Erich Weinert: Ferientag eines Unpolitischen

gartenzwerg

Erich Weinert
FERIENTAG EINES UNPOLITISCHEN (1930)

Der Postbeamte Emil Pelle
hat eine Laubenlandparzelle,
wo er nach Feierabend gräbt
und auch die Urlaubszeit verlebt.

Ein Sommerläubchen mit Tapete,
ein Stallgebäude, Blumenbeete,
hübsch eingefaßt mit frischem Kies,
sind Pelles Sommerparadies.

Zwar ist das Paradies recht enge
mit fünfzehn Meter Seitenlänge;
doch pflanzt er seinen Blumenpott
so würdig wie der liebe Gott.

Im Hintergrund der lausch’gen Laube
kampieren Huhn, Kanin und Taube
und liefern hochprozent’gen Mist,
der für die Beete nutzbar ist.

Frühmorgens schweift er durchs Gelände
und füttert seine Viehbestände.
Dann polkt er am Gemüsebeet,
wo er Diverses ausgesät.

Dann hält er auf dem Klappgestühle
sein Mittagsschläfchen in der Kühle,
Und nachmittags, so gegen drei,
kommt die Kaninchenzüchterei.

Auf einem Bänkchen unter Eichen,
die noch nicht ganz darüber reichen,
sitzt er, bis daß die Sonne sinkt,
wobei er seinen Kaffee trinkt.

Und friedlich in der Abendröte
beplätschert er die Blumenbeete
und macht die Hühnerklappe zu,
dann kommt die Feierabendruh.

Er denkt: „Was kann mich noch gefährden
Hier ist mein Himmel auf der Erden!
Ach, so ein Abend mit Musik,
da braucht man keine Politik!

Die wirkt nur störend in den Ferien,
wozu sind denn die Ministerien?
Die sind doch dafür angestellt,
und noch dazu für unser Geld,

Ein jeder hat sein Glück zu zimmern.
Was soll ich mich um andre kümmern?“
Und friedlich wie ein Patriarch
beginnt Herr Pelle seinen Schnarch.

Quelle:
Erbe und Gegenwart, Eine Auswahl aus der deutschen Literatur, Fachbuchverlag Leipzig, 1959, S.180f. Als Lehrbuch an den Ingenieur- und Fachschulen der Deutschen Demokratischen Republik eingeführt. Berlin, den 22.1.1959

Anmerkung:
Dieses Gedicht schrieb der kommunistische Dichter Erich Weinert im Jahre 1930. Nur knapp drei Jahre später erfolgte die Machtübertragung an die Faschisten unter Hitler. Ebenso wie wie damals gibt es auch heute massenhaft solche „Postbeamten“ – dümmliche und desinteressierte Angestellte, Beamte, Handlanger, das Fußvolk des imperialistischen Staates. Solange sie sich noch ihr Bierchen leisten können, und solange die Mülltonne vor der Haustüre noch regelmäßig geleert wird, stört es sie nicht, was in der Welt passiert. Sie glauben, was die BLÖD-Zeitung ihnen vorschreibt, kaufen, was die Supermärkte gerade mal im Angebot haben, und die Proleten rennen derweil treu und brav von einem Job zum anderen, zwei bis drei Jobs am Tag! – man will ja seine Arbeit nicht verlieren. Und ab und zu wird mal ein bißchen gemeckert: in der Leserbriefspalte der Heimat-Zeitung oder zu Hause in der Küche. Wen interessiert’s? Bald ist ja wieder Wahl, dann kriegen wir endlich eine neue Regierung! So sieht das deutsche Wahlvolk aus: dumm, leichtgläubig und zufrieden! Oder etwa nicht?

