aufstieg: man tut leichter einen Fehltritt; es ist nicht so bequem, sich die Stelle anzusehen, auf die man den Fuß setzt; es fehlt jene besonders gehobene Stimmung, die durch das unmittelbare Hinaufsteigen, direkt dem Ziel zu, entstanden war, usw. (…)

Gigantische Höhe

Es dürfte wohl natürlich sein anzunehmen, daß sich bei einem Menschen, der in eine solche Lage geraten ist, Minuten der Verzagtheit einstellen – trotz der unerhörten Höhe, die er erreicht hat. Und wahrscheinlich wären diese Minuten zahlreicher, häufiger, schwerer, wenn er gewisse Stimmen von unten hören könnte, von Leuten, die aus gefahrloser Ferne, durchs Fernrohr, diesen höchst gefahrvollen Abstieg beobachten, (…)

Das Proletariat Rußlands hat in seiner Revolution eine gigantische Höhe erklommen, nicht nur im Vergleich zu den Jahren 1789 und 1793, sondern auch im Vergleich zum Jahre 1871. Man muß sich möglichst nüchtern, klar und anschaulich Rechenschaft darüber ablegen, was wir eigentlich »zu Ende geführt« und was wir nicht zu Ende geführt haben: Der Kopf wird dann frisch bleiben, es wird weder Übelkeit noch Illusionen noch Verzagtheit geben. Wir haben die bürgerlich-demokratische Revolution so »sauber« wie noch nirgends in der Welt »zu Ende geführt«. Das ist eine gewaltige Errungenschaft, die keine Macht mehr rückgängig machen kann. Wir haben das Ausscheiden aus dem reaktionären imperialistischen Krieg auf revolutionärem Wege zu Ende geführt. Das ist ebenfalls solch eine Errungenschaft, die keine Macht der Welt mehr rückgängig machen kann, und eine um so wertvollere Errungenschaft, als reaktionäre imperialistische Gemetzel in nicht ferner Zukunft unvermeidlich sind, wenn der Kapitalismus bestehenbleibt. (…)

Nicht zu Ende geführt haben wir jedoch die Errichtung auch nur des Fundaments der sozialistischen Wirtschaft. Das können die uns feindlichen Kräfte des sterbenden Kapitalismus noch rückgängig machen. Man muß sich dessen klar bewußt sein und es offen zugeben, denn es gibt nichts Gefährlicheres als Illusionen (und Schwindelanfälle, zumal in großen Höhen).

Fehler und Rückzüge

Und an dem Eingeständnis dieser bitteren Wahrheit ist entschieden nicht »Schreckliches«, nichts, das berechtigten Anlaß auch nur zur geringsten Verzagtheit gäbe, denn wir haben stets die Abc-Wahrheit des Marxismus verkündet und wiederholt, daß zum Sieg des Sozialismus die gemeinsamen Anstrengungen der Arbeiter mehrerer fortgeschrittener Länder notwendig sind. Wir aber stehen einstweilen immer noch allein, und wir haben in einem rückständigen Lande, in einem Lande, das mehr als die übrigen verwüstet ist, unglaublich viel geleistet. (…) Als rettungslos verloren müßte man diejenigen Kommunisten bezeichnen, die sich einbilden wollten, daß man ohne Fehler, ohne Rückzüge, ohne ein vielmaliges Neubeginnen des nicht zu Ende Geführten und des falsch Gemachten solch ein weltgeschichtliches »Unternehmen« wie die Vollendung des Fundaments der sozialistischen Wirtschaft (besonders in einem Lande der Kleinbauernschaft) zu Ende führen könnte. Diejenigen Kommunisten aber, die weder in Illusionen noch in Verzagtheit verfallen, die sich die Kraft und Geschmeidigkeit des Organismus bewahren, um beim Herangehen an diese überaus schwierige Aufgabe wiederholt »von Anfang zu beginnen«, sind nicht verloren (und werden es aller Wahrscheinlichkeit auch nie sein).

Quelle:
Wladimir Iljitsch Lenin: Notizen eines Publizisten. Zuerst veröffentlicht am 16. April 1924 in der Prawda. In: W. I. Lenin: Werke Band 33, Berlin 1966, Seite 188-191

siehe auch: junge Welt vom 14.07.2007 (Wochenendbeilage)

Lenin – Genius der Revolution

Lenin im DorfIn seiner Rede auf einem Gedenkabend der Kremlkursanten am 28. Januar 1924 charakterisierte Stalin die Eigenschaften Lenins wie folgt:

BESCHEIDENHEIT

Es gilt als ausgemacht, daß ein „großer Mann“ sich gewöhnlich zu den Versammlungen verspätet, so daß die Versammlungsteilnehmer klopfenden Herzens auf sein Erscheinen warten, wobei vor dem Erscheinen des „großen Mannes“ ein Raunen durch die Reihen der Versammlungsteilnehmer geht: „Pst…Ruhe… er kommt.“ Diese Zeremonie schien mir nicht überflüssig, denn sie imponiert, flößt Achtung ein. Wie groß war aber meine Enttäuschung, als ich erfuhr, daß Lenin schon vor den Delegierten zur Versammlung gekommen war und in irgendeiner Ecke schlicht und einfach ein Gespräch führte, ein ganz gewöhnliches Gespräch mit ganz gewöhnlichen Konferenzdelegierten. Ich verhehle nicht, daß mir dies damals als eine gewisse Verletzung gewisser notwendiger Regeln erschien. Erst später begriff ich, daß diese Schlichtheit und Bescheidenheit Lenins, dieses Bestreben, unbemerkt zu bleiben oder jedenfalls nicht aufzufallen und seine hohe Stellung nicht hervorzukehren – daß dieser Zug eine der stärksten Seiten Lenins ist, dieses neuen Führers neuer Massen, der einfachen und gewöhnlichen Massen der „untersten“ Schichten der Menschheit.

KRAFT DER LOGIK

Ausgezeichnet waren zwei Reden Lenins, die er auf dieser Konferenz (1905 in Tammersfort/Finnland, N.G.) hielt: über die gegenwärtige Lage und über die Agrarfrage. Leider sind sie nicht erhalten geblieben. Es waren zündende Reden, die die ganze Konferenz in stürmische Begeisterung versetzten. Die ungewöhnliche Überzeugungskraft, die Einfachheit und Klarheit der Beweisführung, die kurzen und allgemeinverständlichen Sätze, das Fehlen jeder Pose, das Fehlen aller auf Eindruck berechneten schwindelerregenden Gesten und effektvollen Phrasen – all das unterschied Lenins Reden vorteilhaft von den Reden gewöhnlicher „Parlamentsredner“. Aber mich fesselte damals nicht diese Seite der Reden Lenins. Mich fesselte jene unüberwindliche Kraft der Logik in Lenins Reden, die zwar ein wenig trocken ist, dafür aber die Zuhörerschaft völlig in ihren Bann zieht, sie allmählich elektrisiert und sie dann, wie man zu sagen pflegt, restlos gefangennimmt. (…) Ich glaube, daß diese Besonderheit der Reden Lenins die stärkste Seite seiner Rednerkunst ist.

KEIN LAMENTIEREN

(…) Ich entsinne mich, wie wir bolschewistischen Delegierten, eng zusammengedrängt, auf Lenin blickten und ihn um Rat fragten. Die Äußerungen mancher Delegierten verrieten Müdigkeit, Niedergeschlagenheit. Ich erinnere mich, wie Lenin als Antwort auf solche Reden bissig durch die Zähne hervorstieß: „Lamentieren Sie nicht, Genossen, wir werden sicher siegen, denn wir haben recht.“ Haß gegen lamentierende Intellektuelle, Glauben an die eigenen Kräfte, Glauben an den Sieg – darüber sprach damals Lenin mit uns. Man fühlte, die Niederlage der Bolschewiki ist nur vorübergehend, die Bolschewiki müssen in nächster Zukunft siegen. „Nicht lamentieren im Fall einer Niederlage“ – das ist gerade jene Besonderheit in Lenins Wirken, die ihm half, eine grenzenlos ergebene und auf ihre Kräfte vertrauende Armee um sich zusammenzuschweißen.

KEINE ÜBERHEBLICHKEIT

(…) Der Sieg pflegt manchen Führern zu Kopf zu steigen, sie hochmütig und überheblich zu machen. Meist beginnen sie in solchen Fällen den Sieg zu feiern, auf ihren Lorbeeren auszuruhen. Lenin aber glich solchen Führern nicht im geringsten. Im Gegenteil, gerade nach dem Sieg wurde er besonders wachsam und vorsichtig. Ich erinnere mich, wie Lenin damals den Delegierten nachdrücklich auseinandersetzte: „Erstens darf man sich vom Sieg nicht berauschen lassen und überheblich werden, zweitens muß man den Sieg verankern; drittens muß man den Gegner vernichten, denn er ist nur geschlagen, aber bei weitem noch nicht vernichtet.“ Mit beißendem Spott überschüttete er die Delegierten, die leichtsinnig versicherten: „Von nun an ist es aus mit den Menschewiki.“ Es war ihm ein leichtes zu beweisen, daß die Menschewiki noch immer in der Arbeiterbewegung wurzeln haben, daß man sie geschickt bekämpfen muß, wobei man die Überschätzung der eigenen Kräfte und besonders die Unterschätzung der Kräfte des Gegners auf jede Weise zu vermeiden hat. (…)