21 Gedanken zu “Erich Weinert: Ferientag eines Unpolitischen

  1. Vielen Dank dafür, dass solche inzwischen fast schon vergessenen, besser totgeschwiegenen kulturellen Schätze aus der politisch bewussten deutschen Arbeiterbewegung wenigstens auf diese Weise wieder mal an’s Tageslicht kommen!
    Diese (scheinbar!)“unpolitischen“ Spießer, Kriecher, Unterthanen, diese bigotten Kreaturen, sie leben fort, ob in Deutschland oder anderswo.
    Wir treffen sie en masse auch in heutigen Schrebergarten-Kolonien, aber auch auf „Love-Parades“, bei Fußball-Großereignissen, auf „Malle“, Antalya(TR), in Bangkock oder Pataya(Thailand) in den entsprechenden Rotlicht-Vierteln, an vor dem einheimischen Hunger und Elend perfekt abgeriegelten Stränden in der Karibik oder am Roten Meer…, sich überhaupt überall bei den „faulen Griechen, „Itackern“ etc. sich möglichst pauschal-billig räkelnd….
    Sie zählen zu den sozialen, gesellschaftlichen Stützen aller kapitalistischen und imperialistischen Eliten, deren Staatsgebilden, wie unterschiedlich politisch verfasst auch immer.
    Erich Weinert, Bert Brecht, Kästner u.v.a….., echte kommunistische Kunst vergangener Zeiten wird so lange zeitlos-gültig bleiben, so lange wir noch immer in diesem kapitalistischen System schmorren müssen.
    Und auch Danke für den Bücher-Hinweis, diese Büchlein habe ich mir gleich bei ZVAB bestellt.
    Denn ich glaube, da findet man sicher noch mehr solcher scheinbar zeitlosen Schmankerl!

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  2. In seinem Sessel, behaglich dumm;
    Sitzt schweigend das deutsche Publikum.
    Braust der Sturm herueber, hinueber;
    Woelkt sich der Himmel duester und trueber;
    Zischen die Blitze schlaengelnd hin;
    Das ruehrt es nicht in seinem Sinn.

    Karl Marx, aus: Deutsches Publikum

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      1. Tja, Marx war eben ein Genie! Im Verlag Neues Leben erschien 1970 in der DDR ein „Poesiealbum“ mit Gedichten und Epigrammen von Karl Marx – selbiges steht auf S.18 …und ein paar Seiten weiter lesen wir:

        Darum laßt uns alles wagen,
        Nimmer rasten, nimmer ruhn;
        Nur nicht dumpf so gar nichts sagen
        Und so gar nichts wolln und tun.

        Nur nicht brütend hingegangen,
        Ängstlich in dem niedern Joch,
        Denn das Sehnen und Verlangen
        Und die Tat, sie blieb uns doch.

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  3. Schöner Beitrag. Wie gefährlich es ist, anderen die „Geschäfte“ zu überlassen, hat man ja gesehen. Nicht zu reden, von dem kollektiven Nichtwissen später.

    Mein Beitrag: ich gehe immer zur Wahl und da kriegt jeder sein Fett weg, der mir nicht passt. Leider hat es meistens kein Einfluss auf das Wahlergebnis.

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    1. Liebe Luise, du hättest echt das Zeug zu einer haitianischen Wunder-Priesterin! 🙂

      Du schwörst auf „Wählen“ und „Heimzahlen“?

      Nun, diese haitianischen Priester und Priesterinnen, wenn sie jemanden „bestrafen“, gar töten wollen, so basteln sie sich Strohpüppchen als Ersatz für die reale Person und traktieren dann diese kleinen niedlichen Strohpüppchen mit Nadelnstichen, in der Hoffnung, dem Glauben, diese damit „bestrafen“ oder gar „vernichten“ zu können!

      Ja, so funktioniert auch diese von den Herrschenden initinierte „repräsentative Demokratie“!

      Nun, liebe Luise, du kannst mir doch folgen, oder? 🙂

      Beste soz. Grüße von Harry

      (sei mir nicht böse, du erkennst doch eigentlich selber – sieher dein letzter Satz! – diesen Quatsch mit dem „Wählen“ unter der Diktatur des Kapitals, einer herrschenden imperialistischen Großbourgeoisie und deren bestens ausstaffierten politischen, medialen UND gewerkschaftlichen Lakaien?)