PRINZIPIENFESTIGKEIT

Parteiführer müssen die Meinung der Mehrheit ihrer Partei achten. Die Mehrheit ist eine Macht, mit der der Führer rechnen muß. Lenin verstand das nicht schlechter als jeder andere Parteiführer. Aber Lenin wurde niemals zum Gefangenen der Mehrheit, besonders, wenn diese Mehrheit keine prinzipielle Basis hatte. Es gab Momente in der Geschichte unserer Partei, da die Meinung der Mehrheit oder die Augenblicksinteressen der Partei mit den Grundinteressen des Proletariats in Konflikt gerieten. In solchen Fällen trat Lenin ohne Bedenken entschlossen für die Prinzipientreue ein und wandte sich gegen die Mehrheit der Partei. Mehr noch, er scheute sich nicht, in solchen Fällen buchstäblich einer gegen alle aufzutreten, wobei er davon ausging – wie er oft sagte –, daß „prinzipienfeste Politik die einzig richtige Politik ist“. (…)

GLAUBE AN DIE MASSEN

Theoretiker und Parteiführer, die die Geschichte der Völker kennen, die die Geschichte der Revolutionen von Anfang bis Ende studiert haben, sind zuweilen von einer peinlichen Krankheit befallen. Diese Krankheit heißt Scheu vor den Massen, Unglaube an die schöpferischen Fähigkeiten der Massen. Auf diesem Boden entsteht manchmal ein gewisser Aristokratismus der Führer den Massen gegenüber, die zwar in der Geschichte der Revolutionen nicht bewandert, aber berufen sind, das Alte niederzureißen und das Neue aufzubauen. Die Furcht, daß das spontane Element entfesselt werden könnte, daß die Massen „allzuviel zerstören“ könnten, der Wunsch, die Rolle eines Schulmeisters zu spielen, der die Massen nach Büchern zu lehren sucht, aber nicht von den Massen lernen will – das ist die Grundlage dieser Art von Aristokratismus.

Lenin war das gerade Gegenteil solcher Führer. Ich kenne keinen anderen Revolutionär, der so fest an die schöpferischen Kräfte des Proletariats und an die revolutionäre Zweckmäßigkeit des proletarischen Klasseninstinkts geglaubt hätte wie Lenin. Ich kenne keinen anderen Revolutionär, der so schonungslos die selbstgefälligen Kritiker des „Chaos der Revolution“ (…) zu geißeln verstanden hätte wie Lenin. Ich erinnere mich, wie Lenin während eines Gesprächs auf die Äußerung eines Genossen, daß „nach der Revolution die normale Ordnung wiederhergestellt werden muߓ, sarkastisch bemerkte: „Es ist schlimm, wenn Menschen, die Revolutionäre sein wollen, vergessen, daß die normalste Ordnung in der Geschichte die Ordnung der Revolution ist.“

Daher Lenins Geringschätzung gegen alle diejenigen, die auf die Massen von oben herabsahen und sie nach Büchern lehren wollten. Daher Lenins unermüdliche Mahnung: Von den Massen lernen, den Sinn ihres Handelns erfassen, die praktische Erfahrung des Kampfes der Massen sorgfältig studieren. Glaube an die schöpferischen Kräfte der Massen – das ist gerade jene Besonderheit im Wirken Lenins, die es ihm ermöglichte, das Walten des spontanen Elements zu erfassen und seine Bewegung in die Bahn der proletarischen Revolution zu leiten. (…)

Quelle:
J. Stalin, Werke, Dietz Verlag Berlin, 1952, Bd.6, S.47-57

Siehe auch:
Lunatscharski: Über Lenin

Lenin und die Revolution

Bereits in seinen früheren Werken hatte Lenin die Grundfrage der marxistischen Staatstheorie gestellt, die Frage der Diktatur des Proletariats. Der imperialistische Krieg hatte eine revolutionäre Situation geschaffen, die proletarische Revolution war auf die Tagesordnung gestellt worden. Die Verräter der Arbeiterklasse, die Opportunisten, bemühten sich gerade damals auf jede Weise, die grundlegende Frage der Diktatur des Proletariats aus dem Marxismus zu entfernen. Angesichts der geschichtlichen Situation war das für die Arbeiterbewegung praktisch und theoretisch höchst gefährlich.
Lenin wandte sich deshalb diesen Fragen erneut mit großer Energie zu.

Lenin_BibliothekWladimir Iljitsch Lenin (1870-1924)

Alles, was Marx und Engels über den Staat geschrieben hatten, studierte er sorgfältig. Auf dieser Grundlage reinigte er die marxistische Lehre vom Staat von den opportunistischen Entstellungen und entwickelte sie weiter, bereicherte sie um die neuen Erfahrungen des proletarischen Klassenkampfes unter den Bedingungen des Imperialismus. Das Ergebnis dieser Arbeit war sein Buch „Staat und Revolution“.

Wichtig für die Propaganda der marxistischen Dialektik und ihre Bedeutung für eine richtige Politik sind Lenins Aufsätze „Die Junius-Broschüre“ (1916) und die „Briefe über die Taktik“ (1917). In diesen Arbeiten wendet er sich vor allem gegen das Aufstellen von abstrakten, lebensfernen Formeln, die nicht mit der bunten Mannigfaltigkeit und Kompliziertheit des Lebens übereinstimmen und folglich auch nicht helfen können, die revolutionäre Bewegung voranzutreiben. Lenin erläutert beharrlich den konkreten Charakter der Wahrheit.

„Der Marxismus verlangt von uns die genaueste, objektiv nachprüfbare Analyse des Wechselverhältnisses der Klassen und der konkreten Besonderheiten jedes geschichtlichen Ausblicks. Wir Bolschewiki waren stets bestrebt, dieser vom Standpunkt jeder wissenschaftlichen Begründung der Politik ganz unerläßlichen Forderung gerecht zu werden. ‚Unsere Lehre ist kein Dogma, sondern eine Anleitung zum Handeln‘, das betonten ständig Marx und Engels. Sie spotteten mit vollem Recht über das Auswendiglernen und einfache Wiederholen von ‚Formeln‘, die bestenfalls die allgemeinen Aufgaben vorzeichnen können, welche durch die konkrete ökonomische und politische Lage in jeder besonderen Phase des geschichtlichen Prozesses zwangsläufig modifiziert werden.“ (1) Anfang 1917 begann in Rußland, dem „schwächsten Glied der imperialistischen Kette“, die Revolution. In seinen berühmten Aprilthesen gab Lenin das wissenschaftlich begründete Programm der proletarischen Revolution.

(1) W.I.Lenin: Briefe über die Taktik. In:W.I.Lenin: Das Jahr 1917, Dietz Verlag, Berlin 1957, S.33.

Quelle:
Wissenschaftliche Weltanschauung Teil I, Dialektischer Materialismus, von G.Klaus, A.Kosing, G.Redlow, 1.Heft: Der Dialektische Materialismus – die Weltanschauung des Sozialismus, Dietz Verlag Berlin, 1959, S.74.

Eine unerwartete Begegnung mit Lenin

Frieda Düwell, eine junge 37-jährige Berlinerin, die schon mit Rosa Luxemburg befreundet war, trifft 1921 in Moskau zum III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale mit Lenin zusammen…

Schon 1907, auf dem Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart, hatte ich Gelegenheit, Genossen Lenin zu sehen und zu hören. Aber ich war erst kurze Zeit in der Partei, wußte noch nichts aus der Geschichte der russischen Arbeiterbewegung, kannte keine Schriften von Lenin, und seine Bedeutung für das internationale Proletariat war mir noch unbekannt. Anders war es, als ich 1921 mit anderen deutschen Delegierten zum III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale nach Moskau fuhr. Jetzt kannte ich schon Lenins „Brief an die amerikanischen Arbeiter“, der während des Krieges auf illegalem Wege zu uns nach Hamburg gelangt war, und seine Arbeit „Staat und Revolution“, die uns nach 1918 zugänglich wurde.
Moskau 1923Blick in den Kremlsaal während des III. Weltkongresses (1921)