      Also…, Nix für ungut!

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  4. Hallo Genosse Norbert,
    Das darf doch nicht wahr sein!
    Erich Weinert hat zum Glück noch etwas besseres als diese Proletkult-Versen. Daß Leserinnen und Lesern noch dafür schwärmen ist unbegreiflich.
    Gerade in der DDR war die zusätzliche Versorgung der Bevölkerung mit Obst und Gemüsen aus Schrebergarten sehr von vonnöten und willkommen egal ob der Inhaber der Parzelle Unpolitisch oder Genosse war.
    Meines Erachtens hat Erich Weinert unendlich viel Besseres gedichtet (und nachgedichtet auch – Sowjetlyrik aus dem Russischen)
    Kleine Kostprobe aus „Der Sozialismus lebt!“: ……….Nichts Größeres ward in der Welt getan,
    Als was die Völker Lenins wissend schufen
    Gestaltend Stalins klaren Schöpferplan.
    Der Sozialismus lebt! Kein Vatikan
    Und keine Weltmacht kann ihn mehr verrufen. (1935)
    Und sein schönstes Stück ist „Im Kreml brennt noch Licht“ (1940)
    Mit sozialistischem Gruß,
    Nadja

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    1. Nein, Nadja, Deine Aufregung ist ganz und gar unbegründet! Erstens schrieb E.W. das Gedicht schon im Jahre 1930 (!), also kurz vor Anbeginn des dt.Faschismus und zweitens gibt es – ebenso wie damals – heute massenhaft solche „Postbeamten Pelle“, die nach dem Motto leben: „Mein Name ist Hase…“, und von alledem nicht gewußt haben wollen.

      Dieser Menschentyp ist gar zu widerlich, als daß man dafür die Kleingärtnerei unnötig rühmen sollte. Das ist ein anderes Thema, durchaus ein berechtigtes.
      Danke aber für den Hinweis auf weitere Gedichte.

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      1. Genosse Robert,
        Ob in den Weimarer „System“-Jahre oder BRD-Wildwestkapitalismus, haben Menschen ein Recht drauf „unpolitisch“ zu sein.
        Menschen können nicht gezwungen zu Revoluzzer gemacht werden. Da nutzt solche grobe Agitation gar nichts, im Gegenteil.
        Mit sozialistischem Gruß,
        Nadja

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      2. Die Wahrheit ist doch, dass alle diese „Pelles“, damals wie heute, in welchem Land auch immer, keinesfalls so „unpolitisch“ sind wie sie sich nach außen hin gern geben.
        Sie wissen immer recht zielsicher, wo getreten oder abgegriffen werden darf und wo gebuckelt werden sollte, muss.
        Man bekommt für diese „Mitbürger“ im Verlauf des Lebens einen sehr klaren Blick.
        Ein südamerikanischer Schriftsteller, ich glaube Garcia Marquez, oder?…, schrieb einmal vor vielen Jahren, dass gerade die Ignoranz so vieler dieser „Mittelständler“ und kleinen braven Spießer für so viel unendliches Leid in dieser Welt mitverantwortlich seien, weil sie eben alles zuließen, permanent wegschauten….
        Hatte er nicht recht?

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      3. Er hatte recht, Harry. Es wird ja niemand gezwungen, und schon gar nicht zum Revoluzzer. Denn die kann man nicht gebrauchen. Im Sozialismus braucht man ehrliche, aufrichtige, überzeugte Menschen – und keine Mitläufer, Duckmäuser und Speichellecker – das weißt Du doch genau, liebe Nadja! Man kann die Menschen immer nur überzeugen…
        Der Spott von E.W. ist doch berechtigt.