Eine überraschende Begegnung

Eine große Freude erfüllte uns deutsche Delegierte, daß wir nun auf dem Weltkongreß Lenin sehen und hören würden. Es war gar nicht einfach, ihn im überfüllten Kremlsaal herauszufinden. Hatte er nichts im Präsidium zu tun, dann saß er unter den Delegierten. Unerwartet sahen wir ihn dann ganz in unserer Nähe auf einem der breiten Korridore, die von der Prachttreppe des Kremlpalastes zu den Sälen führten. Spontan liefen wir, Herta Sturm — eine andere deutsche Delegierte — und ich, um unseren Lenin zu begrüßen. Er fragte nach unserem Namen, unserem politischen Arbeitsgebiet, und wir kamen ins Gespräch, Ganz einfach sprach er mit uns und doch auch wie mit seinesgleichen, so daß sich meine anfängliche Aufregung legte. Als Genosse Lenin hörte, daß ich die letzten anderthalb Jahre in der Frauen- und Gewerkschaftsbewegung im Rhein-Ruhr-Gebiet tätig war, zeigte er brennendes Interesse; denn, so bemerkte er: „Das Rhein- und Ruhrrevier ist eines der wichtigsten Gebiete in Deutschland, dort ist unsere Arbeit sehr nötig, darüber möchte ich mehr hören.“ Er zog ein Notizbuch aus der Tasche und sagte: „Ja, wann können wir uns zu einer Aussprache treffen, wann haben Sie Zeit für mich, Genossin Düwell?“ Ich glaubte, falsch gehört zu haben, daß der Führer des Weltproletariats sich Gedanken machte, wann ich Zeit zu einer Besprechung mit ihm hätte. Als ich hervorstotterte: „Ich habe immer Zeit für Sie, Genosse Lenin, wenn keine Kongreß-Verhandlungen sind“, schüttelte er den Kopf und bemerkte einfach und sachlich: „Nein, ich weiß, daß unsere Delegierten hier sehr überlastet sind und angestrengt arbeiten. Wir wollen eine Zeit ausmachen, die Ihnen bequem ist.“ Auch bei der Festlegung des Ortes zu dieser Besprechung nahm Lenin Rücksicht auf mich.
1923W.I.Lenin während einer Beratungspause
auf den Stufen des Präsidiums

Präzise Fragen — konkrete Antworten

Viel lernte ich aus der Unterhaltung mit ihm, die am nächsten Tage stattfand. Klar gab Genosse Lenin die Punkte an, über die er einen Bericht hören wollte, präzisierte die einzelnen Gebiete ganz genau, so daß ich konkret Auskunft geben konnte. Bei einigen Punkten verweilte er länger und machte sich Notizen. Durch seine auf das Ziel und den Zweck so klar hinweisenden Fragen sah ich auf einmal die Aufgaben, über die ich zu sprechen hatte, deutlich vor mir. Mit seinen abgegrenzten Fragen erforschte er das Prinzipielle meiner Agitationsarbeit, und ich selbst erkannte blitzartig auf diese Weise das Wesentliche meiner Arbeit. Seine Fragen und Hinweise lehrten mich, auf das Besondere zu achten. Genosse Lenin tadelte nicht, aber doch schien es mir ein großer Tadel zu sein, wenn er nicht mit allem in unserer Arbeit einverstanden war.
Das Zusammentreffen mit Lenin ist mir unvergeßlich geblieben.
(Unter der roten Fahne, Erinnerungen alter Genossen, Dietz Verlag Berlin, 1958, S.193f.)

Und nun Lenin lesen!

Der III. Weltkongreß der Kommunistischen Internationale fand vom 22. Juni bis 12. Juli 1921 in Moskau statt. An diesem Kongreß nahmen 605 Delegierte von 103 Parteien und Organisationen teil, darunter 48 Kommunistische Parteien aus 52 Ländern. Während seiner Rede am 1. Juli 1921 setzte sich Lenin in scharfer Form mit Sektierern und Dummköpfen auseinander, welche versuchten, mit linken Phrasen und Abänderungsanträgen die gemeinsame Taktik der Kommunistischen Internationale zu Fall zu bringen. Lenin sagte u.a.: „Man höre bloß, was Terracini verteidigt und was diese Abänderungsanträge besagen.“ — Und unter dem Gelächter der Delegierten fügte er hinzu: „…ist zu streichen: ‚Mehrheit’…das soll höchst gefährlich sein! Und weiter: Für das Wort ‚Grundsätze‘ ist das Wort ‚Ziele‘ zu setzen. Grundsätze und Ziele sind zwei verschiedene Dinge. In Bezug auf die Ziele können auch die Anarchisten mit uns übereinstimmen, denn auch die sind für die Abschaffung der Ausbeutung und der Klassenunterschiede… Die Grundsätze des Kommunismus bestehen in der Errichtung der Diktatur des Proletariats und der Anwendung von staatlichem Zwang in der Übergangsperiode. Das sind die Grundsätze des Kommunismus, aber das ist nicht sein Ziel… Genosse Terracini hat von der russischen Revolution nicht viel begriffen.“ (Lenin, Ausgew.Werke in 6 Bänden, Bd.VI, S.325/327)

Frieda Düwell (1884-1962) geb. in Hamburg, Lehrerin; seit 1905 Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, 1906 Korrespondentin bei der „Gleichheit“; nahm 1907 am Internationalen Sozialistenkongreß in Stuttgart teil; in der Novemberrevolution Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Hamburg, von 1921 bis 1925 im Frauensekretariat des ZK der KPD; 1933 Emigration in die Sowjetunion, zuletzt tätig an der Parteihochschule „Karl Marx“ in Berlin, ausgezeichnet mit der Clara-Zetkin-Medaille.

Siehe auch:
Lenin – Genius der Revolution

DDR-Jugendlexikon: W.I. Lenin

Mit einfachen Worten und sehr anschaulich beschreibt das DDR-Lexikon für Kinder und Jugendliche den genialen Führer der Arbeiterklasse, Wladimir Iljitsch Lenin, der am 21. Januar 1924 in Gorki starb.

Lenin, Wladimir lljitsch, eigentlich Uljanow, geb. 22.4.1870 in Simbirsk (heute Uljanowsk), gest. 21.1.1924 in Gorki (bei Moskau), widmete sich von frühester Jugend an der Sache der Revolution. Durch seinen Bruder Alexander erhielt er als 15jähriger erstmals Schriften von Karl MARX und Friedrich ENGELS.
Lenin

1887 bezog er die Juristische Fakultät in Kasan, wurde aber wegen Teilnahme an einer revolutionären Studentenversammlung verhaftet und aus der Universität ausgeschlossen. Nach der Haft wurde er nicht wieder zum Studium zugelassen. Er bereitete sich außerhalb der Universität auf das Examen in Rechtswissenschaft vor und bestand es 1891 mit Auszeichnung. 1893 zog Lenin nach Petersburg, wo er zum Führer der Marxisten und der sich entwickelnden russischen Arbeiterbewegung wurde. Im Herbst 1895 faßte er alle marxistischen Zirkel Petersburgs zum „Kampfbund zur Befreiung der Arbeiterklasse“ zusammen. Die theoretischen Voraussetzungen dafür hatte er in seinem Buch „Was sind die Volksfreunde und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten“ (1894) dargelegt.

Verbannung und Emigration

1897 wurde er für drei Jahre nach Sibirien verbannt. Nach seiner Entlassung emigrierte er ins Ausland, wo er im Januar 1901 die erste Nummer der Zeitung „Iskra“ herausgab. Sie wurde in Leipzig gedruckt. Lenins Kampf ging zu dieser Zeit vor allem um die Organisierung einer revolutionären Arbeiterpartei in Rußland. Seine grundlegenden Gedanken dazu sind hauptsächlich in der Arbeit „Was tun?“ (1902) formuliert. 1903 fand der II. Parteitag der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands (SDAPR) in Brüssel und London statt. Hier begann sich die erste Partei neuen Typs in der internationalen Arbeiterbewegung zu formieren. Bei der Festlegung ihrer Prinzipien kam es zur ideologischen Spaltung zwischen Bolschewiki („bolschinstwo“, Mehrheit) und Menschewiki („menschinstwo“, Minderheit). Die falschen Auffassungen der Menschewiki widerlegte Lenin 1904 in seiner Schrift „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück“. Den strategischen Plan und die taktische Linie der Bolschewiki in der Revolution 1905-1907 entwickelte er in seinem Werk „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“.

Die Revolution 1905 und erneute Emigration

Am 8.11.1905 kehrte Lenin in die Heimat zurück und leitete die Parteiarbeit in Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes. Nach der Niederlage der Revolution war er im Dezember 1907 gezwungen, zum zweitenmal zu emigrieren. Zu den Internationalen Sozialistenkongressen 1907, 1910 und 1912 arbeitete er gemeinsam mit den revolutionären Kräften der internationalen Arbeiterbewegung (z.B. Rosa LUXEMBURG) Orientierungen zum Kampf gegen den imperialistischen Weltkrieg aus. In dem grundlegenden philosophischen Werk „Materialismus und Empiriokritizismus“ wies er nach, daß alle neuen naturwissen-schaftlichen Erkenntnisse den dialektischen Materialismus bestätigen.