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  5. Hallo zusammen,

    über die „Revoluzzer“ hab ich noch einen…

    War einmal ein Revoluzzer,
    Im Zivilstand Lampenputzer;
    Ging im Revoluzzerschritt
    Mit den Revoluzzern mit.

    Und er schrie: „Ich revolüzze!“
    Und die Revoluzzermütze
    Schob er auf das linke Ohr,
    Kam sich höchst gefährlich vor.

    Doch die Revoluzzer schritten
    Mitten in der Straßen Mitten,
    Wo er sonsten unverdrutzt
    Alle Gaslaternen putzt.

    Sie vom Boden zu entfernen,
    rupfte man die Gaslaternen
    Aus dem Straßenpflaster aus,
    Zwecks des Barrikadenbaus.

    Aber unser Revoluzzer
    Schrie: „Ich bin der Lampenputzer
    Dieses guten Leuchtelichts.
    Bitte, bitte, tut ihm nichts!

    Wenn wir ihn’ das Licht ausdrehen,
    Kann kein Bürger nichts mehr sehen,
    Laßt die Lampen stehn, ich bitt!
    Denn sonst spiel’ ich nicht mehr mit!“

    Doch die Revoluzzer lachten,
    Und die Gaslaternen krachten,
    Und der Lampenputzer schlich
    Fort und weinte bitterlich.

    Dann ist er zuhaus geblieben
    Und hat dort ein Buch geschrieben:
    Nämlich, wie man revoluzzt
    Und dabei doch Lampen putzt.

    Erich Mühsam

    …und – liebe Nadja – nicht so hart über den Proletkult – was die bürgerlichen „Künstler“ heute so auf den Markt werfen – Beispiele ihrer hohen „Kunst“ der massenhaften Verwendung der Fäkalumgangssprache verkneife ich mir lieber…
    Auch nicht alle Literaturpreisträger der vergangenen Jahre (angefangen bei Nobelpreisträgerinnen…) sind nicht gerade hohe Kunst…
    …und da hat EW mit diesem kleinen Gedicht ein bleibendes – und die Zeiten überdauerndes – Werk vollbracht…

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  6. Tolles Gedicht von Erich Mühsam!
    Besonders der letzte Vers gefällt mir, fast eine vorweggenommene Ohrfeige für unsere heutigen „Linken“ und Schein-Kommunisten mit ihren endlosen akademisierenden idiotischen „Debatten“, „Kritiken“, „Emanzipations-Entwürfen“, lächerlichen „Enthüllungen“, frommen hilflosen Wünschen und verächtlichen „Appellen“ und Betteleien an die Adresse der Herrschenden.

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  7. Nur mal so nebenbei. Wichtig ist doch, dass uns diese Literatur nicht verloren geht. So habe ich vor nicht allzu langer Zeit an der Eröffnung eines Lesewettbewerbs der sechsten Klassen teilgenommen. Und da hat eine Schülerin dieses Gedicht vorgetragen, mit Nennung des Verfassers. Sie hat großen Beifall bekommen.
    Es ist hier, meine ich, bei Weinert keine „grobe Argumentation“, eher ein Anfragen an den Adressaten. Wo stehst du? Bist du mit dir zufrieden? Anregung also zum Nachdenken.
    Das lyrische Subjekt argumentiert, aber agitiert nicht.

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  8. ..auch wenn Sie Herr Keuner sind: weder – noch, Weinert argumentiert nicht, er plaudert. Mit einem bissigen Seitenhieb auf die, denen es genauso geht, wie dem Postbeamten Emil Pelle. Gleichwie, der Beifall zeigt, man erkennt! Und, daß uns das nicht verloren geht, deshalb steht es auch hier… 🙂

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  9. hallo zuasmmen,
    ich bin gerade auf der suche…
    und zwar versuche ich das lesebuch zu finden wo zu DDR zeiten das gedicht von erich weinert „ferientag eines unpolitischen“ gedruckt war.
    hat jemand von euch einen gedanken dazu?
    …gruß peer

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