Nach Ausbruch des I.Weltkrieges leitete Lenin von der Schweiz aus den Kampf der Bolschewiki. Er schrieb „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ und entwickelte die Theorie von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Land. Nach dem Sturz des Zarismus in der Februarrevolution 1917 konnte Lenin aus der Emigration zurückkehren. In seinen „Aprilthesen“ legte er den Plan des Kampfes für den friedlichen Übergang zur sozialistischen Revolution dar.

Die Konterrevolution versuchte, die Volksmassen im Juli 1917 mit Waffengewalt niederzudrücken und Lenin zu verhaften. Er war deshalb erneut gezwungen, sich in die Illegalität zu begeben. Hier schrieb er u.a. das Werk „Staat und Revolution“, in dem er die marxistische Staatslehre weiterentwickelte.

Die Rückkehr Lenins nach Petrograd – Oktoberrevolution 1917

Anfang Oktober 1917 kehrte Lenin illegal nach Petrograd zurück. Er leitete die Sitzung des ZK zur Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes und übernahm dessen Leitung in der Nacht zum 7.11. (25.10. nach dem alten russischen Kalender).

Nach der Errichtung der Diktatur des Proletariats war Lenin Vorsitzender des Rates der Volkskommissare, der den Aufbau des Sozialismus organisierte. Unter der Losung „Alles für die Front“ wurde die innere und äußere Konterrevolution niedergeschlagen (1918 bis 1920). Lenin war der geniale Fortsetzer der revolutionären Lehre von Karl Marx und Friedrich Engels, er verteidigte, vertiefte und entwickelte alle Grundfragen der Lehre des wissenschaftlichen Sozialismus.

Lenins Arbeitsweise

Lenins selbstloser Einsatz galt den Interessen des Volkes. Er hatte ständige unmittelbare Verbindung zu den arbeitenden Menschen und besuchte nach der Oktoberrevolution oft Arbeiterversammlungen. Seine Worte und Gedanken fesselten die Arbeiter, stärkten in deren Herzen die Gewißheit vom endgültigen Sieg und den Willen zum Kampf gegen die inneren und äußeren Feinde. Er verheimlichte den Arbeitern nie die Schwierigkeiten, sondern zeigte ihnen mit einfachen und verständlichen Erklärungen, mit seinen praktischen Ratschlägen den Weg zu ihrer Überwindung. Komplizierte Fragen der internationalen und inneren Politik vermochte Lenin mit den praktischen Tagesaufgaben der Arbeiter zu verbinden. Er verstand es, den einzelnen Erscheinungen auf den Grund zu gehen und allgemeine Schlüsse aus ihnen zu ziehen. Lenin zeichnete sich in seiner Arbeit durch eine außerordentliche Gedankenschärfe aus. Er las viel. Aber die Bücher waren für ihn niemals Selbstzweck. Er arbeitete mit ihnen schöpferisch, beurteilte ihren Inhalt, entnahm ihnen das, was er für seine theoretische und praktische Arbeit brauchte, fertigte sich Konspekte und Auszüge an.

Ein geduldiger Zuhörer

Groß war Lenins Fürsorge für die einfachen Menschen. Er interessierte sich für alles, was ihr Leben betraf. In den harten Jahren nach der Oktoberrevolution, in denen seine Arbeitszeit täglich mit der Lösung wichtiger und komplizierter Probleme ausgefüllt war, fand er immer wieder die Zeit, sich mit Arbeitern und Bauern zu unterhalten. Er achtete ihre Meinung und war ein geduldiger Zuhörer und Ratgeber. Dabei lernte er gründlich die Dinge, aber auch die Menschen kennen und konnte sie am richtigen Platz in der Parteiarbeit einsetzen. Gegenüber Freunden war Lenin ein zartfühlender Mensch. Doch blieb er überall und immer ein unversöhnlicher Feind der Konterrevolution, jeglicher Spießbürgermoral und jeder Art von Heuchelei und Versöhnlertum. Lenin lehrte die Kommunisten, bescheiden zu sein und die Interessen der Partei und der Arbeiterklasse allem voranzustellen.
Serow Lenin 1950W.Serow – Besucher bei Lenin (1950)

Am 30.8.1918 wurde auf Lenin ein Attentat verübt, wobei er sehr schwere Verletzungen erlitt. Am 21.1.1924, nach längerem Krankenlager, starb der geniale Führer des russischen und internationalen Proletariats.

Quelle:
Meyers Jugendlexikon, Leipzig, 1976, S.401-403

Siehe auch:
Lenin – Genius der Revolution

Der Staat — Machtinstrument der herrschenden Klasse

Wie Pseudomarxisten und intellektuelle Spinner der jungen, erkenntnissüchtigen geistigen „Elite“ neuzeitlicher Politikseminare den Kopf vernebeln können, zeigt der nachfolgende Ausschnitt aus einem Beitrag, der offenbar von einem gewissen Dr.Karl Held stammt. Selbiger, angeblich ein Marxist, aber doch wiederum keiner, da er sich von Marx längst entfernt hat, schreibt in Resultate Nr.3, Theoretisches Organ der MARXISTISCHEN GRUPPE folgendes über den bürgerlichen Staat:
Mistbild

In diesem krausen und verwirrenden Stile geht es seitenweise fort und fort — weit weg vom Marxismus-Leninismus. Doch nun genug von diesem pseudowissenschaftlichen Geschwätz! Das ist nichts als eine geistige Manipulierung. Bei Lenin lesen wir:

„Der Staat — ein Produkt der Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze

Mit der Lehre von Marx geschieht jetzt dasselbe, was in der Geschichte wiederholt mit den Lehren revolutionärer Denker und Führer der unterdrückten Klassen in ihrem Befreiungskampf geschah. Die großen Revolutionäre wurden zu Lebzeiten von den unterdrückenden Klassen ständig verfolgt, die ihrer Lehre mit wildestem Ingrimm und wütendstem Haß begegneten, mit zügellosen Lügen und Verleumdungen gegen sie zu Felde zogen. Nach ihrem Tode versucht man, sie in harmlose Götzen zu verwandeln, sie sozusagen heiligzusprechen, man gesteht ihrem Namen einen gewissen Ruhm zu zur »Tröstung« und Betörung der unterdrückten Klassen, wobei man ihre revolutionäre Lehre des Inhalts beraubt, ihr die revolutionäre Spitze abbricht, sie vulgarisiert. Bei solch einer »Bearbeitung« des Marxismus findet sich jetzt die Bourgeoisie mit den Opportunisten innerhalb der Arbeiterbewegung zusammen. Man vergißt, verdrängt und entstellt die revolutionäre Seite der Lehre, ihren revolutionären Geist. Man schiebt in den Vordergrund, man rühmt das, was für die Bourgeoisie annehmbar ist oder annehmbar erscheint. Alle Sozialchauvinisten sind heutzutage »Marxisten« — Spaß beiseite! …
Bei dieser Sachlage, bei der unerhörten Verbreitung, die die Entstellungen des Marxismus gefunden haben, besteht unsere Aufgabe in erster Linie in der Wiederherstellung der wahren Marxschen Lehre vom Staat.“
[1]

Und im Kleinen Politischen Wörterbuch finden wir dann die folgende kurze Erklärung (Ausschnitt), was unter einem Staat zu verstehen ist:
WB
(Kleines Politisches Wörterbuch, Dietz Verlag 1967, S.623)

Quelle:
[1] W.I. Lenin: Staat und Revolution, Ausgew.Werke, Bd.III, S.467.

Siehe auch: Bourgeoisie und Kleinbürgertum

Nachsatz:
Zugegeben — witzig, klug und streitbar war Karl Held allemal, und einigen Dichtern und Dumpfbacken der „linken“ Szene weitaus überlegen. Dennoch: das obige Zitat ist, wie der ganze Text (hier), keineswegs von jener pragmatischen Einfachheit und sprachlichen Präzision, wie wir sie bspw. in Lenins Texten finden. Und zu jener Zeit gab es durchaus auch „…genügend lauthalse Redner, die bei der studentischen Jugend beliebt waren, mit denen man nicht so leicht fertig wurde in Anbetracht der prasselnden Leere ihrer Phraseologie, die jedoch der mittleren Universitätsintelligenz angepaßt waren. Wladimir Iljitsch sah es oft einfach als Zeitvergeudung an, in solchen Versammlungen zu sprechen.“
(A.Lunatscharski: Wie war Lenin? APN-Verlag, Moskau, 1981, S.85f.)

—> Sprache und Stil Lenins
–> Der Marxismus-Leninismus – eine interessante Wissenschaft mit revolutionärer Perspektive

Siehe auch:
Friedrich Engels: Über den Staat